Formel 1

Bei Ferrari hängen die Köpfe: Hamilton gewinnt in China

Hamilton hat beim 1000. Grand Prix die Nase vorn.

Hamilton hat beim 1000. Grand Prix die Nase vorn.

Foto: Reuters

Vettel kann Hamilton einmal mehr nicht stoppen. Der Brite gewinnt das prestigeträchtige 1000. Rennen in der Geschichte der Formel 1.

Shanghai. Kein Rennwochenende in diesem Formel-1-Jahr, in dem Ferrari dank eines Vorsprungs von angeblich 40 PS nicht zum Favoriten erklärt wird. Das 1000. Rennen der Geschichte machte da keinen Unterschied, das Endresultat auf dem Shanghai International Circuit allerdings auch nicht: Der Tausendsassa ist wieder Lewis Hamilton, wie schon im 999. WM-Lauf vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas. Es ist der dritte Doppel-Erfolg in Silber hintereinander – und Sebastian Vettel kommt nur dank einer Stallorder überhaupt aufs Treppchen. Die Roten stehen nach dieser Klatsche nicht bloß unter immer größerem Druck, sondern auch vor einer internen Zerreißprobe.

Bei Ferrari hängen die Köpfe

Um den Gemütszustand beim Heppenheimer und seiner Scuderia abzulesen, reicht ein Stummfilm. Traurige Augen, ein hängender Schnauzer, und eine Analyse, die sich verdächtig so anhört wie die Bilanzen nach dem im Vorjahr verlorenen Titel: „Viel mehr als Rang drei konnten wir nicht anrichten. Und das war schon hart. Wir haben versucht dranzubleiben, aber es ging einfach nicht. Wir hatten den Speed nicht." Ferrari hat alles, was es hatte, auf Vettel gesetzt.

Generell soll das Mittel der Stallregie zwar offen bleiben, was auch der starken Form des neuen Vettel-Nebensitzers Charles Leclerc geschuldet ist, aber noch hat der Deutsche tatsächlich so etwas wie einen Treuebonus. In der elften Runde kommt die Ansage, die Leclerc gefürchtet hat, seit er am Start geschickt innen an seinem Kollegen vorbeigehen konnte, weil dieser hinter dem mit der Kupplung kämpfenden Bottas feststeckte: „Lass Seb vorbei, lass ihn vorbei!"

Das Argument der Ferrari-Strategen, Vettel sei der Schnellere, wollte der 21 Jahre alte Monegasse nicht gelten lassen: „Hey, ich ziehe gerade davon." Aber die Befehlsverweigerung wagt er dann doch (noch) nicht. Schnell wird offenbar, dass auch Vettel den davoneilenden Silberpfeilen nicht beikommen kann. „Ich dachte, ich könnte schneller fahren. Dann war es allerdings schwer für mich, den Rhythmus zu finden. Ich hatte dann ein paar Probleme und den Vorteil, den ich hatte, wieder verspielt", sagt Vettel.

Degradierter Leclerc: Verliere Zeit hinter Vettel

Der degradierte Leclerc ätzte über den Boxenfunk: „Und was jetzt? Ich verliere echt viel Zeit hinter ihm, nur dass ihr das wisst..." Der Ingenieur mahnt, wohlwissend, dass die ganze Welt zuhören kann, zur Konzentration: „Wir besprechen das später." Später, das ist, nachdem Max Verstappen an Leclerc vorbeigehen kann und diesem den vierten Platz wegnimmt. „An dem Punkt des Rennens mussten wir versuchen, Sebastian eine bessere Chance zu geben. Es war eine Entscheidung für das Team, nicht für einen Fahrer", erklärt Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, „aber ich verstehe und akzeptiere, dass Charles sauer ist." Die WM-Reihenfolge lautet nun Hamilton (68), Bottas (62), Verstappen (39), Vettel (37) und Leclerc (36).

In einer Fifty-Fifty-Situation Vettel bevorzugen zu wollen, hatte Binotto schon vor dem dritten WM-Lauf beschieden, und Leclerc hatte das grundsätzlich so akzeptiert, weil auf dem Asphalt immer noch das Gesetz des schnelleren Autos gelten sollte. Vor allem hat der 21-Jährige sofort angekündigt: „Wir brauchen eine Eins und eine Zwei, aber ich will diese Reihenfolge so schnell wie möglich ändern." Binotto behält sich eine Variation je nach den Umständen ohnehin vor, und will in ein paar Rennen die Strategie ohnehin überdenken. RTL-Souffleur Nico Rosberg, einst der mehrheitlich unterlegene Teamkollege von Lewis Hamilton, gesteht: „Ich habe viel Mitgefühl."

Vettel bleibt weiter die Nummer Eins, aber unruhige Zeiten sind angebrochen in Maranello, denn Leclerc ist trotz seiner Unerfahrenheit, die ihn in Shanghai ein besseres Qualifikationsergebnis gekostet hat, schon eine Eins a. „Für die Teamorder muss es einen guten Grund geben", sagt der düpierte Leclerc bewusst doppeldeutig, „aber ich will keine dummen Kommentare abgeben, so lange ich das ganze Bild nicht kenne." Da wird einer nicht akzeptieren, als strategischer Puffer für Vettel eingesetzt zu werden. Sein Manager Nicolas Todt wird das geschickt befeuern, und die italienischen Medien scheinen Leclerc schon den Vorzug gegenüber Vettel zu geben.

Mercedes dominiert

Mattia Binotto gibt bislang immer den gelassenen, verständnisvollen Chef, zumindest ist das die Fassade nach außen hin. Nach innen wird sich das nach dem Jubiläumsrennen sicher anhören, denn der Techniker selbst gerät auch unter immer stärkeren Druck. Auf welches Pferdchen soll er setzen? Warum bringt das Auto die Leistung des Antriebsstrangs nicht auf die Räder? Wie der aufkeimenden Rivalität seiner beiden Fahrer beikommen? Ferrari braucht dringend einen Plan B.

Mercedes macht es vor, aus der über die ganzen erfolgreichen Hybrid-Jahre hinweg gestärkten Souveränität heraus wird jede Ferrari-Unsicherheit ausgenutzt. Die ungeahnte neuerliche Dominanz kommt auch von einem Titelverteidiger Lewis Hamilton, der ungeachtet aller komplizierten Reifenanalysen einfach in den Comeback-Modus schaltet. „Ein von Gott gegebenes Gespür" attestiert ihm Teamchef Toto Wolff. Als Hamilton sich auf seine 75. Ehrung als Grand-Prix-Sieger vorbereitet, steht er vor einem Plakat seines Idols Ayrton Senna, das mit dem Zitat „Ich bin geschaffen um zu gewinnen" garniert ist. Es ist, als blicke der Brite in einen Spiegel. Elmar Brümmer