Dopingskandal

Experte Sörgel: „Lebenslange Sperren halte ich für zu hart“

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Björn Jensen
Der Pharmakologe und Doping-Experte Fritz Sörgel.

Der Pharmakologe und Doping-Experte Fritz Sörgel.

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Karmann / picture alliance / dpa

Der Pharmakologe Fritz Sörgel erläutert, warum Eigenblutdoping so schwer nachzuweisen ist, und wie der Kampf trotzdem forciert werden kann

Hamburg. Der Kampf gegen Doping bestimmt seit dem Auffliegen des Erfurter Labors in der vergangenen Woche wieder einmal die Diskussionen im deutschen Sport. Im Interview erklärt Professor Fritz Sörgel (68), Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, welche Konsequenzen aus den neuen Erkenntnissen gezogen werden müssen.

Hamburger Abendblatt: Herr Sörgel, der österreichische Langläufer Johannes Dürr hat mit seinen Hinweisen den Dopingskandal um einen Erfurter Mediziner ins Rollen gebracht. Sichert ihm das einen Platz in der Sportgeschichte?

Prof. Fritz Sörgel: Ob sein Name oder der des Mediziners mehr im Gespräch bleiben wird, hängt auch davon ab, wie schmutzig die Details noch werden und was aus diesem Skandal folgt. Fakt ist aber, dass es Sportler wie ihn braucht, um solche Machenschaften aufzudecken.

Es geht im Fall des Erfurter Netzwerks um Eigenblutdoping. Dabei wird Sportlern entnommenes Blut mit roten Blutkörperchen, den Erythrozyten, angereichert, um die Sauerstoffaufnahme und damit die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Dann wird es den Sportlern wieder zugeführt. Warum ist das so schwer nachzuweisen?

Die Prozedur, die nun durch die bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld aufgedeckten Fälle bekannt wurde, hat eine bislang nicht dagewesene Qualität. Eigenblut wird am Morgen vorm Wettkampf zugeführt, dieselbe Menge Blut nach dem Wettkampf wieder abgenommen. Dadurch ist nicht einmal mehr eine mengenmäßige Veränderung nachzuweisen. Zwar vermischt sich das zugeführte Erythrozyten-Konzentrat mit dem normalen Blut, man kann ja nicht dieselben 500 Milliliter wieder abzapfen, die man zugeführt hat. Aber der erhöhte Wert für den Blutfarbstoff und Sauerstoffträger Hämogloblin ist durch diese Methode noch schwerer nachzuweisen. Es ist die optimale Art des Eigenblutdopings, sie ist konsequent, war bislang aber so nicht für möglich gehalten.

Athleten direkt vor Wettkämpfen zu Bluttests verpflichten

Wie nützlich ist denn dann der biologische Pass, auch Blutpass genannt, noch?

Er ist eine Art Sieb, das hilft, grobe Verstöße zu erkennen und zu sehen, wo Sportler an Grenzen herandopen. Wirkungslos ist er also nicht, ich halte ihn für eine wichtige und gute Einrichtung. Aber wer das richtige Know-how hat, der wird den Blutpass so manipulieren können, dass die Ergebnisse eines Bluttests unauffällig sind.

Die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) hat als Konsequenz daraus bereits gefordert, Athleten nun auch direkt vor Wettkämpfen zu Bluttests zu verpflichten. Darauf wurde bislang mit Hinweis auf negativen Einfluss einer Blutentnahme unmittelbar vor Wettkämpfen verzichtet.

Man wird um diese Konsequenz nicht herumkommen. Bis zu den Olympischen Spielen 2000 gab es wenige Bluttests, weil man meinte, dies den Athleten nicht zumuten zu wollen. Ebenfalls war das Prozedere, dass Sportler ihre Urintests nackt ableisten müssen, aus Gründen der Privatsphäre lange umstritten. Aber die fortschreitende Kriminalisierung der Dopingmethoden lässt den Fahndern keine andere Wahl, auch wenn es mir für die sauberen Athleten ebenso leid tut wie für die kleinen Verbände, für die solche Kosten schwer zu stemmen wären. Logistisch sind solche Vor-Ort-Labore ein hoher Aufwand, aber möglich. Allerdings sehe ich in Bluttests unmittelbar vor Wettkämpfen auch ein Problem, denn würde man alle Athleten testen, wäre das Zeitfenster für diese Tests so groß, dass der Erstgetestete Zeit genug hätte, nach seiner Blutentnahme sich frisches Blut zuführen zu lassen. Der letzte Getestete hätte keine Zeit mehr für eine Blutinfusion. Sie sehen: Betrug auszuschließen ist leider nie vollständig möglich.

Ist nicht grundsätzlich das Problem, dass die Fahnder regelmäßig an Grenzen stoßen, weil sich die Mittel und Methoden ständig weiterentwickeln und sie immer nur hinterherhecheln?

Es sind weniger neue Mittel, sondern meist doch die alten Bekannten, die genutzt werden. Aber es sind die Methoden und die kriminelle Energie, die das Problem darstellen. Grundsätzlich können wir nur auf das testen, was wir kennen. Und dazu braucht es Whistleblower, die die Fahnder auf die richtigen Fährten setzen. Tatsächlich bräuchte man deutlich mehr investigative Kräfte. Personal, das nach Vorbild von Profilern mit einem kriminalistischeren Blick agiert. Wenn man beispielsweise bei einer WM jedes Team unter Beobachtung eines Profilers stellen würde, könnte man solchen Machenschaften wie systematischem Eigenblutdoping besser beikommen. Aber dazu fehlt das Geld.

In jedem Verband gibt es Menschen, die gegen Doping kämpfen

Hinzu kommt, dass das System Leistungssport weiterhin nicht das Gefühl vermittelt, alles zu unternehmen, um Doping zu verhindern, sondern es lieber totzuschweigen versucht. Auch nach Seefeld wurde eher mit dem Finger auf andere gezeigt, anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Keine Frage, der Leistungssport in seiner Gesamtheit hat kein Interesse daran, das Thema Doping offensiv anzugehen, weil es lange Schatten auf das System wirft und dem Image schadet. Dennoch gibt es in jedem Verband genügend Menschen, die dafür kämpfen, Doping zu verbannen. Das Problem, das wir nicht werden ausschalten können: Wo Wettbewerb ist, ist auch Betrug. Das ist in allen Bereichen der Gesellschaft so, beileibe nicht nur im Sport. Im Sport allerdings ist der moralische Anspruch an Fairness und Sauberkeit höher, deshalb ist Betrug hier auch ein so sensibles Thema.

Wenn man nun aber sieht, wie viel kriminelle Energie im Sport steckt und wie viel Geld der Antidopingkampf, der oft nur an der Oberfläche kratzt, kostet: Können Sie die Hardliner verstehen, die eine Freigabe von Doping fordern?

Keinesfalls darf der Sport in der Form kapitulieren, dass er den Kampf gegen den Dopingbetrug aufgibt. Das größte Problem daran wäre, dass eine solche Freigabe auch Jugendliche beträfe, die ungeschützt wären. Wenn ein Erwachsener nach seiner Ausbildung zum Finanzfachwirt Steuerbetrug begeht, handelt er bewusst kriminell. Wenn im Sport Doping freigegeben würde, würde es auch schon im Nachwuchs verwendet werden, der sich dagegen nicht wehren kann, und der in der Regel auch noch nicht die menschliche Reife besitzt, alle Mechanismen des Leistungssports zu erkennen. Der Sport muss deshalb schon aus moralischen Gründen immer den Versuch machen, Anstand durchzusetzen.

Von Superdopern und Sportlern, die mit Nadeln im Arm erwischt werden

Hardliner am anderen Ende der Diskussionskette fordern lebenslange Sperren für des Dopings überführte Athleten. Sind solche drastischen Strafen ein Weg, Doping auszumerzen?

Auch da bin ich sehr skeptisch. Ich unterscheide schon zwischen Fällen von Superdopern wie Lance Armstrong, die mit einer wahnsinnigen Beschaffungskriminalität und jahrelangem Leugnen verbunden sind, und solchen wie dem österreichischen Langläufer Max Hauke, der in Seefeld mit der Nadel im Arm erwischt wurde. Mein erster Gedanke, als ich das sah, war: Was wird dessen Mutter sagen, wenn sie das sieht? Keine Frage: Jedem Sportler, der dopt, mache ich einen Vorwurf, denn natürlich hat grundsätzlich jeder die Möglichkeit und auch die Pflicht, es abzulehnen. Aber die Ausführungen von Geständigen, die das Abrutschen in ein System schildern, in dem nur mithält, wer mitdopt, zeigen, dass es Unterschiede gibt. Deshalb halte ich grundsätzlich lebenslange Sperren beim ersten Verstoß für zu hart.

Hintermänner wie den Erfurter Mediziner maximal hart zu bestrafen, dazu wird es aber wohl kaum zwei Meinungen geben, oder?

Das sehe ich auch so, ihm gehört die Approbation entzogen. Aber auch da stelle ich mir die Frage, wie es möglich ist, dass eine Familie von zwei Medizinern und einem Juristen so in die Kriminalität abgleiten kann. Und wenn ich lese, was alles bereits über diese Familie bekannt war, wundert es mich, dass dort nicht schon früher genauer hingeschaut wurde. Diese Frage geht an den Sportverband Thüringens.

Dopingsünder, die nach Ablauf der Sperre wieder in der Spitze mithalten

Genauer hinschauen wird man in Zukunft auch bei Ausdauersportarten, in denen Doping systemimmanent scheint. Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie heute Sport schauen? Läuft, springt, wirft der Zweifel immer mit?

Aus beruflicher Sicht sicherlich. Persönlich gehöre ich aber auch zu denjenigen, die keine Freude daran haben, permanent Zweifel zu hegen. Ich erfreue mich an sportlichen Höchstleistungen und stelle als Fan nicht sofort alles infrage. Ich bin auch deshalb gegen lebenslange Sperren, weil ich finde, dass jeder eine zweite Chance verdient hat, so wie man bei einem Straftäter nach Haftentlassung auch an die Läuterung glaubt und auf Resozialisierung setzt.

Wenn man allerdings sieht, dass verurteilte Dopingsünder nach Ablauf ihrer Sperre sofort wieder in der Spitze mithalten, was sehr oft der Fall ist, fällt der Glaube an Läuterung schwer.

Da haben Sie zweifellos recht.

Im deutschen Sport hoffen nun alle, dass die einzige deutsche Komponente des jüngsten Skandals der Mediziner bleibt. Sind die rund 40 beschlagnahmten Blutbeutel zweifelsfrei ihren Besitzern zuzuordnen?

Grundsätzlich sind sie über DNA-Tests zweifelsfrei zuzuordnen. Aber dazu muss man eine Liste von Namen haben, um genau diese Sportler zu testen. Man kann ja kein Massentesten machen wie in Kriminalfällen. Dank des Antidoping-Gesetzes, das der organisierte Sport verhindern wollte, ist es aber immerhin möglich, dass ein Staatsanwalt entsprechende Tests anordnen kann. Deshalb hoffe ich sehr, dass alle Sünder enttarnt werden können.

Und wie realistisch ist es, dass unter diesen keine deutschen Athleten sind?

Natürlich gibt es auch bei uns Betrüger. Ich glaube aber, dass wir tendenziell mit Doping ein kleineres Problem haben als viele andere Nationen. Das liegt daran, dass in der deutschen Gesellschaft die Ablehnung von Sportbetrug sehr hoch ist. Doping ist bei den meisten verpönt, die Medien berichten darüber viel kritischer als anderswo. Das trägt dazu bei, dass auch Sportler ein Bewusstsein dafür entwickeln, Doping abzulehnen. Umso wichtiger ist es, den Kampf gemeinsam zu verschärfen. Dazu gibt es keine Alternative.

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