HSV-Handballtorwart

„Zum Glück war ich nur selten der Verlierer“

Ein langer Schlaks: Aron Rafn Edvardsson ist mit 2,05 Metern fünf
Zentimeter größer als das Handballtor

Ein langer Schlaks: Aron Rafn Edvardsson ist mit 2,05 Metern fünf Zentimeter größer als das Handballtor

Foto: Witters

Handballtorwart Aron Rafn Edvardsson spricht über seine Ziele mit dem HSVH, sein Spiel und das Erfolgsgeheimnis seines Heimatlandes.

Hamburg.  An der belebten Binnenalster ist Aron Rafn Edvardsson nicht zu übersehen. Nicht, weil der Torwart des Handball Sport Vereins Hamburg mit dem in Vereinsoptik zugepflasterten Pkw vorfährt. Der 29 Jahre alte Isländer ist mit seiner Körpergröße von 2,05 Metern auch ohne auffallendes Gefährt eine Erscheinung. Ein Riese, an dem nach Möglichkeit nur wenige Bälle vorbei ins Tor fliegen sollen. Nach Möglichkeit. Denn den Königstransfer des Zweitliga-Aufsteigers, den es nach Erstligastationen in der Heimat, Schweden und Dänemark sowie eineinhalb Jahren beim Zweitligisten SG BBM Bietigheim nach Hamburg zog, plagen weiterhin die Folgen einer schweren Gehirnerschütterung.

„Es war ein mächtiger Wurf an meinen Kopf. Ich habe ein Video davon“, zeigt Edvardsson den Clip auf seinem Handy. Den Saisonauftakt in Balingen (29:32) hat er verpasst, vor dem Heimspielstart am Sonntag (15 Uhr/Sporthalle Hamburg/sportdeutschland. tv) ist der 80-fache National­spieler ins Training zurückgekehrt. Ob er spiele, werde eine Abschlussuntersuchung am Sonnabend zeigen, sagt Edvardsson im Gespräch mit dem Abendblatt.

Herr Edvardsson, wissen Sie, was besonders an Ihnen ist?

Aron Rafn Edvardsson: Nein. Meine Größe ...?

Auch, ja. Dazu sind Sie der erste isländische Profihandballer, der in Hamburg aktiv ist.

Edvardsson: Ja, das stimmt. Das ist eine gute Geschichte für die Zeitung. Alle im Club haben überlegt, keiner konnte sich an einen Namen erinnern. Auch einen isländischen Fußballer hat es hier noch nicht gegeben.

Ein Torhüter mit Ihrer Vita, wieso haben Sie sich für einen Zweitliga-Aufsteiger entschieden? Das ausgegebene Saisonziel des HSVH ist der Klassenerhalt.

Edvardsson: Mein Agent in Island hat mir vom Hamburger Interesse erzählt. Wenn du nach Deutschland gehst, dann sind Kiel, Flensburg, Hamburg und mittlerweile die Rhein-Neckar Löwen die Topadressen. Als ich bei Guif in Schweden war, habe ich im Europapokal gegen Hamburg gespielt. Ich kenne die Atmosphäre in der Halle. Das hat mir gefallen.

Sie wissen aber schon, dass zwischen Europapokal und Zweitliga-Aufstieg die Insolvenz der alten Spielbetriebsgesellschaft lag?

Edvardsson: Ja, ich weiß, dass da eine Krise war. Ich meine das Potenzial und das Renommee des Vereins. Ich kenne die Ziele des Clubs, zurück in die Bundesliga zu kommen. Da will ich dabei sein. Ich habe in Bietigheim bei einem Topteam in der Zweiten Liga um den Aufstieg gespielt. Da kamen 1500 Zuschauer, hier waren es über 3000 in der Dritten Liga. Beim HSVH ist alles noch mal größer, noch professioneller. Als ich zum Medizincheck kam, stand da ein Paparazzi.

Ihr Team ist mit einem Altersdurchschnitt von 23,1 Jahren sehr jung. Dazu körperlich noch nicht so weit wie andere, gestandene Teams. Wie schwer wird die Zweite Liga?

Edvardsson: Ich kenne die Zweite Liga, da brauchen wir uns nicht zu verstecken. Aber es wird ein großer Test für uns als Team. Denn wir müssen als Einheit ohne Superstars auftreten. Wir haben nicht die größten Spieler, auch nicht die schwersten. Aber groß und stark ist nicht alles. Du musst einen Plan haben. Den hat die Mannschaft. Das hat sie gegen Skopje schon bewiesen.

Beim 31:25-Sieg im Rahmen des Heide Cups, als Sie bis zu Ihrem Kopftreffer kurz vor Schluss mit Ihren Paraden ein entscheidender Faktor waren. Wie viel Prozent macht die Torhüterleistung im Handball aus?

Edvardsson: Meiner Meinung nach 100 Prozent. Der Torhüter kann der Held sein und das Spiel gewinnen, oder der Loser. Das reizt mich. Das ist auch der Grund, warum ich Torhüter bin. Zum Glück war ich in meiner Karriere nur selten der Verlierer.

Wären Sie in Bietigheim geblieben, hätten Sie nun die Chance, in der Bundesliga zu spielen. Warum haben Sie den Club vor der Aufstiegssaison 2017/18 verlassen und sind zurück nach Island zu IBV Vestmannaeyja gegangen? Plagte Sie das Heimweh?

Edvardsson: Es stimmt, dass mir meine Familie sehr wichtig ist. In erster Linie hatte ich jedoch das Gefühl, meine Leistung stagniert. Auch deshalb bin ich zurück nach Island gegangen, um mich neu auszurichten. Wenn es nicht so läuft, ist es gut, einen Schritt zurückzugehen, um dann wieder zwei Schritte nach vorne zu machen. Die Erste Liga in Island wird immer professioneller. Mit Vestmannaeyja bin ich Meister und Pokalsieger geworden. Das eine Jahr hat mir auf und neben dem Handballfeld sehr gutgetan.

Ist die isländische Mentalität ein Erfolgsgeheimnis dafür, dass Ihr mit 350.000 Einwohnern kleines Heimatland seit Jahrzehnten Erfolge im Handball feiert – und nun auch im Fußball an WM- und EM-Endrunden teilnimmt?

Edvardsson: Auf jeden Fall. Damit wächst du auf. Wir Isländer können es nicht akzeptieren zu verlieren. Du willst immer gewinnen – egal gegen wen, egal wo. Die Außenseiterrolle, die uns immer von außen zugeschrieben wird, die gibt es in unserem Denken gar nicht.

Trotz der begrenzten Anzahl an Spielern im Handball, der isländische Verband kommt auf 8500 Aktive, Erwachsene wie Kinder, reißen die Erfolge also nicht ab?

Edvardsson: Die U-18-Nationalmannschaft ist vor drei Wochen EM-Zweiter geworden, hat auch Deutschland in der Vorrunde besiegt. Die Größe kann auch ein Vorteil sein. In Deutschland verteilen sich die Talente auf mehrere Vereine, später auf verschiedene Internate. In Island spielen sie alle schon von Anfang an in einem Team zusammen. In Island trainieren nicht Väter ihre Kinder in Jugendmannschaften, sondern gut ausgebildete Trainer. Das beginnt ab sechs
Jahren. Auch ich war zuletzt Assistenz­coach im Club.

Werden Sie auch beim HSVH Jugendspieler trainieren?

Edvardsson: Das ist nicht geplant. Dafür reicht mein Deutsch noch nicht aus. Da wird es schwer, Kindern Dinge zu erklären.

Und was können Sie Ihren jüngeren Torwartkollegen Justin Rundt (23) und Marcel Kokoszka (19), die Sie aktuell vertreten, mit auf den Weg geben?

Edvardsson: In jungen Jahren will man manchmal zu viel. Du kannst nicht jeden Ball halten. Ich versuche mich immer zu fokussieren, bleibe ruhig. Die einfachen Bewegungen im Tor sind entscheidend. Das sieht zwar nicht spektakulär aus, hilft mir aber, über 60 Minuten konstant gut Bälle zu halten.

Ihr Sportchef Martin Schwalb sagt, Sie seien mit 29 Jahren im perfekten Torwartalter.

Edvardsson: Das stimmt. Ich bringe Erfahrung mit, habe aber auch noch große Ziele. Im Januar die WM, wo wir mit Island die Vorrunde in München spielen. Auch der Traum von der Bundesliga bleibt, hoffentlich kann ich den mit Hamburg erreichen.