Exklusiv-Interview

Oliver Bierhoff räumt ein: "Ich habe an Rücktritt gedacht"

Nach dem WM-Debakel stehen Oliver Bierhoff und das DFB-Team unter Druck.

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Nach dem WM-Debakel stehen Oliver Bierhoff und das DFB-Team unter Druck.

Vielen Fußballfans ist der Umbruch nach dem WM-Debakel der Löw-Elf nicht radikal genug. Hier verteidigt der DFB-Direktor sein Vorgehen.

München. Der Neuanfang der deutschen Nationalmannschaft begann Montag in München. Bundestrainer Löw bereitet seinen Kader auf die Länderspiele am Donnerstag gegen Frankreich und am Sonntag gegen Peru vor. Die Nerven sind zwei Monate nach dem WM-Debakel angespannt. Die öffentliche Analyse zum Vorrunden-Aus verfehlte vorige Woche den erhofften Effekt. Trotz aller Selbstkritik: Die Maßnahmen versprechen Anpassungen, keinen Umbruch.

Im Interview verteidigt Nationalelf-Direktor Oliver Bierhoff (50) das softe Vorgehen des DFB und räumt erstmals Meinungsverschiedenheiten an der Verbandsspitze ein.

Herr Bierhoff, sind Sie selbst glücklich mit Ihrem Auftritt bei der WM-Analyse?

Oliver Bierhoff: Ich bin sehr froh, dass die Pressekonferenz endlich stattgefunden hat. Ich kann verstehen, dass es eine lange Zeit war, die wir aber intern für Gespräche, vor allem mit den Spielern, nutzen wollten. Jeder brauchte auch eine emotionale Distanz. Aber jetzt ist wieder ein Teilschritt erledigt, und wir schauen mit voller Konzentration auf das erste Länderspiel gegen Frankreich .

Das Presse-Echo war verheerend. Können Sie nicht nachvollziehen, dass von der Pressekonferenz keine Aufbruchstimmung ausgegangen ist?

Bierhoff: Das Ausscheiden unserer Mannschaft bei der WM war verheerend. Bei aller Kritik an der Pressekonferenz haben viele registriert, dass der Bundestrainer und ich sehr selbstkritisch an die Sache herangegangen sind. Ich habe schon vorher gesagt, dass wir aus dieser PK nicht als große Gewinner rausgehen. Für mich ist entscheidend, dass der Trainer von unserem Weg überzeugt ist.

Welche Botschaft wollten Sie denn senden?

Bierhoff: Dass wir uns sehr selbstkritisch hinterfragt haben. Dass wir unsere Fehler erkannt haben. Dass wir hoch motiviert sind, nun aus den Fehlern zu lernen und alles zu tun, um das Schiff wieder auf Kurs zu bringen.

Und dann ändern Sie praktisch nichts.

Bierhoff: Das sagen Sie. Wir ändern einiges – und dann wird es in Zukunft auch wieder besser laufen.

Hmm.

Bierhoff: Jeder hat gemerkt, dass die Grundeinstellung fehlte. Wenn zu der wiedererlangten positiven Haltung die nötigen handwerklichen Anpassungen im taktischen Bereich hinzukommen, bin ich überzeugt, dass wir wieder ein anderes Bild unserer Nationalmannschaft sehen werden.

Irritiert Sie das gar nicht, wenn Rekordnationalspieler Lothar Matthäus die Halbherzigkeit beim DFB beklagt?

Bierhoff: Ich habe zwei Monate lang sehr viele Kommentare von Experten gelesen. Kritik gehört dazu, wir stellen uns, ganz klar. Vieles kann ich auch gut nachvollziehen, mancher Hinweis ist absolut berechtigt und gut. Aber am Ende müssen wir wissen, wovon wir überzeugt sind und wo der Weg hingeht.

Unterm Strich klingt das nach: „Weiter so!“ Erreichen Sie die Vorschläge nicht? Dieter Hoeneß zum Beispiel vermisst in der Mannschaft Typen wie Sandro Wagner, die Reizpunkte setzen.

Bierhoff: Und sein Bruder Uli Hoeneß sagt: Man soll nicht alles über den Haufen werfen, sondern mit den gleichen Spielern weitergehen. Das zeigt, wie unterschiedlich die Vorschläge sind. Und es zeigt, dass die Nationalmannschaft die Menschen nach wie vor bewegt.

Uli Hoeneß hat Ihnen doch öffentlich geraten, dass Sie Mesut Özil aussortieren sollen.

Bierhoff: Er und viele andere haben aber auch gesagt: Lasst euch nicht verrückt machen. Wir haben gute Spieler. Wir sollen denen vertrauen, die Qualität aufweisen und das in der Vergangenheit gezeigt haben. Es gibt die ganze Bandbreite an Meinungen.

17 von 23 WM-Spielern sind dabei, nur drei neue Spieler, dazu ein paar Änderungen im Trainerstab: Das kann’s doch nicht gewesen sein.

Bierhoff: Wir haben zusätzlich wieder ein paar weitere junge Spieler nominiert, die noch nicht in der ersten Reihe stehen und nun ihre Chance bekommen sollen. Zum Beispiel Jonathan Tah. Leroy Sané. Julian Brandt. Das Wichtige ist doch: im Moment können wir reden, so viel wir wollen – entscheidend ist, wie wir uns nun präsentieren. Die Wahrheit liegt auf dem Platz — an dieser Fußball-Weisheit ist schon was dran.

Dann werde ich konkreter. Jerome Boateng ist verletzungsanfällig und kommt in die Jahre. Er wird in vier Jahren, meine Prognose, keine WM spielen. Warum ist er noch dabei? Warum nicht den Weg für Niklas Süle freimachen, damit er die Drucksituation und die Verantwortung lernt?

Bierhoff: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Ich bin überzeugt davon, dass gerade ein Niklas Süle oder auch Jonathan Tah im Moment noch extrem viel lernen und profitieren kann von Jerome Boateng, der nach wie vor zu den besten Innenverteidigern der Welt zählt, wenn er topfit ist.

Es sieht dennoch nach Dankbarkeit des Bundestrainers aus und nicht nach Leistungsprinzip.

Bierhoff: Ich finde, dass Dankbarkeit und Loyalität in unserem Geschäft einen unglaublich hohen Wert haben. Wir kaufen keine Spieler für zwei Jahre. Bei der Nationalmannschaft agieren wir situationsbedingt. Wenn wir also jemanden nominieren, dann immer erst mal für die nächste Länderspielphase und nicht für ein Jahr. Zum Thema Leistungsprinzip: jetzt ist Weltmeister Frankreich der Gegner.

Sie weichen aus.

Bierhoff: Wir denken sehr wohl an die Entwicklung von Spielern. Das haben wir immer wieder gezeigt. Umso wichtiger ist, dass die Spieler in ein gutes Korsett eingebaut werden. Wir sind nicht an einem Punkt wie 2004, als wir den großen Umbruch einleiten mussten. Die Notwendigkeit, den ganz großen Schritt mit jungen und unerfahrenen Spielern zu tun, ist 2018 nicht angebracht. Wir müssen jetzt sehen, dass wir eine gute Mannschaft für die EM 2020 hinbekommen.

Als Michael Ballack 2010 wegen einer Verletzung nicht zur WM konnte, war plötzlich Licht für die Generation um Sami Khedira und Mesut Özil da, um aufzublühen. Man könnte auf Toni Kroos verzichten, um ein neues Mittelfeld aufzubauen. Das wäre radikal.

Bierhoff: Wenn Toni Freude und Frische ausstrahlt, brauchen wir über ihn nicht diskutieren. Man müsste dann so konsequent sein und alle Weltmeister infrage stellen. Und dann Spieler haben, die bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen. Ein Lahm, ein Schweinsteiger, ein Podolski waren damals auf einem anderen Stand als heute ein Julian Brandt oder Leroy Sané oder Julian Draxler. Natürlich möchte man ihnen mehr Verantwortung geben. Aber Sané und Draxler haben in ihren Vereinen auch nicht immer gespielt. Dann darf man sie nicht mit der Führungsrolle überfordern. Ich unterteile nicht in alte oder junge Spieler, in Weltmeister oder nicht Weltmeister, sondern nur in gute oder schlechte.

Was soll dann der neue Verhaltenskodex bei der Nationalelf bewirken?

Bierhoff: Wir hatten vor der WM 2006 einen Leitfaden verfasst. Es geht um Respekt. Professionalität. Identifikation. Zuverlässigkeit. Gemeinsame Ziele. Daraus leitet sich eine Richtung ab, in die wir gemeinsam gehen. Im Verhalten miteinander oder mit den Fans.

Sind die Regeln nicht so selbstverständlich, dass man sie gar nicht aufschreiben muss?

Bierhoff: Manchmal muss man die einfachen Dinge beim Namen nennen und sie sich immer wieder vor Augen halten. Wichtig ist, dass wir das gemeinsam mit den Spielern gestalten, das wollen sie auch.

Wenn man Respekt einfordert, heißt das nur: dass es keinen Respekt gibt.

Bierhoff: Grundsätzlich braucht man solche Leitplanken, um als Mannschaft ein gutes Bild abzugeben.

Hat ja prima funktioniert, wenn Mesut Özil nach neun Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit nicht mal seinen Trainer zurückruft. Wie kann das sein?

Bierhoff: Er hat sich dazu entschieden, was ich sehr bedauerlich finde. Das Verhältnis war immer gut. Er ist aber eher jemand, der solche Gespräche scheut. Ich hoffe, dass wir den Weg zum Gespräch finden. Denn ich will die Dinge verstehen, die passiert sind. Ich versuche weiterhin, mit ihm in Kontakt zu kommen und mit ihm zu sprechen.

Ihr Slogan „Die Mannschaft“ wirkt dadurch im Nachhinein tatsächlich arg aufgesetzt.

Bierhoff: Bei den sechs Turnieren vorher gab es keine Skandale oder Ungereimtheiten. Darauf bin ich stolz. Und das, obwohl intern immer wieder Reibereien passierten. Wer glaubt, dass eine Mannschaft ohne Konfliktfelder besteht, ist sehr naiv. Das muss so sein. Aber wir haben nach außen immer ein sehr gutes Bild abgegeben, diese Geschlossenheit gehabt. Beim siebten Turnier hat das aus unterschiedlichen Gründen nicht geklappt.

Halten Sie am Begriff „Die Mannschaft“ fest?

Bierhoff: Wir werden das jetzt analysieren. Der Begriff kam ja unter anderem nach dem Erfolg von Brasilien in internationalen Medien vor, die uns so bezeichnet haben. Das haben wir aufgegriffen.

Etwas Schwarz-Rot-Goldenes auf dem Trikot würde schon helfen. Interessiert Sie das?

Bierhoff: Ja, natürlich – obwohl ich keine Trikot-Designs entwerfe.

Schon nach der EM 2016 gab es einen großen Trainergipfel in Paris, wo die Erkenntnis aufkam: Defensive und Standards werden wichtiger. Der einzige Verband, der nicht da war, war der DFB. Wie kann das passieren? Joachim Löw verkaufte diese alte Erkenntnis jetzt als Neuigkeit aus der WM 2018.

Bierhoff: Natürlich waren wir informiert über die Dinge, die dort besprochen wurden, und Jogi hat auch Kontakt mit anderen Trainerkollegen. Diese Erkenntnis ist sicherlich nicht an uns vorbei gegangen, in der Vorrunde bei der EURO haben wir auch schon stets gegen tief stehende Mannschaften gespielt, denken Sie allein an das Spiel gegen Nordirland. Jogi Löw hat gesagt: Dass man trotz dieser Erkenntnis überzeugt war, unseren Spielstil mit Ballbesitz fortzuführen.

Und das kann man nicht früher ändern?

Bierhoff: Wahrscheinlich waren wir ein auch durch unseren Erfolg geblendet. Das war unser Fehler. Jogi Löw ist ein Verfechter des schönen Spiels. Aber ich höre aus den Gesprächen mit den Trainern heraus, dass man auch andere taktischen Varianten diskutiert. Dass er variabel sein kann, haben wir ja beim Sieg im Confed-Cup gezeigt, als wir eine ganz andere Ausrichtung hatten und defensiver aufgestellt waren.

Hat die Nationalmannschaft genügend Unterstützung aus der Bundesliga?

Bierhoff: Unser Misserfolg in Russland hat nichts damit zu tun, ob unsere Nachwuchsarbeit besser oder schlechter ist. Aber wir sehen in naher Zukunft Probleme auf uns zukommen. Wenn wir früher in den Auswahlmannschaften vier, fünf Ausnahmespieler hatten, sind es heute ein oder zwei. Da müssen wir gemeinsam mit der Liga und den Klubs, die das gleiche Interesse haben, größere Anstrengungen unternehmen, um den Kreis von potenziellen Nationalspielern zu erweitern.

Steht es so schlimm um den Nachwuchs?

Bierhoff: Einige unserer Weltmeister von 2014 waren vorher U-21-Europameister und Stammspieler in ihren Vereinen. Das sehen wir bei unserem letzten U21-Europameister von 2017 schon weniger, dieser Trend zieht sich in den jüngeren Jahrgängen durch. Wie viele Top-Torhüter haben wir noch? Wie viele Top-Spieler? Umso wichtiger wird es sein, herausragende Talente wie Kai Havertz behutsam und wohl dosiert aufzubauen.

Werden wir irgendwann auch einen Kylian Mbappé in Deutschland haben?

Bierhoff: Ich hoffe schon. Wenn es weniger Spieler aus dem Nachwuchs in die A-Mannschaft schaffen, heißt das nur, dass wir in der Jugendarbeit nachlegen müssen. Wir müssen in der Ausbildung wieder Dinge wie Individualität und Kreativität einfordern. Sicherlich waren wir in der Vergangenheit sehr taktisch ausgerichtet und haben zu viele gleichartige Spieler entwickelt.

Geht das so einfach?

Bierhoff: Da koppelt sich der Fußball nicht vom Leben ab. Das ist auch ein gesellschaftliches Thema. Haben die Spieler heutzutage noch den Biss? Verstehen sie Fußball als Möglichkeit zum sozialen Aufstieg? Wenn ich als Spieler von kleinauf betreut werde, alles vorbereitet wird, sie alles abgenommen bekommen, werden diese Spieler schwerlich Eigenverantwortung übernehmen können.

In Zukunft soll es in Ihrem Bereich eine Art Beirat geben. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Bierhoff: Für mich ist es ein Expertenkreis, dem ich in gewissen Zyklen unsere Arbeit in meiner Direktion vorstelle und kritisch von außen bewertet bekomme. Der Beirat soll aus früheren Spielern bestehen, Trainern, auch Fachleuten aus der Wirtschaft. Ein Kreis von vielleicht bis zu zehn Personen, die mir Hinweise und Anregungen geben. Ich denke an Koryphäen aus dem Fußball wie Berti Vogts oder an den früheren Adidas-Chef Herbert Hainer.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum DFB-Präsidenten Reinhard Grindel beschreiben?

Bierhoff: Unser Verhältnis ist professionell. Wir befinden uns immer im engen Austausch. Und müssen nicht immer einer Meinung sein. Aber auch bei Meinungsverschiedenheiten gehen wir professionell miteinander um.

Müssen DFB-Präsident und Nationalmannschaftsdirektor nicht wie aus einem Guss zusammenarbeiten?

Bierhoff: Das tun wir doch. Wichtig ist, dass man an einem Strang zieht und nach außen mit einer Stimme spricht. Ich glaube, es bereichert auch, wenn man intern kontrovers miteinander diskutiert und in der Sache um die besten Lösungen ringt.

Der Eindruck ist, dass er Sie in Ihren Kompetenzen beschneiden will.

Bierhoff: Der Eindruck ist verkehrt, und so hat er es auch nie gesagt. Richtig ist, dass er meinen Verantwortungsbereich aufgezeigt hat. Das fand ich auch gut, damit deutlich wird, was ich hier beim DFB mache. Aber dass wir einen Akademieleiter und einen Sportdirektor brauchen, habe ich selbst den Verantwortlichen frühzeitig gesagt. Und die beiden arbeiten ja auch unter meiner Leitung. Insofern ist es keine Maßnahme, die meinen Bereich beschneidet, sondern erweitert.

Waren Sie immer überzeugt, dass Ihr Job sicher ist?

Bierhoff: Ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es Mechanismen geben kann, welche die Verantwortlichen im Präsidium zu der Meinung kommen lassen, dass ich nicht mehr der Richtige auf der Position bin. Umso mehr hat es mich gefreut, dass mir sowohl der Präsident und das Präsidium als auch die Liga und die Landesverbände das uneingeschränkte Vertrauen ausgesprochen haben und meine Arbeit wertschätzen.

Haben Sie mal an Rücktritt gedacht?

Bierhoff: In der Nacht nach dem WM-Ausscheiden habe ich natürlich daran gedacht – das lässt doch niemanden kalt. Aber ich habe gelernt, nicht emotional zu entscheiden, sondern über wichtige Themen und Ereignisse zu schlafen und nachzudenken. Ähnlich wie bei Jogi Löw hatte ich schnell wieder Energie und Kraft, die Dinge anzugehen. Wir haben Spaß und ein gutes Team in der Direktion. Das gebe ich nicht leichtfertig auf.

Macht es selbstsicherer, wenn man im Fußball schnell einen neuen Job finden würde?

Bierhoff: Natürlich ist es gut zu wissen, dass man an anderer Stelle auch gefragt wäre. Aber darum geht es im Moment nicht. Ich konzentriere mich jetzt auf meine Aufgabe. Bei aller Kritik in den letzten Wochen: Ich bin mir bewusst und auch dankbar, dass ich mich in einer sehr guten Situation befinde, wenn ich die Lage von manchen anderen Menschen in Deutschland sehe, die um ihre Arbeit bangen.

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