Hamburg

Sie trainiert erfolgreich eine Basketball-Herrenmannschaft

Sükran Gencay
trainierte auch
schon eine Damenmannschaft

Sükran Gencay trainierte auch schon eine Damenmannschaft

Foto: Patrick Meller

Die 32-jährige Sükran Gencay coacht seit mehreren Jahren die männlichen Korbjäger des Eimsbütteler TV.

Hamburg.  In gewisser Weise ist sie sogar ein Vorbild für die NBA. Während in der besten Männer-Basketballliga der Welt noch über eine mögliche erste Cheftrainerin diskutiert wird, ist die 32-jährige Sükran Gencay schon einen Schritt weiter: Sie coacht seit mehreren Jahren mit den Herren des Eimsbütteler TV (ETV) männliche Korbjäger. Und das bemerkenswert erfolgreich: Fünf Aufstiege in sieben Spielzeiten haben sie in die 1. Regionalliga geführt und damit zum höchstrangigen weiblichen Chefcoach einer Männermannschaft im deutschen Basketball gemacht. Zum Vergleich: Die ambitionierten Hamburg Towers spielen kommende Saison in der Zweiten Bundesliga Pro A nur zwei Klassen höher als der Aufsteiger aus dem Herzen Hamburgs.

Der Erfolg ist auch und vor allem ein Verdienst Gencays, die alle nur „Süki“ nennen. „Ich kenne einige Jungs schon seit der Jugend. Mit der U 20 sind wir 2014 Norddeutscher Meister geworden“, erzählt die gebürtige Hamburgerin, die in der Towers-Heimat Wilhelmsburg aufwuchs. Begonnen hat sie vor mehr als zehn Jahren als Trainerin im weiblichen Jugendbereich, bis beim ETV jemand für die männliche U-16-Mannschaft gesucht wurde. Gencay war interessiert. Gencay wurde es. Der Einstieg in die „Basketball-Männerwelt“ wurde zugleich der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Authentisch und verlässlich

Dass es ziemlich perfekt funktionierte, war nicht unbedingt zu erwarten. Eine 1,60 Meter große Frau türkischer Herkunft und muslimischen Glaubens unter lauter Sportlerriesen: Kann das gut gehen? Es kann. Und zwar ohne großen Aufwand. „Ich habe nie so richtig darüber nachgedacht, wie ich mir als Frau unter Männern Autorität erarbeite. Es geht darum, dass man authentisch und verlässlich ist und Respekt vor jedem Menschen hat“, sagt die Wirtschaftsingenieurin. Ihr half, dass sie sich auch beruflich schon seit dem Studium in einem stark männlich geprägten Umfeld bewegt.

Gencay, die als Spielertrainerin auch schon Basketball-Damen betreute, hat also Erfahrung in der Betreuung beiderlei Geschlechter im Erwachsenenbereich. „Der Unterschied ist gar nicht so groß, wie viele denken“, sagt sie. „Männer können besser mit Konkurrenzsituationen umgehen, sie haken Konflikte leichter ab.“ Ins Refugium eines jeden Hallensportlers, die Umkleidekabine, dringt die ETV-Trainerin nur für ihre Ansprachen vor dem Spiel und in der Halbzeitpause ein. „Ansonsten klopfe ich an. Es ist aber noch nie zu einer peinlichen Situation gekommen“, sagt die Trainerin schmunzelnd.

„Süki ist eine Toptrainerin“

Auch André Dias dos Reis, einer ihrer Spieler, bestätigt, wie untergeordnet die Geschlechterfrage im Eimsbütteler Team ist: „Wenn jemand neu zu uns kommt, stutzt er vielleicht erst einmal. Aber nach ein paar Trainingseinheiten nicht mehr. Süki ist eine Toptrainerin und menschlich ebenso gut.“ Dias dos Reis ist halb Portugiese, halb von den Kapverdischen Inseln und damit Stellvertreter für die multikulturelle Korbjagd beim ETV. Gencay findet es gut. „Die Vielfalt hilft, Vorurteile in den Köpfen abzubauen. Ich habe Freunde und Spieler jeglicher Coleur um mich herum. Auch dass ich Muslimin bin, ist nur eine Facette
von mir.“

Während in der deutschen Wirtschaft noch kontrovers über Quoten debattiert wird, hat Gencay längst eine Führungsposition inne. Denn die Aufbauspielerin, die selbst aktiv in der Regionalliga dribbelt, ist auch Basketball-Abteilungsleiterin beim ETV, einem der größten Sportvereine Hamburgs. Dort will sie mit einigen Mitstreitern und Mitstreiterinnen die Strukturen verbessern, vor allem im Nachwuchsleistungsbereich. Eine Basketball-Entwicklungshelferin also in vielfacher Hinsicht – vielleicht auch für Frauen am Rande des Spielfeldes.

Nach der Hochzeit im vergangenen Jahr muss die Familienplanung wegen des Sports noch etwas warten. Kein Problem für Ehemann Emanuel. Der 32-Jährige spielte früher selbst in der Regionalliga und unterstützt seine umtriebige Ehefrau voll und ganz. Genau wie die gesamte Familie Gencays. „Nur meine Mama macht sich manchmal Sorgen, dass ich mich übernehme“, sagt die Tochter. Ihre eigene Entwicklung ist für die lernbegierige Trainerin längst noch nicht abgeschlossen. Vielleicht schafft sie es bis in den Profibereich? Man sollte nie ‚nie‘ sagen. Aber ich bin realistisch und weiß, dass das sehr schwierig ist.“

Am 15. September geht es in der neuen Liga los

Gerade hat sie erfolgreich die Prüfung zur B-Trainerin absolviert. Und am 15. September geht es los in der neuen Liga – mit dem 26 Jahre alten US-Amerikaner Tyseem Lyles aus Brooklyn in New York als Verstärkung. Gencay sieht der Herausforderung gelassen entgegen: „Wir sind Außenseiter, werden aber keine Ehrfurcht zeigen. Am Ende ist es immer noch der gleiche Sport.“

Das erste Heimspiel bestreiten die ETV-Regionalliga-Herren am 23. September um 16 Uhr gegen MTB Baskets Hannover in der Sporthalle Hohe Weide.