St. Petersburg

Zwei sturmfeste Säulen

Halbfinale Belgien gegen Frankreich: Die Torhüter Thibaut Courtois und Hugo Lloris sind bei dieser WM endlich auch verlässliche Siegbringer

St. Petersburg. Bester Ausgangspunkt für die Entdeckung St. Petersburgs ist der Schlossplatz vor dem Winterpalast. Hier spürt man die gewaltigen Dimensionen der Stadt im Mündungsdelta der Newa. Und hier steht die Alexandersäule.

Wie sie dem riesigen Gelände, auf dem die Touristen aus dem Staunen nicht herauskommen, eine gewisse Erhabenheit vermittelt, sollen Torhüter für eine Fußballmannschaft sein. Ruhepol selbst in Zeiten, in denen um sie herum der größte Trubel herrscht. Was naturgemäß bei einer WM-Endrunde irgendwann der Fall ist.

Wer weit kommen will, hat in jüngerer Vergangenheit immer einen solchen Faktor unter der Latte gehabt. Der ewige Gianluigi Buffon war bei der WM 2006 der Beste seines Fach, und eigentlich galt dasselbe bei der WM 2010 auch für den heiligen Iker Casillas. Dass Manuel Neuer wiederum die WM 2014 entscheidend prägte, hat niemand verdrängt.

Wären Italien, Spanien und Deutschland ohne einen Sieggaranten zwischen den Pfosten Weltmeister geworden? Wohl kaum. Drei Torhüter, drei Geschichten, drei Gewinner. Schreiben Hugo Lloris oder Thibaut Courtois nun mit dem Halbfinale zwischen Frankreich und Belgien (20 Uhr/ARD) heute das nächste Kapitel? Sowohl der französische als auch der belgische Schlussmann haben im Viertelfinale das hinter sich, was man gemeinhin ein Torwartspiel nennt.

Bei Lloris, 31 Jahre, 102 Länderspiele, ereignete sich der Schlüsselmoment gegen Uruguay (2:0) in der 44. Minute: Gegnerischer Freistoß, Kopfball von Martin Cáceres. Reflexartig parierte der 1,88-Meter-Mann mit der rechten Hand. „Es war keine Parade, es war eher wie ein Tor für uns“, sollte Trainer Didier Deschamps später in Nischni Nowgorod sagen. „Ja, war ein Ereignis des Spiels“, sagte der Held bescheiden, dem viele oft vorhielten, er mache zwar wenig Fehler, aber von ihm gingen zu wenige Wegweiser aus.

Der Stammkeeper der Tottenham Hotspur gibt denjenigen, der am Tag vor einem wichtigen Spiel stets zur sogenannten „MD-1“-Pressekonferenz erscheint. Kurzes Frage-Antwort-Spielchen. Motto: keine Mätzchen machen, keinen Verrat begehen, keine Grundsatzreden vortragen. Der aus Nizza stammende Lloris beherrscht das aus dem Effeff und war auch am Montag in St. Petersburg derjenige, der noch vor Deschamps zum Verhör erschien. „Es ist eine große Ehre, dieses Halbfinale zu bestreiten. Es macht uns stolz, unserer Nation ein Lächeln zu schenken“, richtete Lloris aus. Vor dem ersten Gruppenspiel gegen Australien hatte er bereits gesagt: „Wenn uns kein Unfall passiert, können wir weit kommen. Diese junge Generation hat eine große Chance, wenn sie sich immer auf den nächsten Schritt konzentriert.“ Und wenn sie sich in einer entscheidenden Sekunde auf seine Nummer eins verlassen kann. Frankreichs Torwart trägt übrigens auch die Kapitänsbinde.

Belgiens Torhüter hingegen eignet sich hingegen nicht zwangsläufig zum Klassensprecher. Die Rolle von Courtois, 26 Jahre, 63 Länderspiele, fürs große Ganze ist eine andere. Trainer Roberto Martinez hat das Kapitänsamt bewusst an Eden Hazard übertragen, um den Supertechniker noch mehr in die Verantwortung zu nehmen. Bei seiner Nummer eins stand die Seriosität im Nationalteam auf einer schwierigen Belastungsstufe, als Gerüchte aufkamen, er habe mit einer ehemaligen Freundin seines Mitspielers Kevin De Bruyne eine Affäre gehabt. In seiner Biografie „Keep it Simple“ sprach De Bruyne selbst das delikate Thema von vor mehr als fünf Jahren an, das längst keines mehr ist.

Courtois, von dem es heißt, er sei ein guter Zuhörer und glänzender Koch, eckte allerdings noch einmal an, als unter Trainer Marc Wilmots bei der EM 2016 vieles schieflief. Direkt nach dem verlorenen Viertelfinale gegen eigentlich limitierte Waliser wagte sich die nicht fehlerlose Nummer eins als Erster aus der Deckung und beschrieb nicht nur die teaminternen Risse, sondern nahm auch einen taktischen Verriss vor. Das kam nicht überall gut an.

Inzwischen allerdings ist auch der Ballfänger vom FC Chelsea ein elementarer Bestandteil der flämischen und wallonischen Einigungsgeschichte. Der Sohn der belgischen Volleyballprofis Gitte und Thierry Courtois, aufgewachsen in der Provinz Limburg, hat sein Meisterstück ebenfalls am Freitag beim Weiterkommen gegen Brasilien (2:1) gemacht. Neunmal feuerte der Rekordweltmeister auf sein Gehäuse, aber mit allen Körperteilen stemmte sich der 1,99-Meter-Hüne dagegen.

„Ich habe heute gezeigt, warum ich hier bin“, richtete Courtois hinterher in Kasan aus. Der unterlegene Nationaltrainer Tite fasste den Unterschied gegenüber Belgien so zusammen: „Sie waren stark. Und sie hatten Courtois.“ Eine Stütze. Sturmfest wie die 600 Tonnen schwere Alexandersäule auf dem Schlossplatz von St. Petersburg.

Frankreich: 1 Lloris – 2 Pavard, 4 Varane, 5 Umtiti, 21 Hernández – 14 Matuidi, 13 Kanté, 6 Pogba – 7 Griezmann – 10 Mbappé, 9 Giroud.Belgien: 1 Courtois – 22 Chadli, 2 Alderweireld, 4 Kompany, 5 Vertonghen – 8 Fellaini, 6 Witsel – 10 E. Hazard, 7 De Bruyne, 11 Carrasco – 9 Lukaku.
Schiedsrichter: Andres Cunha (Uruguay)