Hamburg

Der starke Mann des HSV Hamburg

Marketingchef Sebastian Frecke entscheidet über den Etat der Zweitligahandballer und alle Neuverpflichtungen

Hamburg. Die Visitenkarten sind noch nicht gedruckt, die Aufschrift steht aber seit Längerem fest: Sebastian Frecke, Geschäftsführer Handball Sport Management und Marketing GmbH (HSM). Der 32-Jährige ist vom 1. Juli an der neue starke Mann des Zweitligaaufsteigers HSV Hamburg.

Ohne seine Zustimmung läuft künftig nichts mehr auf der Geschäftsstelle in der Volksbank-Arena und am Spielort in Winterhude, der Sporthalle Hamburg. Die HSM ist im Besitz der Zweitligalizenz, damit der Ansprechpartner der Handball-Bundesliga (HBL). Und der Mann, der den geschätzten Etat von bisher knapp zwei Millionen Euro verantwortet, sagt: „Ich stehe für Solidität und Nachhaltigkeit. Wir werden nur das ausgeben, was wir einnehmen.“ An dieser Aussage will er sich messen lassen. Um Einnahmen und Ausgaben ständig im Blick zu haben, soll ihm in den nächsten Wochen ein kaufmännischer Geschäftsführer zur Seite gestellt werden.

Einziger Gesellschafter der HSM, die am 26. Februar unter der Nummer HRB 150.463 ins Hamburger Handelsregister eingetragen wurde, ist bisher der Handball Sport Verein Hamburg. Das Stammkapital beträgt 25.000 Euro. An der Gesellschafterstruktur soll zunächst nichts geändert werden. Nach den Lizenzbestimmungen der HBL kann der Verein bis zu 49 Prozent seiner Anteile verkaufen. Wie in der Fußballbundesliga muss der Club immer die Mehrheit halten.

Freckes Aufgabenbereich ist umfangreich, eine 60-Stunden-Woche garantiert. Er soll neue Sponsoren akquirieren, alte betreuen, und er ist verantwortlich für das gesamte Personal, für vier Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle und rund 25 Spieler und Trainer. Alle Verträge gehen über seinen Tisch, ohne sein Plazet kann kein neuer Spieler verpflichtet werden. Fest steht bisher nur einer: Rechtsaußen Thies Bergemann (22/THW Kiel/TSV Altenholz). Die Verhandlungen mit dem umworbenen isländischen Nationaltorhüter Aron Rafn Edvardsson führten bislang nicht zur Unterschrift des 28-Jährigen.

Neuer Hauptsponsor soll im Juli unterschreiben

Die Marketing-Gesellschaft geht ohne finanzielle Belastungen an ihre Arbeit. „Wir beginnen bei null“, sagt Frecke. Das stimmt nicht ganz. Im Gegenteil: Mehr als 600.000 Euro sollten bereits oder demnächst auf dem Konto liegen, die Einnahmen aus dem Verkauf von mehr als 2000 Dauerkarten für die neue Saison (Vorjahr: 1960). Für die Altschulden wiederum, rund 250.000 Euro, haftet der Verein, dazu kommen nach Abendblatt-Informationen private Darlehen.

Dass Frecke der richtige Mann für den Job ist, bezweifelt im Verein niemand mehr. 90 Prozent der aktuell 110 Sponsoren und Partner hat er in den vergangenen zwei Jahren persönlich besorgt. Und der Abschluss mit einem ausländischen Hauptsponsor, dem ersten in der neuen Vereinsgeschichte, steht offenbar kurz bevor. Frecke: „Wir hatten gute Gespräche, ich hoffe, die Verträge bald vorbereiten zu können.“ Es wäre sein bisher größter Coup.

Die Insolvenz der inzwischen aufgelösten HSV Handball Betriebsgesellschaft mbh & Co. KG vom Januar 2016 ist Frecke eine Warnung, die damaligen Fehler nicht zu wiederholen: „Trotz finanzieller Vorbelastung haben wir uns in den vergangenen zwei Jahren aus der 3. Liga Nord nach oben gekämpft und das erste Klassenziel erreicht. Wir werden weiter jeden Stein umdrehen und mit konsequentem und vernünftigem Wirtschaften eine solide Basis für die Zukunft schaffen.“ Die alte Betriebsgesellschaft hatte genau das – trotz 16 Kommanditisten und einer Gesamteinlage von 2.210.251,50 Euro, 251,50 Euro kamen vom Verein, nicht geschafft. Im Januar 2016 meldete der Hamburger Insolvenzverwalter Gideon Böhm die Bundesligamannschaft, zu diesem Zeitpunkt Tabellenvierter, vom Spielbetrieb ab. Frecke spricht ungern über diese Zeit, sie belastet schließlich seine heutige Arbeit: „Wir müssen verlorenes Vertrauen wieder herstellen. Das ist bekanntlich ein mühsamer Prozess. Wir brauchen wohl noch zwei, drei Jahre, um die Vergangenheit endgültig hinter uns zu lassen.“

Frecke hatte im November 2014 sein Studium (Jura und Sportmarketing) in Jena abgebrochen, um beim HSV Hamburg als Vertriebsassistent und Jugendtrainer anzuheuern, für ganz kleines Geld. „Ich war schon immer Fan des Vereins, habe mein Auto verkauft, eine kleine Wohnung genommen und mich an die Arbeit gemacht. Meine Eltern waren allerdings über diesen Schritt nicht gerade begeistert.“

Ein halbes Jahr später war Frecke Vertriebsleiter beim HSV, lernte den jetzigen Vereinspräsidenten Marc Evermann kennen, der ihn nach der Insolvenz der Betriebsgesellschaft in seiner Unternehmensgruppe Horizonte anstellte. Zum 1. April 2016 wurde der Vertrag gleich wieder aufgelöst, damit er sich hauptberuflich um den Wiederaufbau des HSV Hamburg kümmern konnte. „Im Nachhinein“, sagt Frecke heute, „habe ich alles richtig gemacht.“

Jetzt lernt der leidenschaftliche Handballer erst mal Golfen. Auf einem Golfplatz, hat er festgestellt, lassen sich in entspannter Atmosphäre leichter gute Gespräche mit Firmenvorständen führen. Und Frecke hat eins gelernt: „Lieber ein Nein abholen, als gar nicht erst gefragt zu haben.“ Momentan ist die Quote der Jasager weit größer. „Sehr viele sehen unser Projekt zunehmend positiv“, sagt er.