Rostow am Don

Südkoreas Schwachpunkt ist die Defensive

Trotz des 1:2 gegen Mexiko hat das Team von Ex-HSV-Profi Heung-Min Son noch Chancen aufs Erreichen des Achtelfinales

Rostow am Don. Als Erstes kamen die Verletzten. Zunächst humpelte Südkoreas Kapitän Sung-Yueng Ki auf Krücken durch die Katakomben des Stadions von Rostow am Don. Dann kam Mittelfeldmann Se-Jong Ju aus der Kabine, der ebenfalls gestützt werden musste. Und ganz am Ende, just in dem Moment, als auf den Bildschirmen der Anpfiff von Deutschland gegen Schweden gezeigt wurde, folgte Superstar Heung-Min Son mit gesenktem Haupt.

Eine Verletzung hatte der frühere Bundesligastürmer vom HSV und von Bayer Leverkusen nicht erlitten. Aber man spürte schnell, dass Südkoreas 1:2 gegen Mexiko den Star der „Red Devils“ sehr viel mehr als jedes mögliche Wehwehchen schmerzte. „Ich bin sehr, sehr traurig“, sagte Son. „Schon unser erstes Spiel gegen Schweden war nicht unser bestes. Aber heute bin ich einfach nur traurig, dass wir besser gespielt haben, mehr Chancen hatten, uns aber nicht belohnen konnten.“

Tatsächlich erspielte sich Südkorea bei Temperaturen jenseits von 30 Grad Celsius gegen Deutschlandbezwinger Mexiko ein veritables Chancenplus, woraus die Asiaten allerdings kaum Kapital schlagen konnten. Am Ende zählten die Statistiker 17:13 Schüsse für Südkorea, 6:5 direkte Torschüsse, 7:5 Ecken – aber 1:2 Tore. „Bis zum 0:1 haben wir gut gespielt“, haderte Son. „Und dann bekommen wir so einen unglücklichen Handelfmeter.“

Unter dem Strich stehen nun zwei Niederlagen in Russland, turnierübergreifend sogar acht Partien ohne WM-Sieg und erneut das fast besiegelte Vorrundenaus. Es gibt nur noch eine sehr theoretische Möglichkeit, sich doch noch für das Achtelfinale zu qualifizieren: Südkorea müsste gegen Deutschland gewinnen und gleichzeitig auf eine Niederlage Schwedens gegen Mexiko hoffen. Natürlich sei das unwahrscheinlich, räumte Son ein. Aber: „Wir geben trotzdem nicht auf.“

Und genau diese Mentalität ist es, die Deutschland am Mittwoch (16 Uhr) durchaus vor Probleme stellen kann. „Wir werden bis zum letzten Abpfiff kämpfen“, kündigte auch Sons Offensivpartner Hee-Chan Hwang an. Dem Torjäger aus Salzburg, der gegen Mexiko keinen Sahnetag erwischte, wird das größte Entwicklungspotenzial in Koreas Kader nachgesagt. Im Frühjahr soll sich Borussia Dortmund nach dem 22-Jährigen erkundigt haben. Zuletzt hatte auch RB Leipzig Interesse angemeldet. Dass nun Hwang die Partie gegen Deutschland nutzen könnte, um Werbung in eigener Sache zu betreiben, wollte der pfeilschnelle Stürmer so allerdings nicht stehen lassen: „Natürlich will ich mein Bestes geben. Es geht hier aber nicht um mich.“

Bis 2017 trainierte Uli Stielike das Nationalteam Südkoreas

Es geht vielmehr um die Ehre der Nation. In Rostow am Don saß Präsident Moon-Jae In neben Fifa-Präsident Gianni Infantino auf der Tribüne. Wer aber die Historie des Verbandes verfolge und die koreanische Mentalität kenne, der wisse, dass man als Trainer jederzeit mit Konsequenzen zu rechnen habe, sagte Ex-Nationaltrainer Uli Stielike im Interview mit der „Bild am Sonntag“. Der Coach wurde im vergangenen Jahr trotz einer überdurchschnittlichen Siegquote von 67 Prozent entlassen und von Tae-Yong Shin ersetzt. „Ich war zwei Jahre und neun Monate dort – und war damit der dienstälteste Trainer der vergangenen 50 Jahre“, sagte Stielike. „In Korea muss sofort, wenn etwas nicht wie gewünscht läuft, ein Schuldiger präsentiert werden.“

Tatsächlich wurde der Ton nach der Partie gegen Mexiko bereits rauer. Stielikes Nachfolger Shin, der wie ein asiatischer Zwillingsbruder von Joachim Löw daherkommt, musste in der Pressekonferenz nach dem Spiel eine Reihe von Fragen zur Taktik und Einstellung seiner Mannschaft über sich ergehen lassen. „Wir haben ein Spiel gespielt, das wir trotz der Niederlage nicht bereuen müssen“, wehrte Shin in bester Löw-Manier die Attacken der Presse souveräner ab als seine Mannschaft die Angriffe der Mexikaner.

Denn während der Offensive um Tottenhams Superstar Son, den Salzburger Hwang, Jae-Sung Lee (Jeonbuk Hyundai Motors) und Seon-Min Moon (Incheon United) durchaus Potenzial nachgesagt wird, gilt Südkoreas Defensive als Schwachpunkt – insbesondere nach den Verletzungen der beiden defensiven Mittelfeldspieler Ki und Ju.

Schwerer als die körperlichen Nachwirkungen aus der Partie gegen Mexiko dürften allerdings die mentalen Nachwirkungen ins Gewicht fallen. „Wir müssen unseren Kopf bis Mittwoch frei bekommen. Das wird gar nicht einfach sein“, sagte Son, für den der wunderschöne Ehrentreffer zum 1:2 auch kein Trost war. „Es ist ein schwerer Moment für die ganze Mannschaft.“ Die Freude auf die Partie gegen seine alte Wahlheimat („Ich bin ein Deutschland-Fan“) will sich der mehrfache asiatische Fußballer des Jahres allerdings nicht nehmen lassen: „Man spielt ja nicht oft im Leben gegen so eine tolle Mannschaft wie Deutschland.“ Gegen Mexiko habe die DFB-Auswahl zwar nicht überragend gespielt, räumte Son ein. „Aber für mich ist Deutschland noch immer die Nummer eins der Welt. Deutschland kann noch immer diese WM gewinnen“, sagte Son.

Was er nicht sagte, aber vielleicht dachte: Und Südkorea kann noch immer verhindern, dass Deutschland überhaupt ins Achtelfinale einzieht.

Südkorea: Jo – Lee Yong, Kim Young Gwon, Jang, Kim Min Woo (84. Hong) – Lee Jae Sung, Ki, Ju (64. Lee Seung Woo), Moon (77. Jung) – Hwang, Son.Mexiko: Ochoa – Salcedo, Moreno, Gallardo – Layun, Guardado (68. Marquez), Herrera, Alvarez – Vela (77. Dos Santos), Hernandez, Lozano (71. Corona).Tore: 0:1 Vela (26., Handelfmeter), 0:2
Hernandez (66.), 1:2 Son (90.+3).
Zuschauer:
43.472 (ausverkauft).
Schiedsrichter:
Mazic (Serbien). Gelb: Kim, Lee Yong, Lee Seung Woo, Jung.