Amateurboxen in Hamburg

Vorwürfe gegen Morales: Ein Fall, der nur Verlierer kennt

Hamburg war im vergangenen Jahr Gastgeber der Amateurbox-WM

Hamburg war im vergangenen Jahr Gastgeber der Amateurbox-WM

Foto: artisteer / Getty Images/iStockphoto

Missbrauchsvorwurf im Amateurbox-Verband ist juristisch endgültig abgeschlossen. Beteiligte wollen das Geschehen hinter sich zu lassen.

Hamburg.  Christian Morales geht wieder jeden Morgen mit Vorfreude zur Arbeit – so, als hätten ihn die vergangenen 18 Monate nicht tangiert. Vergessen, dass er im Mittelpunkt eines mutmaßlichen Missbrauchsskandals stand, der den Hamburger Amateurbox-Verband (HABV) an den Rand des Zusammenbruchs führte, wird aber niemand. Nicht die, die den Sportdirektor vor Gericht bringen wollten. Und auch nicht er selbst. Denn Morales kämpft darum, seinen Ruf wiederherzustellen.

Zunächst zu den Fakten: Der im Dezember 2016 von einem Familienmitglied des damaligen Verbandspräsidenten Peter Hamel zur Anzeige gebrachte Vorwurf, 2011 von Morales, damals Landestrainer Mecklenburg-Vorpommerns, sexuell missbraucht worden zu sein, hatte zu schweren Zerwürfnissen geführt. Juristisch ist der Fall abgeschlossen. Am 5. April teilte das Oberlandesgericht Rostock mit, der Empfehlung des Landgerichts zu folgen und kein Verfahren gegen den 37-Jährigen zu eröffnen. Gegen die Einstellung der Ermittlungen im September 2017 hatte die Klägerin Einspruch bei der nächsthöheren ­Instanz eingelegt. Doch weder Staats- noch Oberstaatsanwaltschaft sahen hinreichende Ansätze dafür, Morales den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs nachweisen zu können.

Lagerbildung im Boxverband

Allerdings mutmaßte die Staatsanwaltschaft Schwerin in ihrem Einstellungsschreiben, es könne zu einvernehmlichen sexuellen Handlungen gekommen sein. Das ist strafrechtlich nicht relevant, könnte Morales aber wegen des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Trainer und der damals 17 Jahre alten Sportlerin moralisch angreifbar machen. Morales’ Anwalt Maximilian Rakow reagierte fassungslos: „Meinem Mandanten, der jeglichen sexuellen Kontakt zur Klägerin bestreitet, ist zu keinem Zeitpunkt Gelegenheit gegeben worden, sich zu den Vorwürfen zu äußern.“ Es sei zwar üblich, dass der mutmaßliche Täter sehr spät gehört wird, um ihm die Möglichkeit zu nehmen, Zeugen zu beeinflussen. „Aber dass er gar nicht gehört wird, halte ich für Schlamperei.“ Die Staatsanwaltschaft äußerte sich auf Anfrage nicht.

Das Problem, das den Verband lange vor dem juristischen Abschluss zerriss, war die Lagerbildung in Unterstützer und Gegner Morales’. Beide Seiten überzogen sich mit gegenseitigen Vorwürfen. So verdächtigten Morales und sein Cousin Raiko, damals Pressewart und heute Vizepräsident des HABV, eine Fraktion um die Vorstandsmitglieder Frank Rieth, André Walther, dessen als Rechtswartin tätige Frau Nele Rades-Walther und Schatzmeister Torben Koop, das mutmaßliche Opfer zur Anzeige angestiftet zu haben, um ihn loszuwerden. Von der Gegenseite wurde Morales vorschnell für schuldig befunden. Koop, der dies mehrfach öffentlich kundtat, musste eine Unterlassungserklärung abgeben.

Vorstand hob frühzeitig Morales' Suspendierung auf

Dann beging der Hamburger Verbandsvorstand einen entscheidenden Fehler. Nach etwa einem halben Jahr und vor dem Abschluss der juristischen Klärung hob er Morales’ Suspendierung auf, schaffte dadurch Fakten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) empfiehlt, mutmaßliche Täter zu suspendieren, bis die Ermittlungsbehörden ihre Arbeit abgeschlossen haben. Durch die Nichtbeachtung brachte der Verband den Hamburger Sportbund (HSB) und den Deutschen Boxsport-Verband (DBV) gegen sich auf. DBV-Präsident Jürgen Kyas hatte zur Einhaltung der Richtlinie aufgefordert. Die neue HABV-Rechtswartin Ingke Ketels, seit März 2018 im Amt, sagt: „Leider wurde nicht danach gehandelt. Ich hätte dem Vorstand geraten, die Suspendierung nicht aufzuheben.“ Die Folge waren umso mehr verhärtete Fronten.

So wirft Kyas der Fraktion um das Ehepaar Walther, Rieth und Koop vor, durch „gezielte Attacken, die auch gegen den nationalen Verband gerichtet waren“, die Eskalation befeuert zu haben. „Wir wollen mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben.“ Das Quartett wurde im Herbst 2017 wegen verbandsschädigenden Verhaltens aus dem HABV ausgeschlossen.

Nele Rades-Walther kann das bis heute nicht verstehen. „Ich habe in meiner Eigenschaft als Frauenbeauftragte einem Mädchen, das offensichtlich Unterstützung benötigte, geholfen. Ich würde genau so wieder handeln“, sagt sie. Ex-Schatzmeister Koop wirft dem DBV wiederum vor, bis heute kein Hilfsangebot zur Unterstützung beim sportlichem Neuanfang ausgesprochen zu haben. Er fordert: „DBV und die Stadt müssen die Sportlerin mit allen Mitteln unterstützen. Und der Hamburger Verband sollte sich wegen schwerer Verstöße gegen die Selbstverpflichtung des olympischen Sports auflösen.“

Fall weist eine Reihe an Ungereimtheiten auf

Fakt ist: Die Arbeitsweise von Christian Morales sowie seines Cousins Raiko gilt als unbestritten sportlich qualifiziert. Nach Ansicht ihrer Gegner warben sie allerdings gezielt Sportler von anderen Trainern ab. Beliebt machten sie sich damit nicht überall. Ob die Aussicht auf eine Übernahme von Morales’ Posten Motivation genug war, fälschlicherweise Vorwürfe zu erheben, die einen Menschen persönlich vernichten können, ist schwer vorstellbar. Und wer die detaillierten Anschuldigungen liest, die die Klägerin, die mit dem Abendblatt nicht sprechen wollte, zur Anzeige brachte und im Juli 2017 in einem „Spiegel“-Artikel wiederholte, der muss viel Fantasie aufbringen, um die kriminelle Energie nachzuempfinden, die nötig wäre, sich so etwas auszudenken. Und doch gibt es eine Reihe an Ungereimtheiten, die zum Nachdenken anregen.

Warum warnte die Klägerin den Verband nicht, als Morales im März 2016 als „Wunschkandidat“ eingestellt wurde? Warum arbeitete ihr damaliger Freund 2015 auf Morales’ Hochzeit als Fahrer der Gäste, verschob dafür extra seinen Urlaub? Warum half die Klägerin immer wieder auf HABV-Veranstaltungen, auf denen auch Morales anwesend war? Und: 2007 gab es im Hamburger Box-Verband einen ähnlich gelagerten Fall mit derselben mutmaßlich Geschädigten. Der mutmaßliche Täter beteuerte damals ebenso seine Unschuld, zog sich aber sofort aus dem Verband zurück, der Fall wurde juristisch nicht verfolgt. Allerdings versicherte er nun seine Bereitschaft, im Fall Morales für diesen vor Gericht auszusagen. Dass die Morales-Seite diese Vorgänge allesamt als Indizien für eine Verschwörung wertet, ist nachvollziehbar.

Verband sieht sich für das Thema nun sensibilisiert

Ob man deshalb das Verfahren noch einmal auf Eigeninitiative aufrollen lassen will, darüber beraten sich Christian Morales und sein Anwalt noch. Eine Verleumdungsklage gegen unbekannt ist aus Januar 2017 ohnehin anhängig. „Auch wenn es das ganze Leid noch verlängert hätte: Ich hätte mir gewünscht, dass das Verfahren eröffnet wird, denn dann hätte ich meine Unschuld beweisen können“, sagt Morales, der weiß, dass bei Missbrauchsvorwürfen immer Restzweifel bleiben. Auch wenn die Verbände unisono betonen, dass er juristisch als unschuldig gelte und es keine endlose Weiterverurteilung geben dürfe.

Inzwischen unterzeichnete der HABV eine Vereinbarung mit der Hamburger Sportjugend (HSJ), die Richtlinien für den Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener verbindlich festlegt. Wichtigster Punkt: eine Vertrauensperson installieren und schulen. „Wir sind für das Thema jetzt sensibilisiert“, sagt Rechtswartin Ketels.

Dennoch hat es nur Verlierer gegeben. Vor allem eine junge Frau, die entweder sexuell oder für ein Komplott missbraucht wurde, und einen Sportdirektor, der seinen Ruf wiederherstellen muss. Die Wahrheit kennen nur zwei Menschen. Dass einer davon log und dass wohl niemals herauskommen wird, wer von beiden es tat, ist der Makel, mit dem alle Beteiligten fortan leben müssen.