Zugegeben: Als jemand, der der Fußball-Abteilung des FC St. Pauli ungefähr so viel abgewinnen kann wie Schimmelpilz im eigenen Badezimmer, konnte man ein Quantum Schadenfreude nicht verhehlen, als Aziz Bouhaddouz am vergangenen Freitag in der Nachspielzeit zum Flugkopfball ansetzte. Der Kiezkicker in Diensten Marokkos wurde zum Heilsbringer – allerdings für den Iran, dem er mit seinem Eigentor zum 1:0-Auftaktsieg verhalf. Die Hoffnungen des Stadtteilclubs, den Stürmer nach dem WM-Turnier gewinnbringend verhökern zu können, lagen in Scherben.
Dachte man. Doch langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Bouhaddouz alles andere als ein Pechvogel ist, der seinem Land das frühzeitige WM-Aus bescherte, sondern vielmehr ein Trendsetter. Vier Kollegen aus Nigeria, Australien, Polen und Ägypten haben bislang versucht, seinen Lapsus zu kopieren, indem sie den Ball ebenfalls in ihr eigenes Tor beförderten. Damit ist diese WM auf Rekordkurs, die bisherige Höchstmarke – sechs beim Turnier 1998 in Frankreich – nur noch ein mickriges Eigentörchen entfernt. Doch so hübsch wie Bouhaddouz traf keiner.
Es ist dem sympathischen Nordafrikaner deshalb zu wünschen, dass er einen Verein findet, der seine Künste wirklich zu schätzen weiß. Nur nach Kolumbien sollte er nicht wechseln. Dort wurde der Nationalspieler Andrés Escobar nach einem Eigentor gegen die USA bei der WM 1994 erschossen. Und das ist selbstverständlich das schönste Eigentor der Welt nicht wert.
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