Hamburg

Zweite Liga braucht erstklassige Planung

In der Aufsichtsratssitzung warb HSV-Präsident Bernd Hoffmann für einen radikalen Neustart: Cheftrio im Abstiegsfall vor dem Aus

Hamburg.  Es ist schon eine Weile her, dass der einstige HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer einen bemerkenswerten Satz gesagt hat: „Die Entscheidungen werden im Volkspark getroffen.“ Humoristischen Charakter hatte diese so harmlos klingende Banalität vor allem deswegen, weil Beiersdorfer noch am Vortag statt im Volkspark in der Firmenzentrale von Kühne und Nagel mit dem damaligen Kontrollchef Karl Gernandt die Entlassung Mirko Slomkas verabredet hatte. Immerhin: Mit knapp vier Jahren Verspätung sollte Beiersdorfer am Dienstagabend recht bekommen. Statt wie ursprünglich von Ex-Präsident Jens Meier geplant, fand die erste Aufsichtsratssitzung mit Neu-Präsident Bernd Hoffmann nicht am Ballindamm, sondern dort statt, wo in den kommenden Wochen jede Menge Entscheidungen getroffen werden: im Volkspark.

Krall bleibt Aufsichtsratschef, Hoffmann wird Stellvertreter

Und Entscheidung Nummer eins war bereits am Abend schnell gefallen: Anders als zunächst erwartet, bleibt Michael Krall bis auf Weiteres Aufsichtsratschef – und Hoffmann wird sein Stellvertreter. Darauf hatten sich die beiden, die am Wochenende zusammen beim Nordderby in Bremen waren, bereits vor der Sitzung, an der zeitweise auch die Vorstände Heribert Bruchhagen und Frank Wettstein teilnahmen, geeinigt. Weitere Entscheidungen wurden nach der Sitzung nicht öffentlich.

Das dürfte sich allerdings schon sehr bald ändern. So hat Hoffmann am Abend sehr deutlich gemacht, dass er es ernst meint mit der angekündigten Revolution: „Ich halte Kontinuität für die falsche Strategie. Wir müssen alles auf den Prüfstand stellen“, hatte der frühere Vorstandschef vor zehn Tagen in der Kuppel in Lurup den applaudierenden Mitgliedern vom Podium aus zugerufen.

Nun denn. Anderthalb Wochen später ist die Katze aus dem Sack: Nach Abendblatt-Informationen soll sich Hoffmann auf der Sitzung ab 18 Uhr dafür stark gemacht haben, dass neben Vorstandschef Bruchhagen auch Sportchef Jens Todt gehen muss. Doch damit nicht genug: Im Falle des verfehlten Klassenerhalts dürfte auch der gerade erst von Bruchhagen und Todt verpflichtete Trainer Bernd Hollerbach, der genau wie Vorgänger Markus Gisdol im Abstiegsfall weiter bezahlt werden müsste, ersetzt werden. Teile des Aufsichtsrats sollen sogar über die Möglichkeit einer sofortigen Entlassung des bislang sieglosen Trainers nachgedacht, diese aber verworfen haben.

Der Grund für die plötzliche Eile liegt auf der Hand: Bis zum 15. März um 15.30 Uhr muss der HSV die Lizenzunterlagen für die Bundesliga und die Zweite Bundesliga eingereicht haben. Zudem müssen die stark abstiegsbedrohten Hamburger der DFL bis zum 1. April eine Plan-Gewinn- und Verlustrechnung für die Zweite Liga vorlegen. Und obwohl Finanzvorstand Wettstein auf der Mitgliederversammlung angekündigt hatte, ligaunabhängig die Lizenz zu erhalten („Das ist sicher“), ist mindestens genauso sicher, dass der HSV zumindest für den Abstiegsfall harte Bedingungen erfüllen muss.

Das wahrscheinlichste Szenario: Der HSV will versuchen, den Profietat auf unter 30 Millionen Euro zu halbieren. Dabei muss man wissen, dass die Verträge von nahezu allen HSV-Profis auch im Abstiegsfall ihre Gültigkeit behalten – der Club im Normalfall allerdings 40 Prozent der jeweiligen Gehaltskosten einsparen würde. Unabhängig davon stünden alle Leistungsträger, für die es trotz des Abstiegs noch eine Nachfrage gibt, zum Verkauf. Eine entsprechende Ablöse dürfte sich der HSV besonders bei Filip Kostic und Fiete Arp erhoffen, zudem wären Walace, Douglas Santos und Kyriakos Papadopoulos ­lohnende Verkaufskandidaten. Bei anderen Topverdienern wie Bobby Wood, André Hahn oder Albin Ekdal könnte der Club zwar keine nennenswerte Ablöse erwarten, allerdings wären diese selbst bei reduziertem Gehalt in Liga zwei nicht bezahlbar. Die ab Sommer vertragslosen Aaron Hunt, Dennis Diekmeier, Lewis Holtby, Nicolai Müller und Gotoku Sakai wären ohnehin nicht zu halten.

Zum Vergleich: Auch beim VfB Stuttgart mussten nach dem Abstieg 14 Spieler gehen, 15 Neuzugänge kamen. Doch obwohl die Fluktuation beim HSV sogar noch krasser ausfallen könnte, dürfte sich die DFL keinesfalls nur mit dem Versprechen zufrieden geben, dass die Hamburger ausmisten und den Gehaltsetat halbieren. Nach Abendblatt-Informationen gilt es als sicher, dass der HSV darüber hinaus erneut eine Bürgschaft als Sicherheit vorlegen müsste. Erster Ansprechpartner soll aus Mangel an Alternativen – Trommelwirbel – Investor Klaus-Michael Kühne sein.

Doch vor dem dritten Schritt müssen bekanntlich zunächst die ersten und zweiten Schritte gemacht werden: Bruchhagen und Todt eben. Besonders Hoffmann soll dafür werben, eine hochkarätige Nachfolgeregelung zu finden, um so schnell wie möglich das Projekt „Neuaufstellen für die Zweite Liga“ zu forcieren. Finanzvorstand Wettstein, den Hoffmann zunächst kritisch beäugt haben soll, ist dagegen für den Neustart fest eingeplant. Genauso wie der frühere Leipziger Johannes Spors, der seit dem 1. Februar als Chefscout und Kaderplaner in Personalunion angefangen hat. Er soll einerseits einen schlagkräftigen Kader für den Wiederaufstieg vorschlagen, andererseits die Scoutingabteilung radikal reformieren.

Auch Trainer Hollerbach droht im Abstiegsfall die Entlassung

Während die Profiabteilung in den kommenden Wochen also komplett auf links gedreht werden dürfte, soll im Nachwuchsbereich mehr oder weniger alles beim Alten bleiben. Die Direktoren Bernhard Peters und Dieter Gudel sollen sich zwar nur mittelprächtig verstehen, gleichzeitig aber ziemlich prächtig ergänzen. Die beiden Talentförderer gelten auch im Abstiegsfall als gesetzt.

Fußball wird beim HSV im Übrigen auch noch gespielt. Sonnabend, 15.30 Uhr. Gegen Mainz 05. Der Ort der Entscheidung? Natürlich: der Volkspark.