Osnabrück

Eine spektakuläre Blamage

Der HSV scheidet durch eine 1:3-Niederlage beim Drittligaclub VfL Osnabrück in der ersten Pokalrunde aus – trotz 72 Minuten in Überzahl

Osnabrück. Fast alle HSV-Profis waren bereits wortlos im Mannschaftsbus verschwunden, als Ahmet Arslan immer noch am Randes des Rasens stand und ein Interview nach dem anderen gab. Der 23-Jährige war bis vor einem Jahr noch selbst ein HSV-Profi. Allein schon deshalb war der mittlerweile beim VfL Osnabrück angestellte Mittelfeldspieler nach dem Erstrundenspiel im DFB-Pokal gegen den HSV ein gefragter Mann. Dass Arslan einer der Protagonisten des 3:1 (1:0)-Sieges des Drittligisten werden sollte, verschlug ihm beinahe die Sprache. „Ich hätte Geld dafür bezahlt, dass wir gewinnen und ich ein Tor schieße“, sagte Arslan, der das zwischenzeitliche 3:0 erzielt hatte. „Diesen Tag hätte ich mir nicht besser erträumen können.“

Für den HSV hieß es nach den ersten 90 Minuten der Saison dagegen mal wieder: Willkommen im Albtraum. Zum dritten Mal in den vergangenen sechs Jahren haben sich die Hamburger in der ersten Runde des Pokals nach allen Kräften blamiert. Nach der holprigen Vorbereitung mit zuletzt vier Testspielen ohne Sieg waren die Erwartungen an den Saisonauftakt des HSV ohnehin schon gering. Doch die Hamburger schafften es, auch die geringsten Erwartungen zu unterbieten.

Obwohl die Mannschaft gegen die in der Liga in vier Spielen noch sieg­losen Osnabrücker 72 Minuten in Überzahl spielte, verlor sie am Ende verdient mit 1:3. Marcel Appiah hatte in der 18. Minute nach einer Notbremse an Bobby Wood früh die Rote Karte gesehen. Zu diesem Zeitpunkt sah alles danach aus, als könne der HSV die befürchtete Blamage verhindern. Am Ende blamierte sich der Club nach den Toren von Halil Savran (39.), Marc Heider (61.) und Arslan (71.) sowie dem Elfmetertor von Wood (73.) so spektakulär wie selten zuvor. „Ich will gar nicht nach Ausreden suchen. Die lasse ich nicht gelten“, sagte Markus Gisdol.

Der Trainer hatte vor dem Spiel noch gewarnt vor dem Gegner und dem „Hexenkessel“ in Osnabrück. Vor 15.700 Zuschauern an der ausverkauften Bremer Brücke sah Gisdol dann in der zweiten Halbzeit fast regungslos dabei zu, wie seine Mannschaft von zehn aufgeputschten Osnabrückern überrannt wurde.

VfL-Verteidiger Nazim Sangaré war der Erste, der vor dem 1:0 den Hamburger Verteidigern Mergim Mavraj und Kyriakos Papadopoulos davon sprintete. Vor dem 2:0 ließ Konstantin Engel Ex-Nationalspieler Nicolai Müller mühelos stehen. Engel war auch vor acht Jahren dabei, als die Hamburger – damals in der zweiten Pokalrunde – schon einmal in Osnabrück aus dem Wettbewerb flogen. „Ich weiß nicht, warum so etwas immer dem HSV passiert“, sagte Gisdol. Seine Erklärung für diesen Nachmittag: „Die Rote Karte war der Knackpunkt. Ab da haben wir unglaublich nachlässig verteidigt. Unser Passspiel war träge. Und dann verlierst du eben bei einem Drittligisten.“

Der HSV hatte nicht nur schlecht verteidigt, er hatte auch in Überzahl überhaupt keine Lösungen parat, um den dezimierten Gegner zu bespielen. Fünf Wochen arbeitete Gisdol mit seiner Mannschaft in der Vorbereitung an diesem Problem. Eine Verbesserung im Vergleich zur Vorsaison war in keiner Weise zu erkennen. Die wenigen Chancen, die sich der HSV herausspielte, wurden zumeist überhastet oder technisch unsauber vergeben.

„Das Problem zieht sich schon durch die Vorbereitung“, sagte Neuzugang André Hahn, der eine gute Gelegenheit liegen ließ. Schon nach seinem ersten Pflichtspiel bei seinem neuen Club weiß er, wie sich seine neuen Kollegen in den vergangenen Jahren oft gefühlt haben. „Du stehst auf dem Platz, guckst immer wieder zur Uhr und denkst: Was passiert hier eigentlich?“

Hahn sprach zudem vom „fehlenden Selbstvertrauen“. Dabei hat die Bundesligasaison noch gar nicht begonnen. Am kommenden Sonnabend startet der HSV mit einem Heimspiel gegen den FC Augsburg in die neue Spielzeit. Schon vor dem Auftakt herrscht in Hamburg Katerstimmung, und die Verantwortlichen müssen sich fragen, ob in der Zusammenstellung der Mannschaft bislang alles richtig gemacht wurde oder ob der Kader noch weiterer Korrekturen bedarf.

Sportchef Jens Todt, der noch bis zum 31. August Zeit hat, weitere Veränderungen vorzunehmen, ist von seinem Team in jedem Fall überzeugt. „Unsere Mannschaft ist total intakt. Da habe ich keinen Zweifel dran.“

Und auch Gisdol will nach dem ersten Rückschlag nicht gleich alles infrage stellen. „Wir sind leidgeprüft, was solche Situationen angeht“, sagte der Trainer. „Wir sind jetzt in der Pflicht, eine gute Reaktion zu zeigen.“ Es sind Sätze, wie man sie in der jüngeren Vergangenheit beim HSV schon häufig gehört hat. Zumindest schaffte es das Team in diesem Jahr schon mehrfach, diese besagte Reaktion zu zeigen. Die Hoffnung auf Besserung stirbt eben auch beim HSV zuletzt.