Boxen

Zirkusboxer Frank holt in der Manege deutschen Meistertitel

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Björn Jensen
Profiboxer Angelo Frank, der im Zirkus Frank als Tierartist mit Hunden und Pferden auftritt (Archivbild)

Profiboxer Angelo Frank, der im Zirkus Frank als Tierartist mit Hunden und Pferden auftritt (Archivbild)

Foto: Klaus Frevert

Frank entschied den Kampf gegen Reimer im Zirkus Europa für sich. Wenig später stand er wieder als Artist in der Manege.

Hamburg. Am Sonntagmorgen war alles wieder, als wäre nichts gewesen. Angelo Frank sprang im Salto von Pferderücken und ließ Hunde durch Reifen hüpfen. Und wer in der Manege des Zirkus Europa an der Alsterkrugchaussee nicht nah genug am Geschehen saß, der konnte nicht einmal die Spuren im Gesicht des Artisten erkennen, die von dem kündeten, dass es doch kein ganz normaler Sonntag war für den 27-Jährigen, der am Freitagabend an selber Stelle Schwerstarbeit verrichtet hatte.

Da nämlich hatte sich Angelo Frank, der ein Doppelleben zwischen Zirkuszelt und Boxring führt, einen Lebenstraum erfüllt. Im Zirkus Europa, den sein Vater Sandro als Familienunternehmen führt, gewann der Weltergewichtler die deutsche Meisterschaft. Gegner im Duell um den vakanten Titel war der Bremer Andreas Reimer, und Frank hatte mit dem in Kasachstan geborenen 36-Jährigen mehr Mühe als mit den Hunden, die er normalerweise durch die Manege dirigiert.

Fans mussten die Luft anhalten

Reimer ist einer der skurrilsten Boxprofis, die es in Deutschland gibt. Sein Stil, wie ein eingesperrtes Raubtier durch den Ring zu schleichen, den Blick stets vom Gegner abzuwenden, um dann mit überfallartigen Schwingern zu attackieren, macht ihn maximal unberechenbar. Angelo Frank wusste das, und auch, dass er sich vor Reimers Schlagkraft in Acht nehmen musste. Dass er technisch der bessere Boxer war, daran blieb über die gesamte Distanz von zehn Runden kein Zweifel. Und dennoch gab es im siebten Durchgang Momente, in denen die rund 500 Fans, die ihren Helden lautstark nach vorn peitschten, die Luft anhalten mussten wie sonst nur bei der Handstandakrobatik, die Angelos Bruder Sandro junior aufführt.

Nach einer Serie harter Kopftreffer wackelte Frank bedenklich, ließ sich schwer atmend in die Seile fallen und rettete sich nur mit Mühe in die Pause. „Solche Momente gibt es im Boxen. Er hat mich schön erwischt, aber wichtig war, dass ich zurückgekommen bin“, sagte Frank später, als er ausgepumpt, aber glücklich an einer Cola nippte und den Kampf analysierte. Wie er zurückkam, das war der Knackpunkt des Duells, das am Ring viele Beobachter als Kandidat für die Wahl zum Kampf des Jahres einstuften. Frank ließ Reimer kaum noch in Schlagdistanz kommen, stellte ihn am Seil und beschäftigte ihn auf diese Weise so, dass er nur noch selten in Gefahr geriet, hart getroffen zu werden. Ein etwas zu deutlicher einstimmiger Punktsieg (99:91, 99:91, 98:94) war der Lohn.

2017 will Frank um die WM kämpfen

„Es war das erwartet harte Stück Arbeit. Es war nicht leicht, angesichts der unglaublichen Atmosphäre die Ruhe zu bewahren, aber die Fans haben mich zum Sieg getragen, deshalb war es ein großartiges Erlebnis“, sagte der neue deutsche Meister, der zudem auch den internationalen deutschen Meistertitel hält und deshalb nach dem sechsten Sieg im sechsten Profikampf nun höhere Ziele anpeilen soll. „Es ist logisch, dass wir 2017 um die EM kämpfen wollen“, sagte Manager Winfried Spiering vom Berliner Wiking-Team, für das Frank kämpft.

Natürlich weiß auch der boxende Artist, dass er seinen Sport mehr in den Mittelpunkt wird rücken müssen, wenn er höhere Ziele angreifen möchte. Noch aber ist er nicht bereit, auf seine geliebten Zirkusauftritte zu verzichten. Noch am Sonntag wurde das Zelt an der Alsterkrugchaussee abgebaut. Vom 3. bis 12. November gastiert der Zirkus Europa in Winsen an der Luhe, bevor es in die Winterpause geht – allerdings nicht für Angelo Frank, der im Dezember für einen Gastauftritt beim Zirkus Carl Busch in Schweinfurt gebucht ist. „Ich will es noch nicht anders, ich liebe mein Leben so, wie es ist“, sagt Angelo Frank, und man glaubt es ihm aufs Wort.

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