Deutsche Skispringer hoffen auf Podestplatz

Nach dem misslungenen Auftakt der Vierschanzentournee wirbt Bundestrainer Werner Schuster um Geduld

Oberstdorf. Die Nacht konnte keine Wunder vollbringen. Bundestrainer Werner Schuster schaute am Morgen danach noch mal auf die Ergebnisliste des Vierschanzentournee-Auftakts und musste zerknirscht feststellen: „Sie hat sich nicht mehr geändert. Leider.“ Es blieb bei dieser Erkenntnis: Kein deutscher Springer konnte mit den Besten um den Sieg kämpfen.

An selber Stelle, wo Schuster und sein Topspringer Severin Freund am Freitag noch voller – berechtigter – Hoffnung gewesen waren und sich große Ziele gesetzt hatten, war die Stimmung gedämpft. In dem kleinen schmucken Pavillon eines Hotels bei Oberstdorf hatte dieses Mal nicht Severin Freund neben ihm Platz genommen, sondern Marinus Kraus. Der 22-Jährige hatte am Sonntag mit Rang acht überraschend das beste deutsche Resultat des Tourneeauftakts geliefert.

Die deutschen Skispringer stecken in einem Dilemma. Mit ihnen und der Vierschanzentournee verhält es sich ähnlich wie bei dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“: Die Deutschen gehen erst aussichtsreich ins Rennen und landen dann unsanft. Dabei standen die Chancen dieses Mal sogar besser als zuletzt. Das Selbstbewusstsein war groß und die Ziele realistisch hoch.

Schuster hatte von einem „Dreigestirn, das um Tagessiege kämpfen kann“, gesprochen. Die Realität sah anders aus: Freund wurde Zehnter, Andreas Wellinger 29. und Richard Freitag verpasste den zweiten Durchgang. Die erneute Verletzungspause vor Weihnachten hat Freitag doch mehr aus dem Rhythmus gebracht. Schuster: „Wir wollten einen Athleten auf dem Podest haben. Das haben wir nicht geschafft. Das ist ernüchternd.“

Es wäre im Hinblick auf die Motivation schon wunderbar gewesen, hätte einer der Deutschen noch eine echte Chance auf den Gesamtsieg. Es geht vor allem ums Mitkämpfen, um die Möglichkeit. Freund hat als Zehnter jedoch schon viele Punkte eingebüßt. „Man muss ehrlich sagen, dass es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass er neun Leute überholt und die Tournee noch gewinnt“, sagt Schuster. Allerdings wäre auch ein Podiumsplatz im Gesamtklassement am Ende ein großer Erfolg und ein bedeutender Schritt nach vorne. Und das ist definitiv noch möglich.

Mit Sportwissenschaftlern werden die Sprünge der Deutschen analysiert

Es wäre also zu früh, die deutschen Skispringer als Gescheiterte an ihren eigenen und unseren Erwartungen abzustempeln. Jetzt helfen jedoch nur noch mehrere Podestplätze, ein Tagessieg oder der Podiumsplatz im Gesamtklassement, um das Bild wieder zurechtzurücken. Noch gibt es drei Springen. „Wir wollen. Ich bin bereit für den nächsten Schritt, die Athleten wollen ihn unbedingt schaffen. Wir müssen aber geduldig bleiben“, sagt Schuster.

In der Breite sind die Ergebnisse von Oberstdorf sogar ansehnlich: Marinus Kraus sprang in seinem ersten Weltcup-Winter sensationell auf Platz acht zum Tourneeauftakt, Michael Neumayer fliegt wieder (Rang 11), und am Ende fand Werner Schuster dank Platz 15 von Andreas Wank vier seiner Athleten in den Top 15.

Damit es beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen (14 Uhr/ZDF) auch in der Spitze klappt, werden die Deutschen jetzt mit Sportwissenschaftlern ihre Sprünge analysieren. Andreas Wellinger wäre beim zweiten Tournee-wettbewerb eigentlich wieder dran mit einem guten Ergebnis. Denn Rang 29 von Oberstdorf stellt recht gut seinen bisherigen Saisonverlauf zwischen hopp und top dar. Freund muss den Absprung nicht nur fast optimal, sondern perfekt treffen, um sein derzeit sehr stabiles Flugsystem zum Fliegen zu bringen. Und Richard Freitag bleibt wegen seiner Verletzungspausen eine Wundertüte.

Aber da ist auch noch Marinus Kraus, der Montagmittag locker, lässig und fröhlich über sein „Riesenergebnis“ von Oberstdorf plauderte. „Marinus hat definitiv einen guten Sprung für die Schanze in Garmisch“, sagt Schuster. „Wenn er so springt, wie er hier redet, wird er dort gut sein.“