Doping-Skandal

UCI bringt Denkmal Armstrong zum Einsturz

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Stefan Tabeling

Der Radsport-Weltverband UCI hat seinen einstigen Helden der Landstraße fallen gelassen und die lebenslangen Sperre sowie die Aberkennung aller sportlichen Erfolge seit dem 1. August 1998 bestätigt.

Düsseldorf/Genf. Das Denkmal Lance Armstrong ist endgültig eingestürzt. Der Radsport-Weltverband UCI hat seinen einstigen Helden der Landstraße fallen gelassen und die lebenslangen Sperre sowie die Aberkennung aller sportlichen Erfolge seit dem 1. August 1998 bestätigt. Nicht als Rekordsieger der Tour de France, sondern als einer der größten Betrüger des Sports wird Armstrong in die Geschichte eingehen. 2.647 Tage nach seinem siebten und letzten Toursieg hat selbst die UCI keine Zweifel mehr: Das sportliche Lebenswerk des US-Amerikaners basierte ausschließlich auf Lug und Trug.

„Lance Armstrong hat keinen Platz mehr im Radsport. Er hat es verdient, vergessen zu werden. Wir müssen uns dem schmerzhaften Prozess der Vergangenheitsbewältigung stellen. Die UCI will diese Reise beginnen, indem wir bestätigen, dass wir das Schiedsgericht nicht anrufen werden und die Entscheidungen der USADA akzeptieren“, sagte UCI-Präsident Pat McQuaid auf einer Pressekonferenz im edlen Starling Hotel in Genf und zeigte sich von den Dopingpraktiken Armstrongs „angewidert“. Es habe ihn umgehauen, was er lesen musste, ergänzte McQuaid.

Die UCI kam angesichts der vorliegenden und auf über 1.000 Seiten zusammengetragenen Beweislage nicht umhin, das Strafmaß der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA zu akzeptieren. Andernfalls hätten UCI-Präsident Pat McQuaid und dessen Vorgänger Hein Verbruggen ihr Gesicht verloren. Bis ins kleinste Detail hatte die USADA bei ihren mehr als zwei Jahre andauernden Ermittlungen Armstrongs dunkle Vergangenheit aufgedeckt. Armstrong hatte mit dem „ausgeklügeltsten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm“ gegen alle Regeln des Sports verstoßen.

UCI entscheidet am Freitag über weitere Konsequenzen

Dafür erhielt er nun die Quittung. Alle Erfolge seit seinem Comeback nach der Krebsheilung wurden ihm wieder gestrichen. Ob die Erfolge Armstrongs aber neu verteilt werden und in wieweit er seine Preisgelder zurückzahlen muss, will die UCI auf der Sitzung des Management Komitees am Freitag erörtern. Es spricht aber viel dafür, dass die gut ein Jahrzehnt währende Regentschaft des Texaners als schwarze Ära gekennzeichnet wird. Das ist jedenfalls der Wunsch der Tour-Organisation ASO. „Wir wünschen uns für diese Jahre keine Sieger“, sagte Christian Prudhomme, Direktor der Tour de France.

Es wäre die logische Entscheidung, andernfalls droht dem Radsport der größte Treppenwitz der Tour-Geschichte. So würde sonst Jan Ullrich, der inzwischen selbst als Dopingsünder überführt worden ist, drei weitere Toursiege zugesprochen bekommen. Auch Andreas Klöden, ein Mann mit zweifelhaftem Ruf, könnte sich dann die Tour-Krone aus dem Jahr 2004 aufsetzen. In zwei anderen Fällen hatten die Tourorganisation ASO noch die Titel neu verteilt. 2010 wurde Andy Schleck zum Sieger der Tour 2010 erklärt, nachdem Alberto Contador als Dopingsünder verurteilt worden war. Vier Jahre zuvor war der Spanier Oscar Pereiro nach dem Dopingfall Floyd Landis auf Platz eins gerückt.

Die UCI hatte sich für die Entscheidung nicht viel Zeit genommen. Die Frist von 21 Tagen zur Entscheidungsfindung nach der Übermittlung der USADA-Unterlagen am 10. Oktober wurde bei weitem nicht ausgeschöpft, geschweige denn eine Fristverlängerung beantragt. Es dürfte den Verantwortlichen schwer gefallen sein, den Stab über ihr langjähriges Aushängeschild zu brechen.

McQuaid schließt Rücktritt aus

Bis zuletzt hatte sich etwa Verbruggen uneinsichtig gezeigt. „Alles was ich sagen kann, ist, dass es viele Geschichten und Verdächtigungen gibt, aber keine Spur von Beweisen. Es gibt keine. Lance Armstrong ist niemals positiv getestet worden, auch nicht durch die USADA“, hatte Verbruggen zuletzt in einer Textnachricht an die niederländische Tageszeitung „De Telegraaf“ geschrieben. Eine fragwürdige Aussage angesichts von 26 Zeugenaussagen unter Eid und vielen minutiös zusammengetragenen Fakten wie etwa Geldzahlungen Armstrongs an eine von Dopingarzt Michele Ferrari betriebene Schweizer Firma in Höhe von 1.029.754,31 Dollar.

Ohnehin sind Pat McQuaid und Verbruggen zuletzt in Erklärungsnot geraten, ist in den letzten Wochen und Monaten doch hinreichend ein Bild der UCI als treuer Helfer Armstrongs bei dessen ausgeklügeltem Doping-System skizziert worden. Der Vorwurf von vertuschten Dopingproben im Zusammenhang mit Geldzahlungen von Armstrong in Höhe von 125.000 Dollar steht im Raum. „Es bestehe kein Zusammenhang“, entgegnete McQuaid, der einen Rücktritt ausschloss. Gleichzeitig räumte er ein, dass es ein Fehler gewesen sei, das Geld anzunehmen. So rückte die UCI im letzten Moment doch von Armstrong ab und folgte dem Urteil der USADA in allen Punkten. Nicht einmal die Verjährungsfrist von acht Jahren wurde ins Auge gefasst. „Heute hat die UCI die richtige Entscheidung im Fall Armstrong getroffen“, verkündete denn auch die USADA.

Für Armstrong könnte es aber noch schlimmer kommen – vor allem in finanzieller Hinsicht. Viele Sponsoren wie der Sportartikelhersteller Nike oder Fahrradbauer Trek hatten sich von ihm abgewendet. Nun könnten Regressforderungen in Millionenhöhe folgen. Nach Armstrongs fünftem Toursieg hatte die Versicherungsfirma SCA fünf Millionen Dollar an Armstrong als Prämie überweisen müssen. Geld, welches das Unternehmen nach ersten Dopinganschuldigungen gegen Armstrong zurückforderte. SCA verlor jedoch den Prozess, nachdem Armstrong geschworen hatte, nie leistungssteigernde Substanzen genommen zu haben. Samt der Anwaltskosten könnte SCA nun 7,5 Millionen Dollar zurückfordern. Auch die britische „Sunday Times“ musste nach einer Verleumdungsklage eine Million Euro an Armstrong zahlen.

Die Frage, ob nach diesem vorläufig letzten Akt in der Causa Armstrong der Zug für sauberen Radsport abgefahren sei oder Chancen auf baldige Besserung bestünden, beantwortete der langjährige Gerolsteiner Teammanager Hans-Michael Holczer dem Fernsehsender Sky Sport News HD entsprechend pessimistisch: „Dieser Zug ist nie aufs Gleis gekommen. Wir werden nie einen Sport haben, von dem wir wissen, dass er sauber ist.“

Reaktionen der Presse


„Die Welt“: Eine Lehre aus dem Fall Armstrong ist diese: Ohne solche Instrumente und ohne die Hilfe von Polizei, Staatsanwaltschaften und Behörden ist der Antidopingkampf – wenn er denn ernst gemeint sein soll – nicht nachhaltig zu betreiben. Das sollten auch all jene bedenken, die davor warnen, Athleten zu kriminalisieren und sich deshalb gegen eine schärfere Gesetzgebung gegen Doping aussprechen.

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: Lance Armstrong hat zweifellos seine Verdienste. Als Kämpfer gegen den Krebs zum Beispiel, eine für viele tödliche Krankheit, von der er selbst betroffen war. Mit seiner Krebs-Stiftung machte er vermutlich vielen Menschen, die selbst an Krebs leiden, Hoffnung. Diese Gemeinde dürfte ihm auch jetzt, in seiner wohl schwärzesten Stunde, die Treue halten. (.) Es ist ein beispielloser Vorgang: Armstrong sind nun sieben Gelbe Trikots der Tour de France entrissen worden. Der Amerikaner, in den Jahren 1999 bis 2005 uneingeschränkter Herrscher der Tour, steht gewissermaßen nackt da. Und der Radsport-Weltverband, der am Montag der amerikanischen Leitlinie folgte und Armstrong alle Tour-Siege aberkannte, erweckt den Anschein, als erlebe er gerade eine Höllentour.

„Weser-Kurier“ (Bremen): Lance Armstrong steht nach der Aberkennung seiner Tour-de-France-Titel vor einem sportlichen Trümmerhaufen und vermutlich vor etlichen Millionenklagen auf Schadensersatz. Mitleid ist jedoch an dieser Stelle nicht angebracht. Der Amerikaner hat sich selbst in diese Situation manövriert. Aber auch der Weltradsportverband UCI, der aufgrund der erdrückenden Beweislage nicht anders konnte, als Armstrong aus den Siegerlisten zu streichen, muss sich und seine Rolle in dieser Affäre hinterfragen. Schließlich hat er nichts zur Aufklärung beigetragen. Sowohl im Fall Armstrong als auch bei anderen Radsportlern hat der Verband in der Vergangenheit die Augen nur zu gerne zugemacht.

„Handelsblatt“ (Düsseldorf): Die Tour de France, nach der Fußballweltmeisterschaft und den Olympischen Spielen eines der größten Sportereignisse der Welt, hat einen Neuanfang gar nicht nötig. Zumindest nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Rund 140 Millionen Euro Umsatz macht der Veranstalter ASO jährlich, und das innerhalb von nur drei Wochen. Die Tour verspricht Aufmerksamkeit, weltweit. Die Entscheidung von ARD und ZDF, die Tour de France seit dem vergangenen Jahr nicht mehr live zu übertragen, hat zwar hierzulande ein deutliches Zeichen gesetzt, die Sponsoren verschreckt hat sie aber bei weitem nicht. Sie halten trotz zahlreicher Dopingvergehen weiter zur Tour de France - wenngleich nicht mehr zu Lance Armstrong.