Joseph S. Blatter droht Ungemach

Politiker fordern Entzug des Bundesverdienstkreuzes

Führende deutsche Politiker wollen sich für einen Entzug des Bundesverdienstkreuzes von FIFA-Präsident Joseph S. Blatter stark machen.

Köln/Berlin. Joseph S. Blatter droht neues Ungemach: Deutsche Politiker haben sich für den Entzug des Bundesverdienstkreuzes des Schweizer Präsidenten des Fußball-Weltverbandes ausgesprochen. „Sepp Blatter steht für endemische Korruption bei der FIFA. Nachweislich“, sagte der Sprecher der Grünen im Europaparlament, Reinhard Bütikofer, der Tageszeitung Die Welt (Dienstagausgabe): „Deshalb sollte ihm das Bundesverdienstkreuz wieder entzogen werden.“

+++ Der Blatter-Brief im Wortlaut +++

Durch eine weitere Schmiergeldaffäre bei der FIFA ist der 76-jährige Blatter in den letzten Tagen stark in die Kritik geraten. Das Bundesverdienstkreuz ist eine der höchsten Auszeichnungen, die Deutschland für besondere Verdienste zu vergeben hat. Vor sechs Jahren war die Zahl der Befürworter einer Ehrung Blatters noch groß. Bundeskanzlerin Angela Merkel, gekleidet mit einem magentafarbenen Blazer, überreichte dem Walliser an jenem 7. Juli 2006 im Speisesaal des Berliner Kanzleramts die Auszeichnung.

Politiker anderer Parteien gehen jetzt kritisch mit Blatter ins Gericht. „Wenn es dabei bleibt, dass Herr Blatter keine echte Aufklärung der Schmiergeldaffäre will, sollten wir über eine Aberkennung des Bundesverdienstkreuzes nachdenken“, sagte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann der Welt. Wolfgang Neskovic, Justiziar der Linke-Fraktion und ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof, sagte dem Berliner Blatt, er halte „eine Entziehung der Auszeichnung für zwingend geboten“.

Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, teilte auf SID-Anfrage ihre persönliche Meinung mit: „Für die Entscheidung über eine Entziehung des Bundesverdienstkreuzes ist das Bundespräsidialamt zuständig. Der bisherigen Praxis entspricht es, auf der Grundlage einer strafrechtlichen Verurteilung über diese Frage zu entscheiden. Ich bin davon überzeugt, der Fall Blatter darf sich der aufmerksamen Beobachtung durch das Bundespräsidialamt sicher sein.“

Der ehemalige Reck-Weltmeister Eberhard Gienger (CDU), Mitglied des Sportausschusses, sagte dem SID: „Wir müssen erstmal den Ausgang des Verfahrens abwarten, danach kann man darüber nachdenken. Es ist sicherlich kein guter Charakterzug, so zurückzuschlagen, aber wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, tut man manchmal Dinge, die man später bereut.“

Viola von Cramon, sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, meinte: „Ich mahne zur Vorsicht: Herr Blatter beherrscht die Opferrolle sehr gut. Der Bundespräsident sollte sich davon nicht täuschen lassen: die Entscheidung, ihm das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, war damals falsch und ist bis heute nicht richtiger geworden. Im Gegenteil.“

Frank Steffel, Berliner Bundestagsabgeordneter der CDU, spracht sich hingegen auf SID-Anfrage gegen eine Aberkennung aus: „Die Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland war richtig. Dafür wurde Blatter 2006 zu Recht mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Daher bin ich gegen die Entziehung des Bundesverdienstkreuzes. Dennoch zeigt die Affäre, dass Korruption und Vertuschung bei der FIFA eine große Rolle spielen.“ Man müsse zudem feststellen, dass Blatter bis heute nicht verurteilt sei. Somit gelte die Unschuldsvermutung und es gebe gar keine Rechtsgrundlage, ihm das Bundesverdienstkreuz zu entziehen.

Die Entziehung ist im „Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen“ ausdrücklich vorgesehen. „Erweist sich ein Beliehener durch sein Verhalten der verliehenen Auszeichnung unwürdig oder wird ein solches Verhalten nachträglich bekannt, so kann ihm der Verleihungsberechtigte den Titel oder die Auszeichnung entziehen“, heißt es dort. Der Verleihungsberechtigte ist der Bundespräsident.

Am vergangenen Mittwoch hatte das Schweizer Bundesgericht bestätigt, dass FIFA-Ehrenpräsident Joao Havelange (96) und sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira (65) Schmiergelder in Millionenhöhe vom inzwischen insolventen FIFA-Vermarkter ISL erhalten hatten. Blatter will erst mit der ISL-Pleite 2001 von den Zahlungen erfahren haben.

Merkel begründete vor sechs Jahren die Auszeichnung wie folgt: „Die FIFA hat durch die Vergabe der WM ein großes Vertrauen in uns Deutsche gesetzt. Dafür möchte ich mich bedanken. Deshalb habe ich im Auftrag von Bundespräsident Horst Köhler Herrn Blatter das Bundesverdienstkreuz verliehen.“ Blatter reagierte anno 2006 sichtlich beeindruckt: „Es hat mich gerührt und berührt. Träger einer so großen Auszeichnung zu sein, erfüllt mich mit Stolz und Emotionen.“

Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hatte den Vorschlag, Blatter die Auszeichnung zukommen zu lassen, forciert. Andere Politiker, wie der damalige SPD-Fraktionschef Peter Struck, hatten sich gegen eine Auszeichnung Blatters ausgesprochen: „Ich sehe dafür keine Notwendigkeit. Ich würde es ihm nicht geben.“