FC Bayern

Hollywood oder Kirche - Hoeneß und Rummenigge sauer auf Pinto

Rummenigge nicht minder erregt: "Würde an Pintos Stelle in die Kirche gehen" - Nur noch drei Punkte Vorsprung auf die Verfolger

Hannover. Die Chefetage von Bayern München wusste nicht so recht wohin: Mit all dem Frust und vor allem mit Sergio Pinto. „Der gehört nach Los Angeles zur Oscar-Verleihung“, schimpfte Präsident Uli Hoeneß. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ergänzte nicht minder erregt: „Ich würde an Pintos Stelle in die Kirche zur Beichte gehen.“ Der Mittelfeldspieler von Hannover 96 war aus Sicht der Bayern-Bosse verantwortlich für all das, was der deutsche Rekordmeister in den 90 Minuten zuvor verloren hatte: Das Spiel, Innenverteidiger Jerome Boateng, die Souveränität der vergangenen Wochen.

Pinto ist der Typ unermüdlicher Mittelfeld-Kämpfer mit ausgeprägtem Hang zur Theatralik. Von den Mitspielern geschätzt, von den Gegnern gefürchtet – manchmal sogar gehasst. Wie am Sonntagnachmittag. Nach einem Zweikampf mit Bayerns Rafinha wälzte sich Pinto vor den beiden Trainerbänken am Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Hand am Knöchel. Die Atmosphäre war hitzig, das Blut brodelte, das Rudel bildete sich. Harte Worte, böse Blicke. Manch einer wollte es nicht dabei belassen. Es wurde geschubst und gestoßen.

Toni Kroos und Boateng gegen die 96-Mediziner, Christian Schulz gegen Kroos und Boateng, Boateng gegen Schulz und dann jeder gegen jeden. Nach Rücksprache mit dem vierten Offiziellen Rene Kunsleben entschied Schiedsrichter Manuel Gräfe auf Rot für Boateng und Gelb für Schulz (28. Minute). Die Bayern waren außer sich. „Schulz hat zuerst geschubst. Warum bekommt der eine Gelb und der andere Rot“, meckerte Rummenigge. Vor allem Kunsleben bekam sein Fett weg.

„Der Schiedsrichter hat sich bei seiner Entscheidung vom vierten Offiziellen beeinflussen lassen. Mit dem lagen wir schon vorher im Clinch, weil wir ihn gebeten hatten, uns die Sicht freizugeben“, sagte Bayern-Trainer Jupp-Heynckes: „Das war eine Revancheaktion. Ich hätte beiden Spielern Gelb gegeben. Mehr nicht.“ Immerhin gestand der Coach ein, dass sich Boateng mehr als unglücklich verhalten habe: „Er hat da nichts zu suchen.“ Am Dienstag wurde der Nationalspieler vom DFB für zwei Spiele gesperrt. Die Bayern akzeptierten die Entscheidung zähneknirschend.

Dennoch führte die Bayern der erste Weg nach dem 1:2 (0:1) direkt in die Schiedsrichter-Kabine. Meinungsaustausch der direkten Art. Am liebsten hätte man wohl auch an die Tür zur 96-Umkleide geklopft. Schließlich saß dort das Hauptziel der Münchner Kritik. „Mit Pintos Schauspielerei ist der ganze Zirkus erst losgegangen. Das ist unanständig und gehört unterbunden“, moserte Rummenigge. Hoeneß ging sogar noch weiter: „Es ist eine Schande, wie dieser Spieler mit seiner Schauspielerei seit Jahren alles durcheinanderbringt.“

Die erste Münchner Pflichtspiel-Niederlage seit rund zweieinhalb Monate ist aber nicht allein auf Pintos Bodenwälzer und dessen Folgen zurückzuführen. Die Bayern hatten das sportliche Schlamassel selbst eingeleitet. Steven Cherundolo nutzte eine ungeschickte Aktion von Kapitän Philipp Lahm zu einem Fall im Strafraum. Mohammed Abdellaoue verwandelte den Elfmeter an seinem 26. Geburtstag sicher (23.) und beendete damit auch Manuel Neuers Rekordjagd.

770 Minuten war Deutschlands Nummer Eins in der Liga zuvor ohne Gegentreffer geblieben. 114 Minuten fehlten, um die Bestmarke des neuen Schalker Keepers Timo Hildebrand zu knacken. „Natürlich hätte ich die Serie gern fortgesetzt. Noch viel lieber hätte ich aber drei Punkte mitgenommen“, sagte Neuer, der noch ein zweites Mal hinter sich greifen musste. Luiz Gustavo fälschte einen Schuss von Christian Pander ab, der Torhüter hatte keine Chance (50.).

Es passte ins Bild, dass die Bayern an diesem Tag abgaben. Es wollte nicht viel klappen. In der Offensive scheiterte man reihenweise entweder am überragenden 96-Schlussmann Ron-Robert Zieler oder an Pfosten und Latte. Einzig David Alaba traf zum Anschluss (83.). Da war auch Hannover nur noch zu zehnt. Cherundolo hatte in der 63. Minute Gelb-Rot gesehen. „Diese Niederlage wirft uns nicht um“, sagte Heynckes, dessen Team als Tabellenführer nun nur noch drei Punkte Vorsprung auf die Verfolger hat: „Ich bin mit unserer Leistung zufriedener als nach manchem Sieg.“ Zumindest die Souveränität war ein Stück weit zurück.

Die Statistik

Hannover : 1 Zieler - 6 Cherundolo, 3 Haggui, 4 Pogatetz, 19 Christian Schulz (ab 46. Rausch) - 33 Schmiedebach, 7 Pinto - 28 Stindl, 24 Pander - 13 Schlaudraff (ab 70. Chahed), 25 Abdellaoue (ab 79. Ya Konan). - Trainer: Slomka

München : 1 Neuer - 13 Rafinha (ab 68. Alaba), 17 Boateng, 28 Badstuber (ab 87. Petersen), 21 Lahm - 30 Luiz Gustavo, 31 Schweinsteiger - 25 Thomas Müller, 39 Toni Kroos, 7 Ribery - 33 Gomez (ab 84. Olic). - Trainer: Heynckes

Schiedsrichter : Manuel Gräfe (Berlin)

Zuschauer : 49.000 (ausverkauft)

Tore : 1:0 Abdellaoue (22./FE) , 2:0 Pander (50.) , 2:1 Alaba (83.)

Rote Karte: Boateng (28./Tätlichkeit)

Gelb-Rote-Karte: Cherundolo (63./Halten)