Nationalmannschaft

Weichspüler Löw schont Lahm für ein leises Buch

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Gregor Derichs und Stefan Tabeling

Foto: dpa

„Ich bin nicht glücklich" – Löws sanfte Rüge für den Kapitän – Absage von Sven Bender, Mertesacker zu Verhandlungen nach London

Hamburg. Philipp Lahm trug pechschwarze Trainingskleidung, seine tief gezogenen, dunklen Augenbrauen verfinsterten seinen skeptischen Blick. Joachim Löw wirkte angespannt und vor allem sehr genervt, als er im Congress Centrum der Messe Düsseldorf zur Pressekonferenz schritt. Diesen Termin bewältigen zu müssen, war äußerst unerfreulich. Der Bundestrainer, der es wenig schätzt, harte Konflikte auszutragen, wollte über Fußball reden, den nächsten Gegner Österreich, den bevorstehenden Einzug in die EM-Endrunde als beste Mannschaft Europas, den grandiosen Sieg gegen Brasilien vor drei Wochen. Aber der kleine Mann neben ihm hatte ihm diesen Auftritt gründlich verdorben, weil er es für nötig gehalten hatte, als Schriftsteller größten Wirbel im deutschen Fußball zu verursachen. Philipp Lahm durfte sich in diesem Moment fast als Gewinner fühlen. Löw, obwohl sichtlich verstimmt, hatte ihn seine Autorität als Bundestrainer nicht einmal andeutungsweise spüren lassen.

Es war weniger als eine Verwarnung, mit der Löw in einer Weichspülaktion den Unruhestifter bedachte. „Ich habe Philipp gesagt, dass ich es nicht glücklich finde, dass er über Trainer urteilt. Das steht ihm nicht zu“, rügte Löw den Spielführer seines Teams sanft. Am Vorabend nach dem Zusammentreffen der Nationalspieler hatte Löw mit Lahm und Teammanager Oliver Bierhoff ein Gespräch geführt, nicht wie vorgesehen unter Beteiligung von Lahms Teamkollegen. Das wachsweiche Resultat: Der Münchner hat sich nur eines lässlichen Vergehens schuldig gemacht, wenn überhaupt von Schuld gesprochen werden könne. Lahm gab nach der Analyse Löws keineswegs Interna aus der Nationalmannschaft preis, sondern nur Altbekanntes, wozu allerdings gehört, dass die Nationalelf bei der EM 2008 ein „zerrütteter Haufen“ war.

Interne Vorgänge ausplaudern würde der gute Philipp doch niemals. „Wir sind überzeugt, dass er das nicht tun würde. Deswegen war es auch keine Diskussion, ihn als Kapitän abzusetzen“, betonte Löw. Nur wenig deutlicher wurde der 51-Jährige auf Nachfragen: „Ich finde es nicht gut, ich finde es nicht in Ordnung, dass er aktuelle Trainer beurteilt.“ Löw geht diese unangenehme Geschichte einfach auf die Nerven, für die er sogar die Vorbereitung auf das EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich am Freitag in Gelsenkirchen schleifen lassen musste. „Wir sind ununterbrochen damit konfrontiert worden. Ich sage mit aller Klarheit, dass es mich stört, in der Nationalmannschaft solche Themen tagelang diskutieren zu müssen.“ Im Prinzip war dies die härteste Ohrfeige, die Löw seinem Außenverteidiger verpasste. Nach Michael Ballack, dem erst kürzlich nach langen Querelen ausgebooteten Kapitän, stört ausgerechnet der neue Spielführer Lahm, den er in diese Position schob, der den Betrieb empfindlich stört.

Lahm selbst war geständig, wie schon seit Donnerstag, als die Empörung über seine Einlassungen ihren Höhepunkt erreicht hatten. „Die letzten Tage waren nicht angenehm, das ist klar. Aber ich reise immer zur Nationalmannschaft mit Freude“, sagte Lahm. Das sei am Montag nicht anders gewesen. Löw und Bierhoff hatten schließlich zuvor schon deutlich gemacht, dass er ungeschoren davon kommen werde. Auch die Mitspieler reagierten wohl, als sei nichts geschehen. „Die Reaktionen waren wie immer. Sie haben nichts anders gemacht“, befand Lahm. Ganz ausgestanden ist das Thema im Hotel Hyatt Regency im Düsseldorfer Medienhafen noch nicht. Der Spielerrat wird noch einmal zusammengerufen und soll den Fall behandeln. „Wir haben mit dem Spielerrat immer eine Basis gefunden, wenn es Schwierigkeiten gab“, sagte Löw. Dass die Kollegen von Lahm gegen die Entscheidung Löws protestieren und eine schärfere Strafe einfordern, ist völlig ausgeschlossen.

Lahm hat sich so schnell auf die zunächst missliche Lage eingestellt wie er als Außenverteidiger der Weltklasse auf dem Spielfeld meist reagiert. Ein Schritt zurück vollzog er mit einer recht oberflächlichen Entschuldigung, dann leitete er selbstbewusst den Angriff zur eigenen Verteidigung ein. Lediglich einen einzigen Fehler habe er gemacht, führte der 27-Jährige aus, als er Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Louis van Gaal oder Felix Magath mit teilweise negativen Schilderungen bedachte. „Dass ich ehemalige Trainer kritisiert habe, muss ich mir ankreiden lassen. Das wird so nicht mehr vorkommen“, sagte er. Alles andere macht er genauso weiter, er muss sich nicht prinzipiell überprüfen. Die Reaktionen auf sein Buch hätten ihn überrascht, die verkürzte „Darstellung“ mit den kernigsten Zitaten wäre das Problem. „Wer es von Seite eins bis 272 liest, sieht, dass es ein leises Buch ist“, sagte Lahm. Der Bundestrainer saß daneben mit dickem Hals.

Löw drängt darauf, dass sich sein Team auf die Partie gegen Österreich konzentriert. Mit Sami Khedira und Mario Gomez mussten zwei Stammspieler ihre Teilnahme absagen, nach Marco Reus am Montag verließ am Dienstag auch der Dortmunder Sven Bender das DFB-Quartier. Er fällt für die Länderspiele am Freitag und am nächsten Dienstag in Danzig gegen Polen wegen eines Blutergusses im Fußknöchel aus, den er am Samstag in Leverkusen erlitten hat. Und auch Per Mertesacker verschwand, zu Verhandlungen nach London über einen Wechsel von Werder Bremen zum FC Arsenal. Auch das hat es früher nicht gegeben in der Nationalmannschaft. Lange war es den Spielern untersagt, ihre privaten Deals während der Zeit beim DFB-Team voranzutreiben.