Frauen-Fussball-WM

Japan holt einen Sieg für die Seele des Landes

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Ulrike Weinrich und Alexander Sarter

Das Land ist schwer gebeutelt - und freut sich deshalb um so mehr über den ersten WM-Titel seiner Fußballerinnen. Sympathiebekundungen von allen Seiten.

Japan ist schwer gebeutelt - und freut sich deshalb um so mehr über den ersten WM-Titel seiner Fußballerinnen. Sympathiebekundungen von allen Seiten. Als die nationale Mission der japanischen Ballzauberinnen im Konfettiregen ihren Abschluss gefunden hatte, flogen den kleinen Asiatinnen die Herzen von allen Seiten zu. Ganz Japan lächelt wieder - und sogar die große Verliererin Abby Wambach vergaß ihren Frust und sprach nach dem Final-Drama vielen aus der Seele.

„Japan hat durch die Fukushima-Katastrophe so viel gelitten. Das Land hat den WM-Sieg mehr gebraucht als wir. Er wird diesem Volk Hoffnung geben“, sagte die Starstürmerin der USA nach dem 3:1 der Japanerinnen im Elfmeterschießen gegen den Olympiasieger. US-Keeperin Hope Solo machte sogar überirdische Kräfte für die Überraschung verantwortlich: „Ich glaube, eine höhere Macht hat diese Mannschaft unterstützt.“

Matchwinnerin Ayumi Kaihori, die zwei Strafstöße entschärfte, konnte ihr Glück nach dem ersten Sieg gegen die USA im 24. Anlauf gar nicht fassen. „Das ist wie ein Traum. So etwas kenne ich sonst eigentlich nur aus dem Fernsehen“, erklärte die nur 1,70 Meter kleine Torhüterin - und verbeugte sich artig. Ausgerechnet mit amerikanischen Tugenden wie Kampfgeist und Coolness hatte die „Nadeshiko“ den Favoriten entzaubert.

Die überragende Homare Sawa, als beste WM-Spielerin und

-Torschützin (5 Treffer) ausgezeichnet, dachte auch in der Stunde des Triumphs an die ferne Heimat. „Ich hoffe, wir konnten unseren Landsleuten nach all dem Leid ein wenig Freude bereiten“, erklärte die Spielführerin und fügte an: „Jetzt sind wir wohl die Nummer eins.“

Ein wenig schüchtern hob Sawa den von OK-Chefin Steffi Jones überreichten Pokal in den Frankfurter Nachthimmel. Fast zeitgleich sagte Sawas Mutter dem japanischen Sender Fuji Television mit tränenerstickter Stimme: „Ich habe gefühlt, dass in diesen großen Momenten ganz Japan gelächelt hat.“ Die Japan Times schrieb von einem „märchenhaften Abschluss“ und prophezeite: „Die Spielerinnen werden wie Helden emfangen, nachdem sie das japanische Volk beflügelt haben.“

Seine Zurückhaltung gab der Weltmeister auch nach dem Sieg für die (Volks-)Seele nicht auf. Eine etwas halbherzige Polonaise durch die Mixed Zone war fast schon das emotionale Highlight. „Wir genehmigen uns ein Glas deutsches Bier, und dann bereiten wir uns auf die Rückreise vor“, kündigte Trainer Norio Sasaki an. Am Dienstagmorgen soll der Flieger mit der „Gold-Fracht“ auf dem Flughafen Tokio-Narita landen. „Der Airport wird voll sein“, sagte Japans Verbandspräsident Junji Ogura.

In Tokio hatten einige Tausend Fans die Nacht zum Tag gemacht und die Live-Übertragung in Bars und Clubs verfolgt. Am Montag gab es sogar Sonderausgaben einiger Zeitungen. Coach Sasaki sprach von einem gelungenen Doppelpass mit dem Zuhause. „Die Leute in Japan haben uns während der WM Kraft und Mut gegeben. Deshalb konnten meine Spielerinnen gegen das große Amerika ihr Herz in beide Hände nehmen“, sagte der 53-Jährige, der im Rausch der Gefühle ein Geständnis ablegte.

Eigentlich hatte Sasaki bei der WM eine neue Taktik ausprobieren wollen. Doch sein kleines großes Team - im Schnitt sieben Zentimeter kleiner als die US-Girls - stimmte den Trainer um. Der Erfolg gab ihnen recht. „Ich habe sogar ein bisschen geweint“, verriet die Potsdamer Bundesliga-Legionärin Yuki Nagasato, die als einzige Japanerin ihren Elfmeter verschossen hatte.

Viel Zeit zum Feiern bleibt Sawa und Co. nicht. Bereits am kommenden Wochenende stehen wieder Spiele in der heimischen Liga auf dem Programm. Schon bald folgen die ersten Qualispiele für Olympia

2012 in London. Sawa ließ noch offen, ob sie ihre Karriere nach 18 Jahren in der Nationalmannschaft fortsetzt. Sasaki hat daran keine Zweifel: „Homare rennt und rennt und rennt. Wir sollten noch lange die Gelegenheit haben, sie zu bewundern.“

Im amerikanischen Team herrschte nach dem verpassten dritten WM-Titel Tristesse. US-Präsident Barack Obama hatte mit der ganze Familie im Weißen Haus das Finale live verfolgt. „Es war herzzerreißend“, meinte Solo über die emotionale „Achterbahnfahrt“ (Wambach).

Zweimal hatte der Olympiasieger durch Treffer von Alex Morgan (69.) und Wambach (104.) geführt, doch Aya Miyama (81.) sowie Sawa (117.) konnten jeweils noch ausgleichen. „Ich hoffe, wir können uns mit ein bisschen Abstand über diese Silbermedaille freuen“, erklärte Coach Sundhage.

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