Interview

Eishockey-Star Marcel Goc: "Die NHL ist ein Mythos"

Der deutsche Eishockeyprofi Marcel Goc über sein Leben in Tennessee, die verpasste Chance der Heim-WM und die Faszination der NHL.

Hamburg. Beim Deutschland-Cup muss die Eishockeynationalmannschaft an diesem Wochenende ohne ihren Kapitän auskommen. Marcel Goc, 27, wird bei den Nashville Predators in der NHL gebraucht. Für das Abendblatt nahm sich der Center aber Zeit.

Abendblatt:

Herr Goc, erwischen wir Sie gerade am Flughafen?

Goc:

Nein, ich bin in Nashville und kuriere gerade eine Verletzung aus. Ich habe Probleme mit der Schulter, aber es ist nichts Schlimmes. Warum fragen Sie?

Weil man als NHL-Profi zu dieser Jahreszeit zumeist zwischen Flugzeug, Hotel und Arena pendelt.

Goc:

Ja, das stimmt. Aber das geht ja praktisch die gesamte Saison so. Daran habe ich mich inzwischen gewöhnt.

Zumal man in Privatjets fliegt und in teuren Luxushotels untergebracht ist ...

Goc:

Schön wär's. Ich weiß, dass alle denken, dass wir in der NHL nur so in Geld schwimmen und diese Privilegien genießen. Wir fliegen mit gecharterten Maschinen zu unseren Auswärtsspielen. Anders geht es nicht. Mit normalen Linienflügen wäre die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir das Eröffnungsbully verpassen. Und die Hotels sind keine Luxusunterkünfte, aber schon welche mit gehobenem Standard.

Die NHL-Saison verlief sehr schwankend. Nach fünf Siegen und drei Verlängerungsniederlagen gab es fünf Pleiten in Serie. Was ist für die Predators drin?

Goc:

Unser Ziel ist es, in die Play-offs zu kommen und dort endlich mal die erste Runde zu überstehen. Letztes Jahr sind wir nur knapp am späteren Meister Chicago Blackhawks gescheitert. Die Liga ist deutlich ausgeglichener als in den Spielzeiten zuvor. Aber wir haben eine gute Mannschaft und glauben daran, dass wir unsere Ziele erreichen können. Das haben unsere Fans auch verdient.

Mit Nashville bringt man eher Cowboyhüte, Countrymusik und zünftige Barbecues in Verbindung.

Goc

(lacht): Ja, das stimmt. Cowboystiefel besitze ich auch. Die Musik ist nicht so mein Ding. Die Menschen hier sind absolut eishockeyinteressiert, auch wenn ich hier in den Supermarkt gehen kann, ohne von Fans umschwärmt zu werden. Wir stehen in großer Konkurrenz zum Footballteam der Tennessee Titans, die hier in der Gunst der Leute vorn sind. Zu unseren Heimspielen kommen aber im Schnitt mehr als 16 000 Anhänger. Für meine sportliche Entwicklung war der Wechsel 2009 von San José hierher genau richtig. Bei den Predators genieße ich einen anderen Stellenwert und kann meine Stärken hier perfekt einbringen. Ich bin jetzt so richtig bei der NHL angekommen.

82 Saisonspiele, Play-offs und dann noch Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. Sie kommen teilweise auf über 100 Pflichtspiele. Sind Sie ein Roboter?

Goc:

Natürlich merkt man gegen Ende der Saison die Strapazen. In diesem Jahr war es mit Olympia in Vancouver und der WM in Deutschland brutal. Aber diese Turniere sind Karriere-Highlights, die will man miterleben und mit dem Klub in den Play-offs am liebsten weit kommen. Da muss man sich sicher auch mal auf die Zähne beißen. Aber wenn man sich gut vorbereitet, gewisse Regeln beachtet und auf seinen Körper achtet, dann geht das. Zudem sind unsere medizinische Abteilung und unsere Physiotherapeuten hervorragend.

Sie gehören zu den Leistungsträgern Ihrer Mannschaft und sind in der NHL etabliert. Mit Ihnen sind jedoch mit Christian Ehrhoff, Marco Sturm und Jochen Hecht nur noch drei weitere deutsche Profis in der Liga Stammspieler. Es waren schon mal mehr. Sind Deutsche nicht mehr gefragt?

Goc:

Das kann man so nicht sagen. Das deutsche Eishockey hat nach der WM im eigenen Land an Image gewonnen. Wenn man sich aber hier durchsetzen will, muss man den nötigen Biss haben. Hier wird einem nichts geschenkt. Wenn man die Chance bekommt, muss man sie nutzen. Es wäre für das deutsche Eishockey wichtig, wenn mehr Nationalspieler in die NHL kämen.

Wie hat Sie der Wechsel nach Nordamerika als Spieler verändert?

Goc:

Das war eine völlig neue Welt für mich. Es bringt einen als Sportler weiter, aber auch als Menschen. Gerade am Anfang ist das hier wie ein Stahlbad gewesen. Es gibt Rückschläge, man muss sich gegen Stars behaupten und sich ein besseres Standing hart erarbeiten. Auch wenn es krass klingt: Manchmal muss man auf eine Verletzung eines Mitspielers hoffen, um Einsätze zu bekommen. Es lohnt sich, sich durchzubeißen. Die NHL übt einfach eine ganz besondere Faszination aus. Sie ist ein Mythos.

Aber sie findet in Deutschland kaum Beachtung. Im Basketball spielt mit Dirk Nowitzki nur ein Deutscher in der NBA und bekommt dennoch mehr Medienpräsenz. Sind Sie neidisch?

Goc:

Auf keinen Fall. Nowitzki ist ein Superstar und ein toller Botschafter für den Sport. Aber auch wir liefern sehr gute Leistungen. Die NHL ist die beste Liga der Welt. Zu Hause laufen unsere Spiele leider nur über einen amerikanischen Sender. Das zeigt, dass Deutschland noch kein Eishockey-Land ist.

Über zu wenig Medienpräsenz klagen auch die Vereine in der DEL.

Goc:

Die beiden Ligen trennen grundsätzlich Welten, sportlich wie wirtschaftlich. Hier wird mit ganz anderen Summen gehandelt als in Deutschland. Die TV-Vermarktung, das Merchandising - alles ist perfekt organisiert. Eishockey hat hier die Bedeutung, die Fußball in Deutschland hat. Aber es wäre schön, wenn mal wieder etwas Ruhe in die DEL einkehren würde und bessere Strukturen geschaffen werden. Nicht nur was TV-Zeiten angeht, sondern auch was die Nachwuchsförderung betrifft. Wenn das nicht passiert, werden wir es nie in die Weltspitze schaffen.

Von dem Boom nach der WM ist nichts mehr zu spüren.

Goc:

Und das ist traurig. Wir haben gezeigt, dass wir ein Eishockey-Land sein können. Das Spiel mit 76 000 Zuschauern auf Schalke war ein Jahrhundertereignis, und wir haben einen überraschenden vierten Platz erreicht. Aber darüber hat man ja schon ein paar Tage später nicht mehr geredet. Es ging nur noch um Insolvenz, um Finanzsorgen, was dazu führte, dass Kassel und Frankfurt keine Lizenz bekommen haben.

Von der Finanznot in der DEL sind auch Ihre Brüder Nicolai und Sascha betroffen. Die Hannover Scorpions sind wirtschaftlich angeschlagen. Nicolai ist inzwischen nach Mannheim gegangen.

Goc:

Das ist ja Wahnsinn. Da sind Leute am Werk, die mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen. Das ist für meine Brüder eine ganz schwierige Situation. Ich kann Nicki verstehen, dass er den Klub verlassen hat, auch wenn es ihm schwerfiel. Sascha ist der Kapitän der Mannschaft, hängt sehr am Verein.

Sie haben im Mai ein Testspiel mit der Nationalmannschaft in Hamburg absolviert. Dürften sich die Freezers melden, wenn eine Rückkehr nach Deutschland ein Thema wird?

Goc:

Hamburg ist eine gute Organisation und die Stadt wunderschön. Die Arena und die Trainingmöglichkeiten sind hervorragend. Natürlich dürften die Freezers bei mir anrufen, aber im Moment bin ich sehr glücklich in der NHL.