Ein Neuanfang im Spätherbst der Karriere

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Hamburg. Brett Engelhardt wusste nicht, wie er die Worte seines Tischnachbarn deuten sollte. Gerade hatte sich der Angreifer der Freezers beim Frühstück im Trainingscamp in Braunlage darüber lustig gemacht, dass Marc Lamothe ein Urlaubstag bevorstehe. Statt des neuen Stammtorhüters sollte beim Test am Abend dessen Ersatzmann Niklas Treutle eine Chance erhalten. Doch diese Sicht der Dinge wollte Lamothe nicht auf sich sitzen lassen. Er werde sich wie vor jedem Spiel vorbereiten, mit ausgiebigem Stretching und mentaler Einstimmung. "Ich muss immer damit rechnen, dass man mich braucht, und dann will ich da sein", sagte er seinem Kollegen. "Wir wollen das Turnier gewinnen. Das ist ein großes Ding, Mann!" Engelhardt war perplex.

Auch wenn Lamothe den letzten Satz mit einem Anflug von Ironie untermalte, so steht diese Szene aus der Vorbereitung auf die neue Spielzeit in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), die am Freitag mit einem Heimspiel gegen die Kölner Haie beginnt, symbolisch für die Einstellung, mit der der 36 Jahre alte Torhüter bei seinem neuen Arbeitgeber für Aufsehen gesorgt hat. Lamothe hat sich nicht weniger vorgenommen als einen Neuanfang im Spätherbst seiner Karriere. Er will die vergangenen zwei Jahre vergessen machen.

2008/09 stand er für das kasachische Team Astana Barys in der russischen Eliteliga KHL zwischen den Pfosten. "Zu Anfang waren meine Leistungen stark, aber mein Konkurrent war der kasachische Nationaltorhüter. Nach 15 Spielen saß ich ohne ersichtlichen Grund auf der Bank", sagt Lamothe. Im Sommer 2009 suchte er den Ausweg aus seiner unbefriedigenden Situation und wechselte zu den Lahti Pelicans in die finnische Topliga. Diesmal war es eine schwere Knieverletzung, die ihn nach 15 Spielen stoppte. "Als im Frühjahr das Angebot aus Hamburg kam, war ich froh, noch einmal durchstarten zu können", sagt er. Um dafür gerüstet zu sein, trainierte er im Sommer in seiner Heimat Orleans nahe Ottawa so hart, dass er bei den Fitnesstests Anfang August viele jüngere Teamkollegen alt aussehen ließ. "Ich habe immer Wert auf Athletiktraining gelegt, weil ich körperliche Schwäche nie als Ausrede für schwache Leistungen akzeptiere. Als Profi muss ich auf mein Kapital, und das ist mein Körper, achten", sagt er. Auch mentales Training gehört zu seinem Standardrepertoire. "Früher habe ich darüber viele Bücher gelesen. Heute reicht es, wenn ich vor und nach dem Schlafen gewisse Spielsituationen durchdenke", sagt er.

Lamothe, der sich für die Zeit nach der Karriere mit einem Fernstudium im Business Management rüstet, ist kein Torwart für die spektakulären Paraden, sondern einer, der solide hält. "Ich versuche das Spiel zu lesen und in Position zu stehen, bevor eine Aktion passiert", erklärt er. Mit Ehefrau Julie und den Kindern Anika, 4, und Justin, 1, lebt er in Burgwedel und freut sich auf das Abenteuer DEL. Anpassungsschwierigkeiten erwartet er keine, immerhin ist er es seit Jahren gewohnt, sich in Teams durchzusetzen, in denen Englisch nicht die erste Sprache ist. Lamothe hatte Nordamerika 2004 in Richtung Russland verlassen, als die NHL streikte. Ein Jahr spielte er in Jaroslawl, danach zwei Saisons in Cherepowets als Stammtorhüter. Marc Lamothe scheint bereit, an diese Zeit anzuknüpfen.

Angreifer Michel Ouellet fällt mit einem Muskelfaserriss in den Adduktoren zwei Wochen aus.

( (bj) )