"Die Leichtathletik muss wieder zurück in die Schulen kommen"

Frank Thaleiser fordert langen Atem von Vereinen und Sponsoren

Keine Sportart ist demokratischer als die Leichtathletik. Die kleinen Schlanken laufen lange Strecken, die langen Schlanken springen hoch. Die Kräftigeren, ob kurz oder lang, sprinten kurz oder springen weit. Die Stämmigen greifen zu Kugel, Diskus, Hammer oder Speer. Und wer alles kann, aber nichts perfekt, macht eben Mehrkampf. Aber: Wie bekommen wir die Talente zur Leichtathletik, wenn es keine Helden gibt? Wir haben gerade noch zwei: Diskuswerfer Robert Harting und Hochspringerin Ariane Friedrich. Sie sind derzeit die Einzigen, die auch außerhalb der Stadien halbwegs präsent sind. Selbst eine Jennifer Oeser, blond, gut aussehend, Vizeweltmeisterin und EM-Dritte im populären Siebenkampf, wird kaum wahrgenommen.

Das Fundament für die Leichtathletik ist dünner geworden, die Konkurrenz durch andere sportliche oder Freizeitangebote größer. Leichtathletik war bis vor 40 Jahren die unumstrittene Schulsportart Nummer eins, zwei Lehrer-Generationen später gelten laufen, springen und werfen als uncool. Und in der Tat: Wer Schüler stumpf Runden drehen lässt, wird bei ihnen schwerlich das Interesse an der Leichtathletik wecken. Wir müssen aber wieder verstärkt in die Schulen kommen, sonst verlieren wir zu viele Talente. Das beginnt mit attraktiverem Unterricht und Lehrerfortbildungen. In Hamburg hat sich in dieser Richtung etwas getan. Wieder mehr Schüler nehmen an den Bundesjugendspielen und an den Leichtathletik-Wettbewerben für Jugend trainiert für Olympia teil. Was wir jetzt brauchen, sind Partnerschulen der Leichtathletik, wo tägliches Training in den Unterricht integriert werden kann.

Die Schule ist der erste Schritt, Studium, Ausbildung und Arbeit der zweite. Wer sich als 19- oder 20-Jähriger für den Leistungssport entscheiden soll, darf in seinem beruflichen Fortkommen nicht derartige Behinderungen befürchten müssen, dass die Alternative, vor der er steht, keine ist. Wirtschaft und Politik sind hier gefordert, ein duales System zu etablieren. Wir müssen die Leistungswilligen so lange wie möglich an den Sport binden, denn wir haben nicht mehr viele davon.

Ein weiterer Baustein sind Datenbanken. Sichtung machen alle, Leichtathletik und andere olympische Sportarten können Bewegungstalenten und ihren besorgten Eltern jedoch selten das bieten, was Fußballvereine an Perspektiven offerieren. Nicht jeder Fußballbegabung aber gelingt der Durchbruch. Wichtig wäre es zu schauen, was diese Entdeckungen nach zwei, drei Jahren machen. Sind sie weiter im Fußball aktiv oder besteht eine zweite Chance, sie für die Leichtathletik zu gewinnen? Nicht jeder, der schnell läuft, kann mit dem Ball umgehen. Für Quereinsteiger ist es nie zu spät. Der Hamburger Ingo Schultz zum Beispiel, 2002 Europameister über 400 Meter, fand erst mit 22 Jahren zur Leichtathletik.

Um in der Leichtathletik etwas aufzubauen, braucht es vor allem eins: Durchhaltewillen. Sieben, eher zehn Jahre kann es dauern, um neue Strukturen mit Leben zu füllen. Vereine und Sponsoren sollten sich das bewusst machen. Wer diesen langen Atem hat, darf auf nachhaltigen Erfolg hoffen.