Mit unbändiger Kraft zum ersten Triumph

Andrej Golubjew gewinnt das Turnier am Rothenbaum und ist der erste Kasache in der Siegerliste der Herrentennis-Organisation ATP

Hamburg. Vielleicht wollte Jürgen Melzer einfach nur nett sein. Der Aufschlag seines Finalkontrahenten Andrej Golubjew war gerade an ihm vorbeigerauscht, und weil es Golubjews erster Matchball war, hatte der Kasache die Arme bereits zum finalen Jubel in die Höhe gerissen. Die Siegermusik spielte schon, doch Melzer wollte noch nicht aufhören. Der 29 Jahre alte Österreicher reklamierte, der Ball sei im Aus gewesen, der Stuhlschiedsrichter kam, sah es genauso und ließ den Punkt wiederholen. Melzer returnierte diesmal gut, doch seine übernächste Vorhand landete weit im Aus, und so durfte Golubjew erneut jubeln, diesmal ballte er die Faust. Doppelte Freude hält besser, Jürgen Melzer sei Dank.

Für einen, der seinen ersten Turniersieg auf der ATP-Tour feiert, ist doppelter Jubel durchaus angemessen. "In dem Moment, als der letzte Punkt wiederholt werden musste, gingen mir viele Dinge durch den Kopf, aber dann habe ich mir gedacht: Spiel einfach weiter, dann klappt das schon", sagte der 23-Jährige. Damit hatte er das Erfolgsgeheimnis seiner großartigen Woche am Rothenbaum umrissen. "Golubjew hat den Titel verdient, er hat tolles Tennis gespielt", sagte Melzer, der die 3:6, 5:7-Niederlage nach 1:29 Stunden Spielzeit, die in 45 Länder weltweit übertragen wurde und Hamburg damit einen immensen internationalen Werbewert verschaffte, schnell verdaut hatte.

Tatsächlich muss man bei einem Blick auf die Statistik anerkennen, dass Golubjew sich bei seiner ersten Teilnahme an den German Open völlig verdient zum Titel durchschlug. In den sechs Turniermatches gab er keinen Satz ab. Er schaltete neben Titelverteidiger Nikolaij Dawidenko (Russland, Achtelfinale) in der Runde der letzten vier am Sonnabend auch den deutschen Hoffnungsträger Florian Mayer (Bayreuth) mit 7:6 und 6:4 aus. Und er spielte ein von schier unbändiger Kraft geprägtes Powertennis mit nahezu perfekter Präzision von der Grundlinie. "Mein Spiel ist speziell, es ist eine Gratwanderung, weil ich sehr hart schlage und deshalb genau treffen muss, damit die Bälle ins Feld und nicht irgendwo hin fliegen", erklärte er.

"So ein Tennis kann man kein ganzes Jahr durchhalten", sagte gestern auch der Weltranglisten-15. Melzer, und weil das stimmt, stand Golubjew bis gestern auch nur auf Rang 82 des Rankings. Er war einer unter vielen, der meist ein paar Matches gewinnt, aber sein Niveau nicht über eine volle Turnierwoche halten kann. Dass er seinen ersten Titel auf Sand gewann, verwunderte ihn selbst, "aber letztlich ist es egal, auf welchem Belag es passiert. Ich bin einfach froh, dass es geklappt hat", sagte er. Die in Hamburg gewonnenen 500 Punkte dürften ihn in die Top 40 bringen, sich dort zu halten ist sein Ziel. "Ich weiß, dass ich konstanter werden muss. Daran arbeite ich", sagte er.

Der gebürtige Russe war im Alter von 15 Jahren ins italienische Bra gezogen, weil dort die Trainingsbedingungen besser waren als in der Heimat. Als 2008 das Angebot des kasachischen Verbands kam, für dessen Daviscupteam anzutreten, griff er zu. "Im russischen Team wäre bei der großen Konkurrenz kein Platz für mich gewesen", gibt er zu. In Kasachstan werden seine Erfolge gefeiert, immerhin ist er nun der erste kasachische Tennisprofi, der ein ATP-Turnier gewinnen konnte. "Unser Verbandspräsident hat nach meinem Finaleinzug schon gratuliert. Heute habe ich mein Handy noch nicht angeschaltet, aber ich denke, dass sich auch der Staatspräsident melden wird", sagte er gestern.

Von den 228 000 Euro Preisgeld möchte Golubjew sich und seiner Familie Wohnungen finanzieren. "Ich habe noch nie so viel Geld auf einen Schlag bekommen, deshalb habe ich auch noch keine konkreten Pläne gemacht, was ich damit tun werde", sagte er. Ein Laptop für seine Freundin Jewgenia wäre ebenfalls eine gute Geldanlage. Bislang sitzt die Ukrainerin, die er in Italien beim Tennistraining kennenlernte, bei seinen Spielen am Rand und tippt Kurzanalysen in ihr Mobiltelefon. "Sie schreibt auf, zu welchem Zeitpunkt ich Breakbälle vergebe oder wann ich wichtige Punkte gemacht habe. Das hilft mir sehr", sagt er. Die Analyse der Rothenbaum-Woche dürfte den beiden viel Freude bereiten.