Bayer Leverkusen

Bayer entlässt Dutt - Hyypiä vom Praktikanten zum Chef

Nach nur 275 Tagen musst Robin Dutt seinen Posten als Chef-Trainer bei Bayer Leverkusen räumen. Der ehemalige Profi Sami Hyypiä soll als Teamchef und Heilsbringer Vizemeister Bayer Leverkusen nach Europa führen.

Leverkusen. Robin Dutt musste nach nur 275 Tage gehen, nun macht Bayer Leverkusen den Praktikanten zum Boss: Der ehemalige Profi Sami Hyypiä soll als Teamchef und Heilsbringer Vizemeister Bayer Leverkusen vor dem Totalabsturz bewahren und das Minimalziel Europa League erreichen.

Nach der Entlassung von Dutt am Tag nach der 0:2 (0:1)-Pleite gegen den SC Freiburg bleiben dem Finnen noch sechs Spiele, um das Millionen-Ensemble vor einer Saison ohne Europapokal-Teilnahme zu bewahren. An der Seite des 38-Jährigen, der zwischen 2009 und 2011 für Bayer spielte und noch im Oktober unter Dutt ein sechswöchiges Praktikum absolvierte, wird U19-Trainer Sascha Lewandowski agieren, der im Gegensatz zu Hyypiä auch den Trainerschein besitzt.

"Nach unseren Leistungen auf Schalke und vor allem gegen Freiburg mussten wir die Reißleine ziehen, um unser Minimalziel nicht zu gefährden“, sagte Sportchef Rudi Völler am Sonntagmorgen und Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser ergänzte: "Wir mussten einfach handeln und ein Zeichen setzen, um das Saisonziel internationaler Wettbewerb weiter mit frischem Wind zu verfolgen.“

Bereits nach dem leblosen Auftritt beim 0:2 gegen Schalke hatten Völler und Klubboss Wolfgang Holzhäuser Hyppiä kontaktiert und mit ihm einen Notfallplan erörtert, der dann nach dem Offenbarungseid gegen Dutts ehemalige Mannschaft Freiburg greifen musste. Bereits in der Halbzeitpause machte die Bayer-Führung Nägel mit Köpfen.

"Gegen Freiburg standen elf Spieler auf dem Platz, aber keine Mannschaft“, sagte der ehemalige Kapitän der finnischen Nationalmannschaft bei seiner Vorstellung und legte damit den Finger in die Wunde. Hyypiä zeigte sich aber vor seinem ersten Einsatz als Teamchef am kommenden Sonntag beim Hamburger SV optimistisch. "Ich kenne die Mannschaft und glaube fest an sie. Sascha und ich wollen einem verunsicherten Team, das in den vergangenen Spielen nicht zu seinen Möglichkeiten gefunden hat, Wege aufzeigen, um Bayer Leverkusen wieder in die Erfolgsspur zu bringen“, sagte der 105-malige finnische Internationale, der derzeit in Finnland einen Trainerlehrgang absolviert.

Am Dienstag wird das neue Trainerduo Hyppiä/Lewandowski erstmals auf dem Trainingsplatz stehen. "Die Spieler sollen am freien Montag die Köpfe freibekommen, und wir beide haben an diesem Tag genug zu tun, um die nächsten Wochen zu planen“, sagte Hyppiä.

Völler stellte aber klar, dass Dutt nicht der Alleinschuldige für den Absturz in den letzten Wochen war. "Die Spieler haben jetzt kein Alibi mehr, sie stehen in der Pflicht und sie müssen wissen, dass es 5 vor 12 ist. Das werden ich ihnen auch noch einmal klar machen. Ihre schwachen Auftritten gegen Schalke und Freiburg sind nicht nur damit zu entschudligen, dass sie verängstigt waren. Jetzt geht es auch um de Ehre.“

Die Angst war aber Völlers Meinung nach der Hauptgrund, warum die Mannschaft zuletzt so unter die Räder gekommen ist. "Unserer Mannschaft ist das Selbstvertrauen total abhanden gekommen. Wir haben gegen Freiburg einen Auftritt gesehen, der von Angst geprägt war. Das ist das Schlimmste, was im Fußball passieren kann.“

Holzhäuser hatte für dieses Auftreten aber ebensowenig wie Völler eine plausible Erklärung, er versicherte aber, dass das Verhältnis zwischen Dutt und der Mannschaft nicht der Grund dafür sein könne. "Das Gerücht, dass es zwischen Dutt und der Mannschaft nicht gestimmt hat, ist eine Mär. Es herrschte ein offenes und gutes Verhältnis zwischen den Spielern und dem Trainer.“

Dutt selbst hatte dies zuvor ebenfalls bestätigt und betont, dass er der Mannschaft keinen Vorwurf machen könne. Er hatte am Sonntagmorgen auf eigenen Wunsch die Mannschaft persönlich von seiner Demission unterrichtet. "Ich bin durch die Vordertür gekommen und wollte nicht durch die Hintertür verschwinden“, sagte der Nachfolger von Jupp Heynckes dieses ungewöhnliche Verhalten. Dutt kartete nicht nach und bedankte sich sogar noch bei Holzhäuser und Völler, dass er im vergangenen Sommer die Chance erhalten habe, bei Bayer zu arbeiten. Mit Dutt wurden auch dessen Co-Trainer Damir Buric und Marco Langner freigestellt.

Ob das neue Duo Hyypiä/Lewandowksi möglicherweise sogar über den Sommer hinaus, in dem angeblich Ralf Rangnick das Ruder übernehmen soll, für die Bundesligamannschaft verantwortlich bleibt, ließ Holzhäuser offen: "Wir planen erst einmal bis zum Saisonende und treffen dann im Sommer eine Entscheidung. Aber natürlich kann das auch eine längere Lösung sein.“

Von einer längerfristigen Lösung waren Holzhäuser und Völler auch bei der Verpflichtung von Dutt ausgegangen. "Ich weiß auch nicht genau, warum das nicht funktioniert hat“, sagte Holzhäuser, den die Trennung sichtlich mitgenommen hatte: "Ich habe diese Situation ja schon einige Male erlebt, aber so schwer gefallen wie heute ist mir eine Entlassung noch nie.“ Die Entlassung sei aber unvermeidlich gewesen: "Wir haben ein insgesamt fast resignatives Gefühl im Klub festgestellt. Mit Sami wollen wir wieder eine positives Grundgefühl in den Verein bekommen.“

(abendblatt.de/sid)

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