Sportgespräch mit Eissprinterin Jenny Wolf

"Es gibt kein anderes Ziel als Gold"

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Die 30 Jahre alte Berlinerin ist die schnellste Frau auf Kufen. Glamour à la Friesinger liegt ihr aber nicht.

"Ich brauche Wettkämpfe. Die geben mir Sicherheit." Einen Monat vor den wichtigsten Rennen ihrer Karriere startet die Berliner Eisschnellläuferin Jenny Wolf (30) an diesem Wochenende bei den Sprint-Weltmeisterschaften in Obihiro. Ihre stärksten Konkurrentinnen fehlen in Japan. Deren Konzentration gilt dem 16. Februar, wenn bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver die 500 Meter anstehen. Wolf ist Weltrekordlerin und Weltmeisterin. Erst Japan, dann Kanada - viele Stunden in Flugzeugen und Zügen. "Die Reisen machen mir nichts aus", sagt sie. "Unterwegs kann ich viel lesen. Das entspannt mich."

Abendblatt:

Frau Wolf, wenn man es rational betrachtet, haben Sie kürzlich gesagt, kann für Sie bei den Olympischen Spielen in Vancouver nichts anderes herauskommen als Gold. Setzen Sie sich damit nicht unnötig unter Druck?

Jenny Wolf:

Hätte ich sagen sollen, ich will eine Medaille gewinnen? Das stimmt ja in dieser Verallgemeinerung nicht. Für mich gibt es kein anderes Ziel als Gold. Also muss ich es so klar formulieren, warum soll ich da rumlavieren. Natürlich habe ich jetzt Druck, aber der hilft mir.

Abendblatt:

Woher kommt dieses plötzliche Selbstbewusstsein? Sie galten doch eher als Grüblerin.

Wolf:

Die bin ich auch, aber deswegen bin ich noch lange nicht schwermütig. Ich hinterfrage nur vieles, ich will verstehen, was weshalb wie passiert. Aus den Antworten ziehe ich dann mein Selbstbewusstsein. Wenn ich die Resultate und Rennen der vergangenen drei Jahre über die 500 Meter analysiere, komme ich zu dem Ergebnis, dass ich in Vancouver die klare Favoritin über diese Strecke bin. Diesem Fakt stelle ich mich. Alles andere würde meine Position schwächen.

Abendblatt:

Die Chinesin Beixing Wang, ihre wahrscheinlich größte Konkurrentin in Vancouver, war zuletzt gerade zwei Hundertstelsekunden langsamer als Sie bei Ihrem Weltrekord (37,00 Sekunden). Das sorgt Sie nicht?

Wolf:

Nein! Weil ich weiß, dass ich noch deutlich schneller laufen kann. Selbst mein letzter Weltrekordlauf war nicht optimal, ein paar Zehntelsekunden kann ich da sicherlich noch herausholen.

Abendblatt:

Wo sind Ihre Grenzen?

Wolf:

Körperlich bin ich in dieser Saison mit dem Training an meine Grenzen gegangen. Technisch, vor allem in den Kurven, sehe ich, wenn ich mir die Videos meiner Wettkämpfe anschaue, noch Potenzial. Das werde ich hoffentlich in den nächsten Jahren ausschöpfen können.

Abendblatt:

Sie sind langsam schnell geworden. Erst im fortgeschrittenen Leistungssportalter von 25 Jahren sind Sie in die Weltspitze gelaufen. Was hat vorher nicht gepasst?

Wolf:

Ich war schon immer schnell, was meine Zeiten über die nicht-olympischen 100 Meter belegen. Ich habe diese Geschwindigkeit aber nicht in die Kurven retten können, weil meine Technik zu schlecht war. Da half es auch nicht, wenn der Trainer immer wieder sagt, du musst dies und das ändern. Der entscheidende Fortschritt war, dass ich 2006 Elemente aus dem Training der Shorttracker übernommen habe, die ja in extremer Schieflage durch die Kurven jagen. Seitdem läuft's.

Abendblatt:

Trotz Ihrer inzwischen vier Weltmeistertitel hinken Sie der Popularität einer Anni Friesinger und ehemals Claudia Pechstein noch hinterher. Kommt da Neid auf?

Wolf:

Überhaupt nicht. Beide waren Olympiasiegerinnen, ich habe noch keine olympische Medaille gewonnen. Es hat schon alles seine Ordnung.

Abendblatt:

Sie könnten mit ein paar Extravaganzen stärker auf sich aufmerksam machen.

Wolf:

Man sollte nie in eine Rolle schlüpfen, die einem nicht liegt. Das werde ich auch nicht ändern. Ich bin mir im Reinen. Eisschnelllaufen macht mir riesigen Spaß, so soll es bleiben.

Abendblatt:

Ihre Prinzipien haben Sie bereits eine Menge Geld gekostet. Zur Leistungssportkompanie der Bundeswehr wollten Sie nicht, weil Sie Waffen ablehnen.

Wolf:

In der Tat hatte ich keine Lust, bei der Grundausbildung mit dem Gewehr in der Hand durch den Wald zu robben. Ob mich diese Haltung wirklich etwas gekostet hat, weiß ich nicht. Vielleicht hätte sich mit der Rundum-Versorgung durch die Bundeswehr bei mir eine gewisse Zufriedenheit eingestellt, die meinen Leistungswillen untergraben hätte. So habe ich mir den Biss bewahrt, mit dem ich immerhin schon vier Mal Weltmeisterin geworden bin.

Abendblatt:

Wie passt Ihre ablehnende Haltung zur Bundeswehr damit zusammen, dass sie mit einem Bundeswehrhauptmann liiert sind?

Wolf:

Sehr gut.

Abendblatt:

Da ist kein Streit auf dem heimischen Sofa programmiert?

Wolf:

Natürlich reden wir über die Bundeswehr, ich piesacke ihn manchmal mit diesem Thema. Aber Streit? Nein. Meine Einstellung zur Bundeswehr haben unsere Gespräche deutlich zum Positiven beeinflusst. Er darf bei der Bundeswehr bleiben.

Abendblatt:

Eine Heirat ist also nicht mehr ausgeschlossen.

Wolf:

Sie ist schon für die Zeit nach Olympia fest geplant.

Abendblatt:

Die Rebellin wird bürgerlich.

Wolf:

Jetzt übertreiben Sie. Ich hatte und habe eine kritische Einstellung zu dem, was auf der Welt passiert. Ich habe da meine Fragen, weil ich vieles nicht verstehe, nicht verstehen will.

Abendblatt:

Hatten Sie nie Lust, sich politisch zu engagieren?

Wolf:

Dafür hatte ich nie Zeit.

Abendblatt:

Das ist eine Ausrede.

Wolf:

Eisschnelllaufen war mir stets wichtiger. Wäre es anders gewesen, hätte ich Politikwissenschaften studiert.

Abendblatt:

So ist es Literatur geworden. Vor anderthalb Jahren haben Sie an der Berliner Humboldt-Universität Ihren Magister gemacht. Lässt sich daraus ein Berufswunsch für die Zeit nach Ihrer Karriere ableiten?

Wolf:

Ich will ja noch ein paar Jahre laufen, was ich danach mache werde, darüber habe ich noch keine exakten Vorstellungen. Ich habe vor drei Semestern an der Fachhochschule ein Betriebswirtschaftsstudium angefangen, weil ich mehr über die Arbeitswelt erfahren will.

Abendblatt:

Ihre Neugier scheint unerschöpflich.

Wolf:

Ich suche immer nach Erklärungen. So lange ich sie nicht gefunden habe, gebe ich keine Ruhe. Wie soll man verantwortlich handeln, wie soll man sich zu einer Sache bekennen, wenn man nicht die gesamten Zusammenhänge versteht?

Abendblatt:

Haben Sie denn eine Erklärung oder zumindest Meinung zum Dopingfall Claudia Pechstein?

Wolf:

Nur eine private. Öffentlich werde ich mich zu dieser Angelegenheit nicht äußern.

Abendblatt:

Haben Sie mit Claudia Pechstein über den Fall gesprochen?

Wolf:

In einer frühen Phase haben wir uns einmal unterhalten. Danach nicht wieder. Wir trainieren zwar beide in Berlin-Hohenschönhausen, aber wir hatten nie einen engen Kontakt. Sie ist Mehrkämpferin, ich bin Sprinterin. Wir laufen uns nicht so oft über den Weg.

Abendblatt:

Wie sehr schadet der Fall dem Ansehen des Eisschnelllaufens?

Wolf:

Das ist heute nicht abzusehen. Egal wie die Sache ausgeht, irgendetwas wird immer an unserem Sport hängen bleiben. Das ist sehr schade. Das haben die Sportler nicht verdient.

( Interview: Rainer Grünberg )