Der Fall Pechstein

Indizprozesse im Dopingkampf - weitere Fälle möglich

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Dem Urteil und der Suspendierung im Fall Pechstein könnten andere Verbände folgen. Der Startschuss für Indizprozesse ist gefallen.

Hamburg. Welcher Verband traut sich als nächster? Nur Stunden nach dem historischen CAS-Urteil im Fall der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wurde im internationalen Spitzensport die Frage diskutiert, welcher Verband nun den nächsten Indizienfall präsentiert. Funktionäre, Politiker und Wissenschaftler werten die Rechtssprechung des Internationalen Sportgerichtshofes CAS nahezu unisono als richtungsweisenden Durchbruch für den indirekten Beweis im Anti- Doping-Kampf. Für Blutdoper wird das Manipulieren immer riskanter, trotzdem plädiert Bayerns Justizministerin Beate Merk zur weiteren Abschreckung für ein Bundes-Sportschutzgesetz. Doping, Bestechung, Bestechlichkeit und sonstige betrügerische Manipulation müssten strafrechtlich verfolgt werden. Bei gewerbsmäßigem Doping sollten sogar bis zu 15 Jahren Haft möglich sein, fordert die CSU-Politikerin in der „Süddeutschen Zeitung“.

Tatsächlich dürften sich Indizienprozesse, im Zivil- und Strafrecht längst Alltag, mit der CAS-Entscheidung auch im Sport etablieren. Suspendierungen auf der Basis von Blutprofilen könnten in Mode kommen. Allein im Eisschnelllaufen liegen 527 weitere Fälle in der Datenbank des Weltverbandes ISU mit Retikulozytenwerten außerhalb des Grenzbereichs. FIS-Präsident Gian-Franco Kasper hatte schon vor der Bestätigung der zweijährigen Sperre für Pechstein eine wahre Prozessflut prophezeit. Die meisten Verbände hätten Listen von Athleten, deren Blutbilder Abnormalitäten zeigten, so der Chef des Internationalen Skiverbandes (FIS).

Neben der FIS erstellen der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) und der Radsport-Weltverband (UCI) längst Blutpässe. Die UCI hatte den Anfang 2008 den biologischen Pass mit Blut- und Hormon- Parametern für alle lizenzierten Radprofis eingeführt. Bei Auffälligkeiten oder markanten Abweichungen in den Blutprofilen ordnet der Verband Zielkontrollen an, die in diesem Jahr zu positiven Doping-Befunden geführt hatten.

Bei den genannten Spitzenverbänden werden über einen langen Zeitraum hinweg bis zu zwölf Parameter beobachtet. Im Fall der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin reichte dem Weltverband ISU ein Blutparameter (Retikulozyten) zum Nachweis einer unerlaubten Manipulation. „Ich bin sicher, dass der indirekte Nachweis von Doping-Missbrauch aufgewertet wird und die Entscheidung eine positive Stimmung bei den Verbänden erzeugt“, analysierte Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln, „nicht wohl ist mir aber, dass das Urteil nur auf einen Parameter, die erhöhte Anzahl von Retikulozyten im Körper, beruht.“

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat seit dem 1. Januar im WADA-Code die Möglichkeit geschaffen, dass Verlaufskontrollen von Blutwerten auch zum Dopingnachweis verwendet werden können. Im September 2009 erarbeitete die WADA einen ersten Entwurf zum sogenannten „Blutpass-Programm“ mit Vorgaben für die Probenabnahme, Transport, Analyse im Labor und Datenauswertung. Dieses Programm sieht vor, neun Blutparameter (Hämatokrit, Hämoglobin, Retikulozyten, Anzahl der Roten Blutkörperchen, Erythrozytenvolumen, Hämoglobingehalt der Erythrozyten, Mittlere korpuskuläre Hämoglobinkonzentration, Weiße Blutkörperchen oder Leukozyten und Blutplättchen oder Thrombozyten) zu erfassen.

Für IOC-Präsident Jacques Rogge war der Fall Pechstein „ein Lackmus-Test, ob Langzeitprofile von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinde“ anerkannt werden. Schließlich hat der belgische Boss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bei seiner Amtsübernahme 2001 eine „Null Toleranz-Politik“ im Anti- Doping-Kampf ausgerufen. Die indirekte Beweisführung wurde vom CAS nun erstmals als Grundlage für eine Dopingsperre anerkannt. Rogge jubelt. Nur bei seinem verzweifelten Kampf gegen Gendoping hilft ihm der Fall Pechstein vorerst nicht weiter.