Nachwuchstalente des HSV Handball spielen Sonntag in der Color Line Arena

Generation "Handball-geil"

Die B-Jugendspieler Mustafa Wendland und Kai Ole Kaiser vom HSV Handball werden am Sonntag ihr erstes Spiel in der sagenumwobenen Color-Line-Arena bestreiten. Es ist das vorzeitige Highlight der Saison und ein Vorgeschmack auf das, was die Nachwuchshandballer zukünftig erwartet, sollten sie den Sprung in den Profibereich schaffen.

Hamburg. Sie haben Bewunderer und sie haben Neider. Menschen, die sie lieben, und Menschen, die sie ignorieren. Die sie kaum noch eines Blickes würdigen. Mustafa Wendland und Kai Ole Kaiser verbindet ein ähnliches Schicksal. Die 16-jährigen Handballer haben im April 2008 ihre Heimatvereine verlassen, um in der B-Jugend des HSV Oberliga-Handball zu spielen. Bei einem traditionslosen Verein, der keine gewachsenen Strukturen besitzt, und der binnen kürzester Zeit eine komplette Jugendabteilung errichtet hat. Um den Handballnachwuchs zu fördern und auf einem Top-Niveau auszubilden, sagen die einen. Um Strafgelder der Bundesliga zu vermeiden, sagen die anderen.

Für Mustafa und Kai Ole stellt sich die Frage nach dem ‚Warum’ nicht. Sie sind diejenigen, die von den ambitionierten Plänen des HSV Handball profitieren. Die ihrem Traum vom Profi-Dasein einen kleinen, aber entscheidenden Schritt näher gekommen sind, und die für ihr Ziel sogar in Kauf nehmen, dass alte Bekannte hinter ihrem Rücken schlecht über sie reden. "Es kommt schon vor, dass Leute einem den Schritt zum HSV nicht gönnen", erzählt Mustafa. Enttäuscht darüber ist der junge Deutsche mit dem südländischen Vornamen allerdings nicht. Zumindest nicht offiziell. "Ich stehe zu meiner Entscheidung. Und bis jetzt bin ich glücklich und zufrieden beim HSV."

Der 1,93 Meter große Torhüter wirkt fröhlich und aufgeweckt. Ständig macht er scherzhafte Bemerkungen, flachst herum und plaudert mit einem breiten Lächeln über sich und seine Zukunft. "Handball-geil" sei er, sagt Mustafa über sich selbst. Mit seiner Schwester Sara (20) wohnt der ehemalige Spieler des HV Stralsund seit knapp einem dreiviertel Jahr in der Hansestadt. "Sie passt auf mich auf, jetzt, da wir beide nicht mehr bei meiner Mutter leben", so der Gymnasiast, der in Blankenese die Schulbank drückt.

Dass Mustafa nicht mehr im ‚Hotel Mama’ wohnt und für den HSV extra seine mecklenburgische Heimat verlassen hat, war für den jetzigen Torwart der Hamburger Auswahl nicht einfach. Jeden Tag telefoniert er mit seiner Mutter. Erkundigt sich, wie es ihr geht. Denn Familie ist Mustafa wichtig. Wenn es mit der Profikarriere widererwartend nicht klappen sollte, will er Islamwissenschaften studieren. Mehr über sich und seine Herkunft erfahren. "Mein Vater stammt aus Libyen in Nordafrika", erzählt Mustafa und senkt leicht seinen Kopf. "Er ist gestorben, als ich noch ganz klein war. Erinnerungen habe ich kaum an ihn." Noch scheint der hochgewachsene 16-Jährige auf der Suche nach seinen Wurzeln zu sein. Doch die Zukunft sieht Mustafa Wendland klar vor sich: "Ich werde alles daran setzen, Handballprofi zu werden. Denn das ist mein Ziel, und hier beim HSV bin ich auf einem guten Weg."

Das sieht auch Mannschaftskamerad Kai Ole Kaiser so. Der 1,88 Meter große Rückraumspieler kommt vom MTV Eyendorf. Er hat nicht lange mit sich ringen müssen, um den Verein zu wechseln. "Ich wollte höherklassig spielen, mehr erreichen als viele meiner ehemaligen Mannschaftskameraden", sagt der Rotschopf selbstbewusst. Für den Traum, mit dem Handballspielen eines Tages Geld zu verdienen, opfert er vieles. Eine Freundin hat Kai Ole nicht. Die müsse schon verstehen, dass Handball bei ihm an erster Stelle stehe, sagt er. Viel Zeit für Bekanntschaften bleibt dem 16-Jährigen sowieso nicht. Denn noch wohnt Kai Ole im niedersächsischen Salzhausen und pendelt viermal pro Woche zum Training in die Hansestadt. Mit Bus und Bahn. 2 ½ Stunden vor Trainingsbeginn macht sich der Gymnasiast auf die Reise. Doch nach Hamburg umziehen, das kommt für ihn nicht in Frage. Noch nicht. "Ich brauche mein familiäres Umfeld, wohne gerne bei meinen Eltern", sagt er.

Auch er hat einen Plan B. Eine Alternative zum Handballsport. "Sportpsychologie würde mich interessieren", erzählt Kai Ole und faltet die Hände ineinander. Doch erst einmal setze er alles daran, es in die Bundesliga zu schaffen. Er ist ein Kämpfer, der die Konkurrenz liebt. Der sich beweisen will und auf dem Spielfeld schon ab und an Zwei-Minutenstrafen kassiert, weil er eine Schiedsrichterentscheidung lauthals infrage stellt. Er könne sich nicht immer im Zaum halten, sagt er. Ob die Emotionen auch am Sonntag hoch kochen werden, wenn die B-Jugendmannschaft von Kai Ole und Mustafa in der Color-Line-Arena um 13 Uhr das Freundschaftsspiel gegen HSV Stuttgart-Nord bestreiten wird, bleibt abzuwarten. Möglich ist es. "Zwei Stunden nach uns spielen die Profis gegen Melsungen. Wir hoffen, dass die Halle gut gefüllt ist und auch wir schon einige Zuschauer haben. Vor einer solchen Kulisse ist man besonders motiviert und aufgeregt. Da kann alles passieren", meint Kai Ole und lächelt verschmitzt.

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