Mainz 05 Manager Christian Heidel vor dem Spiel gegen den FC St. Pauli

"Kloppo sagte zu mir: Andersen musst du sofort verhaften"

| Lesedauer: 10 Minuten

Lutz Wöckener sprach mit Mainz-05-Manager Christian Heidel vor dem Spiel gegen den FC St. Pauli.

Abendblatt: Herr Heidel, was halten Sie von Mitsubishi?
Christian Heidel: Mitsubishi ist ok. Meine berufliche Vergangenheit liegt allerdings bei BMW, deshalb kann ich nicht objektiv urteilen. Aber weshalb fragen Sie?


Abendblatt: Ihr ehemaliger Trainer Jürgen Klopp macht Werbung für die japanische Marke. Können Sie das gutheißen?
Heidel: (lacht): Nun ja, nach zwölf Jahren BMW wollte er sicherlich mal eine andere Marke fahren.


Abendblatt: Vermissen Sie ihn eigentlich?
Heidel: Als Trainer oder als Freund?


Abendblatt: Sie sind tatsächlich befreundet?
Heidel: Wir sind 16 Jahre gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Da ist eine Freundschaft entstanden, die über das normale Maß im Fußballgeschäft hinausgeht.


Abendblatt: Was ist davon geblieben?
Heidel: Wir telefonieren zwei bis dreimal pro Woche oder schreiben SMS, und als Typ fehlt er mir schon. Wir sind hier in Mainz auch gern mal was trinken gegangen. Andererseits sind wir ja auch nicht miteinander verheiratet. Mit dem Wechsel zum BVB hat "Kloppo" genau den richtigen Schritt gemacht.


Abendblatt: Was wird aus Ihnen? Würde es Sie nicht reizen, irgendwann wieder mit Ihrem Freund zusammenzuarbeiten?
Heidel: Ich weiß nicht. Ich bin hier festgewachsen.


Abendblatt: Ihr Präsident Harald Strutz adelte Sie jüngst als den vielleicht größten Fußballfachmann Deutschlands. Sind Sie zu bescheiden, oder übertreibt Ihr Präsident?
Heidel: Ach du lieber Gott, da gibt es ganz andere Fachleute. Sehen Sie, ich bin seit 17 Jahren für den Verein in dieser Funktion tätig, seit fünf Jahren hauptamtlich. Ich gehe seit 1971 an den Bruchweg, habe hier alles erlebt, auch die tiefsten Tiefen. Es ist noch gar nicht so lange her, in den 80er Jahren, da haben hier keine 500 Leute mehr bei den Spielen zugeschaut. Ich habe zu diesem Klub einfach eine besondere Beziehung und durfte an einer Entwicklung mitwirken, die noch nicht abgeschlossen ist. Dieser Verein ist mein Leben, das sich allein durch die Diskussionen und die schwierigen Verhandlungen um das neue Stadion um ein paar Jahre verkürzt haben dürfte.


Abendblatt: Sie sind ein echter "Meenzer Bub", Ihr Vater war Bürgermeister dieser Stadt. Auf immer und ewig Mainz?
Heidel: Ja, das ist sicher nicht ausgeschlossen. Ich bin Mainzer durch und durch. Für mich ist das ein Traumjob. So etwas gibt man nur aus ganz besonderen Gründen auf. Und Real Madrid hat noch nicht angefragt.


Abendblatt: Bis wann läuft Ihr Vertrag?
Heidel: Oh, das weiß ich gar nicht Ich glaube, bis 2013.


Abendblatt: Der von Trainer Jörn Andersen endet 2010. Viele hatten ihm prophezeit, frühzeitig am Klopp-Erbe zu zerbrechen. Stattdessen ist Mainz Tabellenführer. Überrascht Sie der Kaltstart?
Heidel: Ich hätte nicht unbedingt erwartet, dass wir am 13. Spieltag Spitzenreiter sein würden.


Abendblatt: Warum gab es keinen Bruch am Bruchweg?
Heidel: Mir war immer klar, dass Kloppo irgendwann gehen würde. Und wenn schon Trennung, dann hat der Zeitpunkt im Sommer gut gepasst. Alle Leistungsträger besaßen Verträge über die Saison hinaus. Nur Neven Subotic ging für sehr gutes Geld nach Dortmund. Der neue Trainer würde also eine eingespielte Mannschaft in hervorragendem Zustand vorfinden.


Abendblatt: Wieviel Klopp steckt denn noch in Mainz?
Heidel: Die Stärken der Mannschaft hat Jörn Andersen zu 100 Prozent übernommen und bewahrt. Das Verhalten gegen den Ball, die defensive Grundordnung, das Verschieben in der Defensive. Die Spieler sind taktisch hervorragend geschult. Aber er hat auch neue Stärken entwickelt, beispielsweise schaltet die Mannschaft viel schneller auf Angriff um als früher.


Abendblatt: Wie würden Sie den Trainer Jörn Andersen beschreiben?
Heidel: Er hat ein unglaublich hohes Fachwissen, ist sehr akribisch, ein Disziplinfanatiker. Alles wird geplant, besprochen, geordnet. Das fängt mit der Sauberkeit in der Kabine an und hört mit der Ordnung auf dem Spielfeld auf.


Abendblatt: Stimmt es eigentlich, dass Jürgen Klopp Ihnen Andersen empfohlen hat?
Heidel: Ich habe ihn am Abend unseres Nichtaufstiegs, nach dem 5:1-Sieg gegen St. Pauli, auf Andersen angesprochen, ihn gefragt, was er von ihm halte. Wir saßen beim Bier in der Mainzer Fankneipe, so wie wir es nach fast jedem Heimspiel gemacht haben.


Abendblatt: Und was hat Klopp geantwortet?
Heidel: Dass ich Andersen sofort verhaften solle, wenn er zu haben sei. Mir war wichtig, nach Klopp ganz bewusst auf einen anderen Typen zu setzen. Eine Klopp-Kopie hätte uns nicht weitergebracht, da wir das Original hatten. Ein schlechter Abklatsch wäre mittelfristig sicher gescheitert. Daher war es wichtig, einen Kontrast zu schaffen.


Abendblatt: Trinken Sie nun mit Andersen Ihr Bier in der Fankneipe?
Heidel: Wir gehen in die Kneipe, ja. Allerdings trinkt er nicht Bier, sondern einen Limoncello.


Abendblatt: Die Fans scheint Andersen ohnehin schon überzeugt zu haben.
Heidel: Absolut. Und daran war wirklich nicht so schnell zu glauben. Die Skepsis war riesig. In unserem Internet-Fanforum stieß seine Verpflichtung bei 70 Prozent auf Ablehnung. Ich wurde kritisiert und erhielt auch böse Post.


Abendblatt: Dennoch ziert sich Andersen, mit den Fans zu feiern. Nach dem Derby-Sieg gegen Wiesbaden musste fast schon körperlicher Zwang angewandt werden, um ihn wie vom Anhang gefordert in die Fankurve zu bekommen.
Heidel: Er ist eben ein introvertierter Typ. Wenn er gefeiert wird, ist ihm das wirklich unangenehm. Bis er wie Klopp auf den Zaun steigt, wird es wohl noch etwas dauern. Fakt aber ist: Er wurde hier in Windeseile zu 100 Prozent akzeptiert.


Abendblatt: Jetzt kommt der FC St. Pauli. Ein Aufstiegskandidat?
Heidel: Man sollte sie zumindest auf der Rechnung haben, die stehen mit oben. Und mit der Atmosphäre bei den Heimspielen können die schnell mal einen Lauf bekommen, wie die Englische Woche ja bewiesen hat.


Abendblatt: Zahlreiche Spielerverträge laufen aus. Wären Akteure wie Filip Trojan, Alexander Ludwig oder Carsten Rothenbach interessant für einen Bundesliga-Aufsteiger Mainz 05?
Heidel: Alle drei sind sehr gute Spieler. Vor allem Trojan ist sportlich nicht uninteressant. Wir haben übrigens mit ihm zusammengesessen, bevor er zu St. Pauli gegangen ist. Wir hatten damals nicht das Gefühl, dass er sich mit der Zweiten Liga anfreunden kann und sich total mit Mainz 05 identifizieren würde. Und Ludwig verfolge ich seit seiner Dresden-Zeit. Er hat eine gute Entwicklung genommen. Aber momentan sind wir mit unserer Mannschaft sehr zufrieden und denken nicht über Transfers nach.


Abendblatt: Für die sorgten Sie zuletzt mit Ihren kritischen Äußerungen über Hoffenheim. Mäzen Dietmar Hopp hat Sie für die negative Stimmung gegen ihn verantwortlich gemacht.
Heidel: Das verstehe ich bis heute nicht. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte ihn und seinen Klub diffamiert. Ich habe damals lediglich gesagt, dass ich hoffe, dass das Modell Hoffenheim einzigartig bleibt und keine Nachahmer findet.


Abendblatt: Sie sagten, es wäre schade, dass Hoffenheim einem anderen arrivierten Klub einen Platz im Profifußball wegnehme.
Heidel: Ja, aber das wurde aus dem Zusammenhang gerissen. In dem Moment, wo zwei oder drei weitere reiche Personen auf die Idee kommen, ihren Heimatverein mit Geld vollzupumpen, wird sich der deutsche Fußball verändern. Dann verlieren Fans von traditionellen Profiklubs ihre fußballerische Heimat. Und das wäre ein Fußball, den ich nicht möchte. Ich sehe eben lieber ein Pokalfinale Bayern gegen Hamburg als Hoffenheim gegen beispielsweise Bad Homburg. Und dazu stehe ich.


Abendblatt: Dennoch wird das Konzept allerorten hochgelobt.
Heidel: Hoffenheim hat Geld ohne Ende und ein fantastisches Konzept. Verstehen Sie mich nicht falsch. Was da passiert, ist absolut legitim. Aber man muss auch sehen, dass sie andere Voraussetzungen haben. Die Maßgabe, dass das Geld, was ausgegeben werden soll, erstmal eingenommen werden muss, gilt dort eben nicht.


Abendblatt: Was ist für Mainz 05 langfristig möglich?
Heidel: Es gibt hier im Umfeld Leute, die meinen, mit dem neuen Stadion ab 2010 ein Abonnement auf die Bundesliga zu besitzen. Das ist vermessen. Mein Ziel ist es, diesen Verein unter den Top 24 in Deutschland zu etablieren. Dann haben wir sehr viel erreicht. In den 90ern hatten wir einen Zuschauerschnitt von 5000. Das vergessen viele. Und wissen Sie, was für mich am wichtigsten ist?


Abendblatt: Bitte.
Heidel: Dass Mainz 05 mittlerweile in dieser Stadt Teil der Gesellschaft ist. Wir waren die graueste Maus unter den grauen Mäusen. Heute sind wir der Karnevalsverein und für viele Mainzer der wichtigste Freizeitwert überhaupt.


Abendblatt: Ein Image, das Sie dem Verein selbst verpasst haben.
Heidel: Besser ein Image, bekloppt zu sein, als gar keines zu haben.


Abendblatt: Be-Kloppt?
Heidel (lacht): Okay. Sagen wir besser: verrückt.


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