Vor dem Bundesliga-Spitzenspiel

"Ich sehe den HSV vor Schalke!"

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Vor dem Bundesliga-Spitzenspiels des Jol-Teams gegen die "Königsblauen" sprach das Hamburger Abendblatt mit Eindhovens Trainer Huub Stevens, der schon für beide Klubs in der Bundesliga arbeitete. Seine Einschätzung.

Abendblatt: Herr Stevens, wo sind Sie am Sonntagnachmittag ab 17 Uhr?
Huub Stevens (lacht): Wenn alles gut läuft und ich nicht für meinen Verein PSV Eindhoven scouten muss, dann sitze ich vor dem Fernseher und gucke Premiere. In der Bundesliga läuft da ein ziemlich interessantes Spiel.

Abendblatt: Zwei Ihrer ehemaligen Klubs treffen mit dem HSV und Schalke aufeinander. Wem drücken Sie die Daumen?
Stevens: Beiden natürlich. In Schalke war ich sehr lange, hatte eine tolle Zeit mit tollen Fans. Genau so in Hamburg, wo wir letztes Jahr mit dem Uefa-Cup-Achtelfinale, dem DFB-Pokal-Viertelfinale und der Bundesliga Großes erreicht haben. Und das, obwohl wir längst nicht so viele Variationsmöglichkeiten hatten, wie sie der HSV jetzt personell hat. Aber ich verfolge beide Vereine sehr intensiv, beide sind ein wesentlicher Teil meines Lebens geworden.

Abendblatt: Wer gewinnt??
Stevens: Beim HSV greift momentan ein Rad ins andere. Ich sehe den HSV momentan vorn.

Abendblatt: Welche deutschen Teilnehmer stehen kommende Saison in der Champions League??
Stevens: Der HSV hat die große Chance, weil der Kader starke interne Konkurrenz bietet. Dazu kommen Werder Bremen, Bayer Leverkusen und auch der VfL Wolfsburg.

Abendblatt: Fehlt nicht noch der FC Schalke??
Stevens: (unterbricht): Schalke ist immer ein Kandidat, klar! Genau wie die Tatsache, dass Bayern es schafft, ist für mich klar. Die werden am Ende wieder ganz oben landen.

Abendblatt: Weil Klinsmanns bereits stark kritisiertes Konzept auf lange Sicht greift??
Stevens: Nein, in erster Linie, weil es die beste Mannschaft ist. Über Klinsmanns Konzept mag ich nicht aus der Ferne urteilen. Nur so viel: Es ist immer gut, wenn ein Trainer eine Philosophie hat und die umsetzt. Andererseits muss jedem auch klar sein, dass auch vor einem selbst schon Leute am Werk waren, die gut waren. Jeder Trainer sollte sich die besten Ansätze des Bestehenden in sein Konzept mit einbeziehen.

Abendblatt: Wie Martin Jol beim HSV??
Stevens: Klar ist doch, dass wir eine gute Basis in der vergangenen Saison gelegt haben. Und viele Spieler haben dazu gelernt, etliche Projekte wurden besprochen und auf den Weg gebracht wie zum Beispiel der Bau eines kleinen Stadions auf dem Trainingsgelände an der Nordbank-Arena. Bei Köln beispielsweise habe ich Tage, Wochen und Monate investiert, um Patrick Helmes zu verpflichten. Gekommen ist er dann, als ich wegging. Das ist öffentlich kein großes Plus für mich, aber der Verein ist mir dankbar. Ich versuche, überall was Gutes zu hinterlassen. Bislang ist das wohl auch gelungen. Und das freut mich ebenso wie zu sehen, dass sich ein Lukas Podolski entwickelt. Der wird seinen Weg gehen auch bei den Bayern.

Abendblatt: Würden Sie ihm für mehr Einsatzzeiten einen Wechsel nahelegen??
Stevens: Nein. Von seiner Qualität her muss er sich auch beim FC Bayern durchsetzen.

Abendblatt: Momentan ist der HSV Tabellenführer, und das trotz des Abganges von Rafael van der Vaart. Oder gerade deswegen??
Stevens: Van der Vaart wollte gehen, und der HSV musste ihn nach dem Theater aus dem Vorjahr ziehen lassen. Zumal sich aus dem Erlös große Möglichkeiten ergeben haben. Dadurch rücken jetzt andere Spieler ins Rampenlicht, die ansonsten hinter dem Star zurückstanden. Und das hat der Mannschaft zumindest nicht geschadet.

Abendblatt: Wer hat Sie vom HSV in dieser Saison am meisten erfreut, wer am meisten enttäuscht??
Stevens: Piotr Trochowski hat letztes Jahr viel gespielt, jetzt aber sicherlich eine gewichtigere Rolle übernommen, seit Rafael van der Vaart weg ist. Enttäuscht bin ich von niemandem.

Abendblatt: Wären Sie enttäuscht, wenn sich einer Ihrer Spieler wie Kevin Kuranyi bei der Nationalmannschaft verhält??
Stevens: Klar. Das geht nicht, da hat Kevin einen großen Fehler gemacht. Wer in der Nationalmannschaft dabei ist, muss froh sein. Egal ob er nun Nummer fünf oder zwanzig ist. Letztlich darf der Trainer nur 18 Leute nominieren. Insofern ist so ein Verhalten nicht zu akzeptieren. Wie damals beim HSV mit Danijel Ljuboja, den wir aussortiert haben.

Abendblatt: Würden Sie Kuranyi als Vereinstrainer gleich wieder spielen lassen??
Stevens: Das hinge vom anschließenden Gespräch und seinen Trainingsleistungen ab. Manchmal hilft es dem Spieler, wenn er sich freispielt. Aber klar ist, dass so ein Verhalten nicht nur dem Spieler, sondern auch der Nationalmannschaft und dem Image des Vereins schadet. Aber das wird sein Trainer Fred Rutten schon klären.

Abendblatt: Vermissen Sie die Bundesliga??
Stevens: Die Bundesliga fehlt mir immer. In der Bundesliga ist alles viel größer. Aber hier bin ich zuhause, arbeite bei dem Verein, für den ich 18 Jahre lang aktiv war.

Abendblatt: Reizt es Sie, noch mal in die Bundesliga zu gehen??
Stevens: Ich sage niemals nie. Aber klar ist, dass ich hier beim PSV noch große Ziele und eine Menge Arbeit bis dahin zu erledigen habe. Wir fangen hier ganz von vorne an, und ich bin schon 54 Jahre alt. Nach meinem Vertrag wäre ich 56 Jahre alt. Für mich entscheidet der Faktor Spaß. Denn den brauche ich, um gut zu arbeiten.

Abendblatt: Waren Sie zwischenzeitlich mal traurig, beim HSV nicht ähnliche finanzielle Mittel für Verstärkungen zur Verfügung gehabt zu haben??
Stevens: Nein, ich habe mich für Hamburg gefreut. Insbesondere für Dietmar Beiersdorfer, der damit Großes veranstaltet hat. Ihm habe ich sogar persönlich gratuliert. Der Deal mit dem Wechsel von Mladen Petric für Mohamed Zidan war gigantisch. Petric wollten wir beide immer aber es schien utopisch. Und doch hat Didi (Beiersdorfer, d. Red.) das hinbekommen.

Abendblatt: Gerade Petric hat den HSV dazu gebracht, dieses Jahr deutlich offensiver zu spielen als im Vorjahr unter Ihnen...?
Stevens (unterbricht): Ich hätte bei den Variationsmöglichkeiten auch offensiver gespielt. Das mache ich in Eindhoven heute auch. Es hängt alles immer vom Spielermaterial ab.

Abendblatt: Stichwort Stevensive.?
Stevens: Schöne Wortkreation aber ich spiele nicht nur defensiv. Auch nicht beim PSV.

Abendblatt: Defensiv gefragt - wie geht es Ihrer Frau?
Stevens: Offensiv geantwortet: Es geht in kleinen Schritten voran soweit also gut, danke.