Der Paganini des Knies kommt aus Colorado

Sportmedizin. Warum sich Spitzenathleten von Richard Steadman operieren lassen

Hamburg. Hasan Salihamidzic (25) kennt den Weg. Drei Autostunden von Denver (Colorado) entfernt liegt die Steadman-Hawkins-Klinik am Fuße der Rocky Mountains. Schon der erste Eindruck schenkt Vertrauen. Hier wurde der bosnische Fußballprofi gestern zum zweiten Mal am Kreuzband operiert. Nach dem Eingriff vor einem Jahr konnte er vier Monate später wieder für den FC Bayern München spielen.

Der Mann, der solche Taten vollbringt, heißt Richard Steadman und gilt als "Kniepapst". Der 61-jährige Texaner ist zum Heilsbringer aufgestiegen für alle diejenigen, die ihren Beruf laufend ausüben. Football-, Fußball-, Tennisspieler, Boxer oder Skirennläufer haben Steadman die Fortsetzung ihrer Karrieren zu verdanken, von Martina Navratilova über Marc Giradelli, Joe Montana, Witali Klitschko und Ronaldo bis hin zu Giovane Elber und Lothar Matthäus, dem 1993 ersten prominenten deutschen Patienten. Zuletzt lagen die Nationalspieler Sebastian Deisler und Jens Nowotny auf seinem OP-Tisch.

"Es ist das Gesamtkunstwerk, die Klinik, seine persönliche Vertrauenswürdigkeit, seine Souveränität und Ruhe, seine Operationstechnik und die sofortige physiotherapeutische Nachbehandlung, die seine Erfolge ausmachen", glaubt der Hamburger Sportmediziner Prof. Bernd M. Kabelka, dem Steadman im Frühsommer gemeinsam mit 17 europäischen Kniespezialisten Einblick in sein Imperium gewährte.

Steadman habe im Gegensatz zu vielen anderen Operateuren seine Kreuzband-Technik seit zehn Jahren nicht mehr verändert. Dank dieser Erfahrung, so Kabelka, wisse Steadman millimetergenau, wo er die Schnitte setzen muss, wo er am wenigsten Gewebe zerstört und wo er auf die Regenerationsfähigkeit des Gewebes bauen kann. "Das Händchen, das er für das Gewebe entwickelt hat, hebt ihn aus der Gruppe derer heraus, die mit ähnlichen Techniken arbeiten", sagt Kabelka, "Steadman ist ein Paganini des Endoskops", andere werkelten da eher auf dem (gehobenen) Niveau Andre Rieus.

Menisken, Knorpel und vorderes Kreuzband sind die einzigen Felder, auf denen Steadman seit 20 Jahren persönlich Hand anlegt. Dabei hat er mit Hilfe des angeschlossenen Forschungsinstitutes neue, weltweit nachgeahmte Verfahren entwickelt: die Mikrofrakturierung bei Knorpelschäden (kleine Löcher werden in den Knochen gebohrt, damit sich Knorpelersatzgewebe bilden kann) und das Einsetzen halbmondförmiger Implantate mit körpereigenem Gewebe als Meniskusersatzstoffe.

Die Behandlung in der Steadman-Hawkins-Klinik hat ihren Preis. Der FC Bayern wird für Salihamidzic rund 20 000 Dollar nach Vail überweisen müssen. In Deutschland hätten die Kosten nur 5000 bis 7000 Euro betragen. Immerhin: Kabelka plant im Zusammenhang mit dem Ausbau des Tabea-Krankenhauses ein ähnliches Klinikum auf dem Kösterberg in Blankenese: "Das wäre mein Lebenstraum."

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.