Verlängerung: Das Sportgespräch mit dem deutsch-amerikanischen Boxexperten Ben Wett

"Solch ein Kribbeln fehlt heute leider"

Der 67-Jährige spricht über die Macht des Sports, Klitschkos Image und erklärt, warum Muhammad Ali ihm Schläge androht.

Abendblatt:

Sie sind als Experte für den TV-Sender RTL bei der Schwergewichts-Titelvereinigung zwischen IBF-Weltmeister Wladimir Klitschko und WBO-Champion Sultan Ibragimow im Einsatz. Welche Chancen gibt der Experte dem WBO-Weltmeister?

Ben Wett:

Wenn der Kampf über die Distanz geht, hat Ibragimow gegen die athletische Power Klitschkos keine Chance. Aber ich halte ihn wegen seiner Schnelligkeit für gefährlicher als die letzten Gegner, die Klitschko hatte. Er ist bislang nie richtig gefordert worden. Ich habe Ibragimow live gesehen, als er Shannon Briggs den Titel abgenommen hat. Da hat Briggs gar nichts gemacht. Und Evander Holyfield war viel zu alt und langsam, um ihm gefährlich zu werden. Deshalb wird es interessant sein zu sehen, wie Ibragimow reagiert, wenn Klitschkos Linke ihn permanent unter Druck setzt.



Abendblatt:

Welchen Stellenwert hat Klitschko in den USA?

Wett:

Er wird als jemand angesehen, der boxerisch eine Klasse besser ist als alle anderen. Der Pay-TV-Sender HBO setzt auf Klitschko als Zugpferd im Schwergewicht, preist ihn als unschlagbar an. Zuletzt haben sie mit Calvin Brock, Ray Austin und Lamon Brewster alle hoffnungsvollen Amerikaner auf Klitschko angesetzt, doch weil die keine Chance hatten und es keine besseren Amerikaner gibt, musste jetzt die Titelvereinigung her. Man merkt aber, dass der Kampf auch jetzt noch keinen besonders großen Stellenwert genießt, da er im normalen Pay-TV und nicht als Pay-per-View vertrieben wird. Es zieht eben in den USA noch immer nicht, wenn zwei Ausländer gegeneinander boxen.



Abendblatt:

Klitschko wird also nur von den Medien geschätzt, nicht aber von den US-Boxfans?

Wett:

Das würde ich so generell nicht sagen. Man kennt ihn als den gut aussehenden Russen, auf den alle Frauen fliegen. Die Männer sehen ihn als sympathischen Boxer mit guten Fähigkeiten, aber eben auch als Ausländer, der noch immer mit Akzent Englisch spricht. Er gilt ein wenig als unnahbar. Immerhin gilt er aber durch den Kampf gegen Samuel Peter, als er dreimal am Boden war und trotzdem nach Punkten gewann, nicht mehr als Weichei. Peter ist als harter Schläger bekannt, und der Sieg gegen ihn war der Durchbruch für Wladimir in der öffentlichen Wahrnehmung. Da hat er Herz gezeigt, das mögen die Amerikaner.



Abendblatt:

Wo würden Sie Wladimir Klitschko in einer Rangliste mit den großen Schwergewichts-Champions des vergangenen Jahrhunderts platzieren?

Wett:

Da wurschtelt er im Mittelfeld herum, was aber vor allem daran liegt, dass er noch nicht den sogenannten Defining Fight gemacht hat, den großen Kampf, in dem ihm alles abverlangt wurde. Alle großen Boxer sind auch durch ihre Gegner groß geworden, was man ja auch bei Wladimirs Bruder Vitali sehen konnte, der durch die Niederlage gegen Lennox Lewis die größte Aufmerksamkeit bekam. Solch ein Kampf fehlt Wladimir.



Abendblatt:

Er leidet also vor allem an der Schwäche seiner Gewichtsklasse?

Wett:

Ja, sogar in zweierlei Hinsicht. Er kann sich einerseits sportlich nicht weiter entwickeln, andererseits geht es auch wirtschaftlich nicht in andere Sphären voran.



Abendblatt:

Warum gibt es denn in den USA niemanden mehr, der Klitschko gefährden könnte?

Wett:

Zum einen gibt es die These, dass die schweren Jungs alle eine Karriere im Football vorziehen, da dort mit weniger Aufwand mehr Geld zu machen ist. Zum anderen ist das "Ultimate Fighting", dieses Boxen mit Wrestling-Einfluss und fast ohne Regeln, auf dem Vormarsch. Aber solche Wellenbewegungen gab es früher auch schon. In den 60er- und 80er-Jahren waren auch, genauso wie heute, die mittleren Klassen von Welter- bis Mittelgewicht am stärksten. Dort tut sich weiterhin sehr viel, deshalb verstehe ich auch nicht, warum viele sagen, der Boxsport in den USA sei tot.



Abendblatt:

Im Schwergewicht ist Europa führend, aber auch in den mittleren Klassen gibt es immer mehr nicht-amerikanische Weltmeister. Nehmen die Medien und Fans in den USA mittlerweile das, was in Übersee passiert, ernst?

Wett:

Notgedrungen. Die Medien akzeptieren es nicht nur, sondern sie respektieren es. Ein Erweckungserlebnis war der Kampf zwischen Floyd Mayweather und dem Briten Ricky Hatton im vergangenen Dezember. Eine solche Stimmung, wie sie die vielen Tausend britischen Fans im MGM Grand in Las Vegas verbreitet haben, habe selbst ich noch nie beim Boxen erlebt. Und das wurde in der US-Öffentlichkeit sehr gut angenommen und in allen Medien verbreitet.



Abendblatt:

Und der normale Boxfan nimmt das an?

Wett:

Na ja, der normale Boxfan tut sich genauso wie Boxer und deren Manager selbst manchmal etwas schwer, andere Länder ernst zu nehmen. Das ist die typisch amerikanische Arroganz, die es auf allen Feldern gibt. Aber wenn die dann selbst erleben, was in Europa im Boxen passiert, dann ist die Überraschung groß. Ich gebe ja selber zu: Als ich vor ein paar Jahren als Ringsprecher für die ARD nach Deutschland kam, habe ich das Ganze anfangs auch belächelt. Aber man merkt ganz schnell, wie großartig sich gerade Deutschland im Boxen entwickelt hat. Das Land ist mittlerweile eine der führenden Box-Nationen.



Abendblatt:

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Wett:

Ich denke, es liegt vor allem daran, dass in Deutschland alle großen Kämpfe im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen sind. Dadurch sind die Kämpfer einer breiten Masse bekannt. Einen Superstar wie Floyd Mayweather kennen in den USA dagegen vielleicht zwei Millionen Menschen, nämlich die, die seine Kämpfe im Pay-per-View kaufen. Das Bezahlfernsehen hat den Sport in den USA kaputt gemacht.



Abendblatt:

Was noch lebt, ist der Madison Square Garden. Was macht diese Arena so mystisch?

Wett:

Der MSG lebt von seiner Vergangenheit. Das Mekka des Boxens ist er schon lange nicht mehr, das ist jetzt Las Vegas mit seinen großen Casinos. Aber die Atmosphäre, die man sofort spürt, wenn man den Garden betritt, die hat er in der Zeit der großen Boxkämpfe aufgebaut. Bei großen Kämpfen bekomme ich hier noch immer eine ganz besondere Gänsehaut.



Abendblatt:

Sie haben seit Ihrer Auswanderung in die USA 1959 unzählige Boxkämpfe hier erlebt. Gibt es einen, an den Sie sich besonders gern erinnern?

Wett:

Der Kampf am 8. März 1971 zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier war das größte Sportereignis, dem ich in meinem gesamten Leben beiwohnen durfte. Ich saß als Hörfunkreporter für die ARD unterm Dach in der Eishockey-Pressebox und sah unten diese beiden Schwarzen, die als Symbole für ein gespaltenes Land aufeinander trafen. Ali war zu dieser Zeit wegen seiner ablehnenden Haltung zum Vietnamkrieg einer der meist gehasstesten Männer der Welt. Es war so viel mehr als ein bloßer Boxkampf. Die Nation war durch den Vietnamkrieg, Rassenkrawalle und Studentenrevolten tief gespalten. Der Kampf symbolisierte den maroden Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Auf der einen Seite stand Frazier - der "gute Neger" - und ihm gegenüber Ali, der vielgehasste Rebell. Beide waren bis dahin ungeschlagen. Obwohl Ali den Kampf verhältnismäßig klar nach Punkten verlor, ging er als der wahre Sieger aus diesem brutalen 15-Runden-Gefecht hervor. Damit hatte in den USA ein wichtiger Heilungsprozess begonnen. An diesem Abend habe ich die Macht des Sports so stark gefühlt wie vielleicht nie mehr wieder. Solch ein Kribbeln wie damals fehlt heute leider.



Abendblatt:

Im derzeit laufenden Wahlkampf sagt man dem demokratischen Präsidentschafts-Kandidaten Barack Obama eine ähnliche Wirkung nach, wie Ali sie auf sein Publikum hatte.

Wett:

Das kann ich nachvollziehen. Auch Obama kam aus dem Nichts und wird jetzt in den USA als eine Art Messias verehrt. Er begeistert die Massen. Aber trotzdem war die Faszination, die Ali ausgestrahlt hat, noch auf einem anderen Level.



Abendblatt:

Sie sind ein Freund Alis. Wie kam es dazu, dass ein deutscher Journalist so nah an "den Größten" herankam?

Wett:

Ich habe Ali erstmals 1963 live gesehen, da hat er im Garden gegen Doug Jones geboxt. Er hat eigentlich verloren, bekam aber den Sieg geschenkt und wurde von 18 000 Fans ausgepfiffen. Ich war einer davon. Darüber lachen wir noch heute, wenn wir uns treffen. Dann schneidet er eine Grimasse und droht mir Schläge an. 1966 habe ich Ali richtig kennen gelernt, nach und nach durch viele Geschichten und Treffen ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm und seiner Familie aufgebaut und ihn zu allen seinen großen Kämpfen begleitet.



Abendblatt:

Sehen Sie ihn heute noch regelmäßig? Wie geht es ihm derzeit?

Wett:

Ich sehe ihn nur noch unregelmäßig. Seine Frau Lonnie hat erkannt, dass es nicht gut ist, ihn überall herumzureichen. Man versucht immer, ihn gut aussehen zu lassen, aber das gelingt nicht mehr immer. Seine Krankheit ist schleichend, und sie macht Fortschritte. Er hat noch gute Tage, aber sie werden weniger, und es gibt auch Tage, an denen kein Medikament hilft. Wenn man ihn kennt, kann man aber spüren, dass der Geist noch sehr wach ist.



Abendblatt:

In Hamburg soll ein großes Sportmuseum entstehen, in dem unter anderem der Nachlass von Max Schmeling ausgestellt wird. Glauben Sie, dass Muhammad Ali zur Eröffnung kommen würde?

Wett:

Er hat lange keine weite Reise mehr gemacht, in Deutschland war er zuletzt Ende 2005 in Berlin. Aber wenn man ihn motivieren kann, würde ich nichts ausschließen. Er ist noch immer sein eigener Boss, was er sagt, wird gemacht.

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