Tennis: Philipp Kohlschreiber bezwingt Andy Roddick in einem Fünf-Satz-Krimi

"Der größte Sieg meiner Karriere"

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Jörg Allmeroth

Im Achtelfinale der Australian Open trifft der Deutsche nun am Sonntag auf den Finnen Jarkko Nieminen.

Melbourne. Im Presserestaurant ging Tennisstar Jim Courier am späten Abend schnell noch einmal auf Recherchetour. Der ehemalige Weltranglisten-Erste und TVKommentator hatte kurz vor der Nachtvorstellung auf dem Center Court nur eine entscheidende Frage für den deutschen Davis Cup-Teamchef Patrik Kühnen: "Kann dieser Kohlschreiber wirklich Roddick packen?" Kühnen zögerte keinen Moment: "Er schafft es. Ganz sicher." Vier Stunden später waren zwei Dinge unumstößlich klar: Kühnen kennt seinen Kohlschreiber gut. Und Philipp Kohlschreiber, der Mann der guten Hoffnung im deutschen Herrentennis, ist nun wirklich drauf und dran, einen Platz in der Weltspitze seines Sports zu erobern und dies womöglich auch schon sehr bald als deutsche Nummer eins: "Das ist der größte Sieg meiner Karriere. Ein unbeschreiblicher Moment", sagte Kohlschreiber, als er den amerikanischen Ballermann Roddick in einem aufwühlenden Fünf-Satz-Krimi in der Rod-Lavier-Arena mit 6:4, 3:6, 7:6 (11:9), 6:7 (3:7) und 8:6 abserviert hatte und dies, obwohl Roddick mit 42 Assen so viele Knockoutschläge wie nie zuvor in seiner ganzen Laufbahn auf den blauen Plexicushion-Belag prügelte. Nun musste sich Kohlschreiber auch nicht im geringsten vor seinem Achtelfinalrivalen Jarkko Nieminen (Finnland) fürchten, der sich weit früher an diesem fünften Wettbewerbstag gegen US-Mann Mardy Fish durchgesetzt hatte. "Ich will noch weiter, mein Ziel ist das Halbfinale", sagte Kohlschreiber nach seiner beeindruckenden Gala gegen Roddick mit fast 100 Gewinnschlägen.

Genau um 2.05 Uhr in aller Herrgottsfrühe war schließlich und endlich ein Drama beendet, das in nichts den großen Aufführungen eines Boris Becker, Michael Stich oder im letzten Melbourne- Jahr auch der Partie von Tommy Haas gegen Nikolai Dawidenko nachstand. Besonders beim 5:4 im letzten Satz erreichte das aufwühlende Match einen spektakulären Höhepunkt, als Kohlschreiber vier Matchbälle vergab und beim ersten dieser vier Siegpunkte mit einer Reklamation durch den "elektronischen Schiedsrichter" scheiterte Roddicks Ball landete um fünf Millimeter auf der Linie und nicht, wie von Kohlschreiber angenommen, im Aus. Dann folgte ebenso Unglaubliches: Kohlschreiber erkämpfte sich drei mal einen Vorteil, also Matchball, und jedes Mal antwortete Roddick mit einem krachenden Ass, erst 237 km/h, dann 228 km/h, schließlich mit 222 km/h.

Aber genau in diesem frustrierenden Moment, als Roddick die Partie doch noch zum 5:5 ausglich und den Deutschen mit den Worten "Dich kriege ich noch" bedachte, zeigte Kohlschreiber seine ganze Statur in dieser unvergesslichen Sommernacht von Melbourne. Eisern hielt der Bayer seinen Aufschlag, blieb kühl bis ans Herz, setzte den Amerikaner immer wieder unter Druck. Dann, beim 7:6, schlug Kohlschreibers Stunde, seine größte überhaupt als Tennisprofi: Mit drei brillanten Passierschlägen holte sich der 24-Jährige die Matchbälle fünf und sechs und nutzte gleich die erste dieser beiden verlockenden Möglichkeiten. Es war sein 177. Punkt in diesem Match, Roddick machte 170 "So etwas habe ich noch nie erlebt. Diese Höhen und Tiefen. Aber ich denke, dieses Spiel bringt mich einen Riesenschritt weiter", sagte der Triumphator, der auf dem Center Court "einfach zu müde" für ausgelassenen Jubel war. In der Stunde der Wahrheit wuchs er wie nie zuvor mit der Größe der Herausforderung, spielte auf der Hauptbühne der Australian Open mit der Selbstverständlichkeit eines Topspielers, der sich seiner Sache sicher ist, der keine Zweifel kennt. "Was Philipp da gezeigt hat, war eine andere Dimension in seinem Spiel", sagte Kohlschreibers Trainer Michael Geserer. Kühnen fasste mit einem Wort die Leistung Kohlschreibers zusammen: "Überragend." Der Aufschlag- Weltrekordler aus Nebraska konnte Kohlschreiber noch so viele Volltreffer ins Feld jagen, oft genug mit Formel Eins-Geschwindigkeit bis zu 240 km/h, doch der Deutsche war der bessere Mann. Und das Allerwichtigste: Der Newcomer spielte ohne Angst. "Von diesem Burschen wird die Tenniswelt noch hören", befand Australiens früherer Teamchef John Fitzgerald.