Schach statt Schule

Hamburg. In der siebten Klasse von Roland Rauhut, der am Wilhelm-Gymnasium in Harvestehude Geographie und Sport unterrichtet, sitzt ein Schüler mit einem beachtlichen sportlichen Talent. In Rauhuts Sportstunden fällt diese Begabung nicht weiter auf, denn wenn Niclas Huschenbeth seinen Sport ausübt, bewegt er seinen Körper nicht - sondern sein Gehirn. Der 13jährige spielt Schach. Sein Können im Spiel auf den 64 Feldern ist so groß, daß er deutscher Jugendmeister der Altersklasse U 14 wurde. Über diesen Erfolg freuten sich nicht nur der frischgebackene Champion, Familie und Freunde sowie die Vereinskameraden vom Schachklub Johanneum Eppendorf, sondern auch Rauhut.

Daß Niclas zuweilen auch in der Unterrichtszeit Lehrgänge und überregionale Schachturniere besucht, verschmerzt der Klassenlehrer. Etwas mehr Engagement in der Schule wünscht er sich vom jungen Denksportler dennoch: "Niclas hat ein großes Potential, das er im Schach ausschöpft, in den schulischen Fächern manchmal aber nicht so ganz", sagt Roland Rauhut.

Niclas kontert die Einschätzung des Pädagogen: "Schule ist okay, richtig Spaß macht sie aber nicht", sagt der schlaksige Gymnasiast, der Englisch, Latein und Mathematik seine Lieblingsfächer nennt. Rechnen oder Vokabelnpauken sinken in der Gunst des Teenagers jedoch schnell, wenn er ein gutes Buch in die Hand bekommt. Sherlock Holmes, Artemis Fowl und Harry Potter sind die literarischen Helden des jungen Schach-Strategen. Als Ausgleich zum königlichen Spiel geht Niclas einmal pro Woche zum Tischtennis. "Darin bin ich aber nicht so ein großes Talent", erzählt er. Für den HSV nahm er im Tischtennis schon einmal an einer Hamburger Meisterschaft teil, obwohl er seinen Ehrgeiz fast gänzlich dem Denksport widmet.

Am Schachbrett warten die nächsten Herausforderungen auf den zurückhaltenden Schüler. Vom 19. bis 29. Juli tritt er bei der Junioren-WM im französischen Belfort an. "Vielleicht komme ich unter die ersten 20", meint Niclas. 2006 darf er bei der DM der Erwachsenen dabei sein, weil er bei der diesjährigen Junioren-DM als bester Newcomer ausgezeichnet wurde. Da die Reisen zu diesen Wettbewerben erhebliche Kosten verursachen, wünschen sich Niclas' Eltern einen Sponsor. Lehrer Rauhut hofft derweil, daß Niclas fleißig übt: nicht nur für die Schule, sondern auch für die WM . . .

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.