Sportgespräch: Hauptfeldwebel Sandro Brislinger baut die Gewehre für die deutschen Biathleten

"Kratzer im Holz kann ich nicht leiden"

Kati Wilhelm, Michael Greis oder Andrea Henkel - sie alle vertrauen einem Büchsenmacher aus Thüringen. Kein Wunder: Der Soldat ist ein Perfektionist.

Oberhof. Die Biathlon-Weltmeisterschaften in Pyeongchang haben gerade begonnen, aber Sandro Brislinger, 34, ist hier geblieben, in Oberhof, in seiner Welt: in der Kaserne in der thüringischen Schneelandschaft. Hauptfeldwebel Brislinger ist der Mann, der die Gewehre aller deutschen Biathleten baut. Man klingelt am Tor der großen Werkhalle, innen leuchtet eine große Signallampe auf, und dann steht er da: Sandro Brislinger, kurz geschorene Haare, Trainingsanzug mit Bundesadler drauf - und verdammt schmutzige Hände.


Abendblatt:

Herr Brislinger, Sie sind ja allein ...

Sandro Brislinger:

... ja, warum nicht?



Abendblatt:

Wir hätten erwartet, dass in so einer Werkhalle mehrere Leute arbeiten.

Brislinger:

Nein, ich bin allein. Ich bin sogar konkurrenzlos: Ich bin der Einzige in Deutschland, der Gewehre für Biathleten baut. Wissen Sie, wie viele Gewehre die Firma, die das Material liefert, im vergangenen Jahr verkauft hat?



Abendblatt:

Nein.

Brislinger:

130. Weltweit. Das ist ein Witz. Biathlon ist Leistungssport, kein Breitensport, für die Industrie ist das uninteressant.



Abendblatt:

Das heißt: Sie haben bestimmt viel Arbeit ...

Brislinger:

Allerdings. Ich arbeite jeden Tag, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Vergangenes Jahr war ich insgesamt 16 Tage im Urlaub, und in den 13 Jahren, seit ich hier bin, war ich nicht einen Tag krank.



Abendblatt:

Bauen Sie auch für Sportler aus anderen Ländern?

Brislinger:

Sagen wir mal so: Ich habe viele internationale Anfragen. Es kann mir ja keiner vorschreiben, was ich in meiner Freizeit mache. Ich hatte sogar mal eine Anfrage aus Dubai, die wollen da scheinbar auch den Wintersport aufbauen, unglaublich, nicht?



Abendblatt:

Sie könnten ja nach Dubai gehen, da würden Sie bestimmt gut verdienen.

Brislinger:

Das Zehnfache würde ich da verdienen! Aber, nein, Dubai, ich weiß nicht. Man muss sich der Sache schon sehr sicher sein, wenn man den deutschen Beamtenstatus aufgibt, noch dazu in diesen Zeiten. Und bei Dubai wäre ich mir nicht so sicher.



Abendblatt:

Für wen bauen Sie im Moment?

Brislinger:

Für einen C-Kader-Athleten aus dem Allgäu. Sehen Sie (holt ein Gewehr): ist fast fertig. Der Athlet war gestern da, wir haben's schon eingepasst.



Abendblatt:

Eingepasst?

Brislinger:

Na ja, heutzutage hat man im Wettkampf Schießzeiten von 20 oder 25 Sekunden. Da muss das Gewehr ganz genau passen - wenn ich das Gewehr tausendmal nehme, muss es so an meinem Körper und in meinen Händen liegen, dass ich es immer exakt gleich halte. Der Sportler kommt also zu mir, er nimmt das Gewehr, er macht Trockenübungen, zum Beispiel auf der Matte hier am Boden, er schießt auch ein paar Mal, und dann wird da ein Millimeter weggeschliffen und dort, alles per Hand natürlich. Es waren schon einige Politiker hier zu Besuch, Schröder, Scharping, Schäuble - die konnten sich gar nicht vorstellen, dass heutzutage noch jemand mit der Hand arbeitet. Aber das geht bei dem Holz.



Abendblatt:

Was ist das für ein Holz?

Brislinger:

Nussbaum, es kommt von einem Händler, der nur die Waffenindustrie beliefert. Nussbaumholz ist ideal für Gewehre, es ist stabil, fest, hat ein gutes Gewicht, und es hält den dauernd wechselnden Witterungsbedingungen problemlos stand. Ich hab das Gewehr ja mal im Zimmer, mal draußen beim Schneefall. Sehen Sie (deutet auf ein Regal, die Red.) , da liegen die Holzblöcke.



Abendblatt:

Kaum zu glauben, dass aus so einem Holzklotz einmal ein hochtechnisches Gewehr wird ...

Brislinger:

Ja, nicht? Aber das dauert schon. Zuerst vermesse ich den Sportler, dann stecke ich ihn in eine Schublade - das ist ganz wichtig für mich, dann kann ich mir besser vorstellen, wie das Gewehr aussehen soll. Aha, der ist ungefähr so groß wie Michi Greis, oder jener hat Hände wie Alexander Wolf, so in der Art. Dann fräse ich aus dem Holzblock den Vorderschaft grob raus.



Abendblatt:

Vorderschaft, pardon ...

Brislinger:

... das ist der vordere Teil des Gewehrs. Da, wo der Lauf draufliegt. Wenn ich den ausgefräst habe, führe ich das Metall und das Holz zusammen, schraube also den Lauf drauf. Erst wenn das hundertprozentig passt, nehme ich den Lauf wieder ab und fräse den hinteren Teil aus.



Abendblatt:

Wie lange dauert es, bis so ein Gewehr fertig ist?

Brislinger:

Ungefähr 80 bis 90 Arbeitsstunden. Außer bei Michi Greis. Bei dem dauert das mindestens 120 Stunden.



Abendblatt:

Warum das?

Brislinger:

Der ist ein Perfektionist - was mir aber sympathisch ist, ich bin das ja auch. Ich kann es nicht leiden, wenn ein Kratzer im Holz ist, dann schleife ich lieber noch mal zwei Stunden. Also: Der Michi Greis nimmt alles sehr genau. Als der vor Olympia 2006 ein neues Gewehr bekommen hat, da hat der dauernd daran rumfeilen lassen, hier noch bisschen, dort noch ein Stückchen. Irgendwann hat er angefangen, an den Stöcken rumzusägen, es war sogar schon so, dass die Trainer zu mir gekommen sind und sich entschuldigt haben. Die haben ihn ein bisschen belächelt, das war ja auch extrem. Als er dann die Goldmedaille gewonnen hat, hat er mich angerufen und gesagt: Na, glaubst du, die lachen noch über uns?



Abendblatt:

Sie sind für die Athleten offenbar mehr als nur der Gewehrbauer.

Brislinger:

Viele kenne ich schon, seit sie auf dem Sportgymnasium sind. Wenn die Trainer dann glauben, einer hat Talent, dann kommt er erst mal zu mir, von da an verfolge ich ihren Weg genau.



Abendblatt:

Sprechen Sie mit den Sportlern auch über private Sachen?

Brislinger:

Natürlich. Mit manchen entwickelt sich eine Freundschaft, man geht auch mal abends weg, vor allem mit denen, die hier stationiert sind. Bei Andrea Henkel zu Hause habe ich zum Beispiel die Küche eingebaut. Oder Christoph Stephan: Als der vor zwei Wochen in Antholz seinen ersten Weltcup-Sieg geschafft hat und danach im Ziel seinen Stock gebrochen hat ...



Abendblatt:

... bei diesem dramatischen Finish, als Stephan nur um Millimeter vor dem Österreicher Landertinger war ...

Brislinger:

... genau, also danach ist er zu mir gekommen, mit den Stöcken und ein paar Fotos von dem Sieg. Die Fotos hat er mir geschenkt, und dann hat er gesagt: Mensch, was machen wir jetzt mit den Stöcken? Hängen wir sie doch hier auf, hab ich gesagt. Ja, und jetzt hängen sie dort an der Wand. Das ist auch so eine Sache: Wenn ich jetzt nach Dubai gehen würde, dann würde der sagen: Alter, hast du 'ne Scheibe? Wir sind doch Kumpels!



Abendblatt:

Haben Sie noch mehr Geschenke?

Brislinger:

Ja, Kati Wilhelm zum Beispiel hat mir ihr gelb-rotes Trikot geschenkt, als sie Gesamtweltcupführende und Disziplinführende war. Darauf hat sie geschrieben: "Kreativzentrum Briesi".



Abendblatt:

Briesi?

Brislinger:

Das ist mein Spitzname. Oder die Andrea Henkel: Die hat mir die Titelseite der Lokalzeitung geschenkt, auf der ihr Foto war, nachdem sie dreimal Weltmeisterin geworden ist, und zwar schön eingerahmt und groß. Vielleicht finden Sie das lächerlich, aber mir bedeutet so etwas sehr viel.



Abendblatt:

Das ist nicht lächerlich.

Brislinger:

Es ist halt schön, wenn man sieht, dass die Sportler schätzen, was man macht. Und man freut sich, wenn man einen Erfolg teilen kann.



Abendblatt:

Wie kommt man eigentlich zu so einem Beruf?

Brislinger:

Ich habe Büchsenmacher gelernt, 1995 bin ich in die Kaserne gekommen und habe ein Jahr lang gelernt, wie man Waffen baut. Dann hat man mich gefragt, ob ich in der Werkstatt hier für die Sportler arbeiten will, und da habe ich sofort Ja gesagt. Sportler sind die ideale Klientel.



Abendblatt:

Tatsächlich?

Brislinger:

Ja. Früher habe ich auch Gewehre für Jäger gebaut, aber die holen das Ding ab, und dann siehst du die nie wieder. Ein Biathlet dagegen, ach, der kommt dauernd wieder, dauernd. Das sieht man, dass der sich mit der Waffe beschäftigt.



Abendblatt:

Was kostet so ein Gewehr?

Brislinger:

Das Metall kostet circa 1700 Euro, der Schaft so 500 bis 700 Euro. Wenn Sie noch die Munition dazurechnen, dann sind Sie schnell mal 5000 Euro los. Aber beim Schaft zahlen die Sportler nur das Material.



Abendblatt:

Und wer zahlt Ihre Arbeitsstunden?

Brislinger:

Sie, der Steuerzahler.



Abendblatt:

Bitte?

Brislinger:

Ich bin ja Beamter, deshalb muss der Sportler nur das Material zahlen, alles andere ist ja mein Beruf, für den ich vom Staat bezahlt werde. Zumindest noch bis 2028, so lange läuft mein Vertrag.



Abendblatt:

Und was machen Sie dann?

Brislinger:

Gute Frage. Hm. Ich weiß nicht, dann bin ich 54. Vielleicht gehe ich doch nach Dubai.

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