"Ich bin so stark wie nie"

Boxen: Derrick Harmon möchte der erste "Tiger"-Bezwinger werden.

Hamburg. Selten kommt es vor, dass ein Herausforderer seine Kampfansage in derart höfliche Worte verpackt, wie Derrick Harmon dies tat. "Dariusz Michalczewski ist ein großer Champion, er wird in die Box-Geschichte eingehen", lobte der US-Amerikaner seinen Kontrahenten, dem er am Sonnabend in der Color-Line-Arena den WBO-WM-Gürtel im Halbschwergewicht entreißen möchte. Mit leiserer Stimme schob er nach: "Allerdings nicht als ungeschlagener Weltmeister, denn ich werde ihn besiegen." Der 33-Jährige setzt dabei auf einen ähnlichen Überraschungseffekt, wie er Corrie Sanders gegen Wladimir Klitschko gelungen war. "Dieser Kampf hat mich geschockt. Ich mag Klitschko, habe seine Kämpfe in Las Vegas gesehen. Aber was mit ihm passiert ist, kann auch mit Dariusz passieren. Ich bin körperlich so stark wie nie zuvor. Ich bin bereit." Harmon ist, ebenso wie Michalczewskis letzter Gegner Richard Hall, ein Rechtsausleger. Hall hatte den "Tiger" im September vergangenen Jahres am Rande einer Niederlage, der in bislang 47 Profikämpfen unbesiegte Champion war bereits schwer gezeichnet, als er in der zehnten Runde durch technischen K. o. siegte. "Hall war doch nur ein stehendes Ziel. Ich werde mir nicht so viele Schläge einfangen wie er", kündigte Harmon an. Der gläubige Christ ("Gott wird für einen gerechten Ausgang des Kampfes sorgen"), der mit Freundin Laura (sitzt in Hamburg am Ring) und Tochter Rashawn (13) in Las Vegas lebt, gilt als schneller, physisch starker Boxer. In seinen 26 Profikämpfen, die er allesamt in den USA bestritt, erlitt er drei Niederlagen. Gegen Michalczewskis Wunschgegner Roy Jones jr. stoppte ihn ein geplatztes Trommelfell nach zehn starken Runden. Gegen Montell Griffin, der gegen den "Tiger" 1999 in der vierten Runde verlor, unterlag er nach Punkten, ebenso gegen seinen Landsmann Greg Wright. "Montell hat mir ein paar Tipps gegeben, aber ansonsten verlasse ich mich auf meine eigene Linie", so Harmon. Angst, dass das Hamburger Publikum ihn auf Grund seiner Nationalität anfeinden könnte, hat der 183-cm-Mann, der einen persönlichen Bodyguard zur Seite hat, keine. Er wird ein Peace-Zeichen auf seinem Kampfmantel tragen, um zu zeigen, "dass ich in Frieden komme. Ich respektiere jedes Land und erwarte, dass man mir mit demselben Respekt entgegnet. Ich kann das, was im Irak passiert, nicht ändern. Ich will nur meine Arbeit machen." Das jedoch ist nicht alles. Harmon ist Mitglied einer US-Organisation, die sich dem Auffinden vermisster Kinder verschrieben hat. Für deren deutsche Partner-Organisation wird er am Sonnabend ein Foto eines vermissten Kindes um den Hals tragen, um auf dessen Schicksal aufmerksam zu machen. Anschließend will er dafür sorgen, dass Dariusz Michalczewski seinen WM-Gürtel vermissen muss.