Hamburg im Herzen, Kiel im Sinn

Adrian Wagner vor dem Duell mit seinem zukünftigen Club.

Hamburg. Die Vergangenheit hinter sich lassen, an einem anderen Ort einen Neuanfang wagen - ein Schritt, von dem viele Menschen träumen. Adrian Wagner wird ihn gehen. Mit dem Wechsel vom HSV Hamburg zum THW Kiel endet für den Handballprofi im Sommer dieses Jahres ein Karriereabschnitt, dessen letzte Monate durchaus als "Seuchenzeit" charakterisiert werden können. Anfang 2002 war bei Wagner Pfeiffersches Drüsenfieber diagnostiziert worden. Monatelang kam er nicht in Form. "Ich war vorher nie ernsthaft krank oder verletzt gewesen", erinnert sich der Linksaußen. In Gesprächen mit anderen Sportlern mit derselben Krankheit fand er Trost und Kraft. "In dieser Zeit hatte ich Angst um meine Zukunft. Ich wollte nicht so enden wie der Fußballer Olaf Bodden, der wegen des Fiebers nie wieder Leistungssport machen konnte", sagt Wagner. Er hatte Glück, ist heute wieder vollkommen gesund. Dennoch will er im Sommer ein Sportmanagement-Fernstudium beginnen. "Man muss vorbereitet sein für die Zeit nach dem Sport." Im Verein verlor Wagner durch die Krankheit und diverse weitere Blessuren seinen Stammplatz, kurz vor der jüngst absolvierten WM in Portugal flog er zudem aus dem Kader der deutschen Nationalmannschaft. "Ich kann dafür die Schuld nur bei mir suchen. Ich habe meine Chancen nicht genutzt", sucht er dennoch nicht in der fehlenden Gesundheit nach Ausflüchten. "Solche Zeiten gehören zum Leben . Daraus kann ich lernen." Die verpasste WM nutzte Wagner, um sich mit dem HSV für die Rückrunde in der Bundesliga fit zu machen. Die Rückkehr ins Nationalteam hat er dennoch fest im Visier. Zunächst aber trifft der 24-Jährige am Sonnabend (15.45 Uhr, NDR live) in der ausverkauften Color-Line-Arena mit dem HSV auf seinen zukünftigen Club. "Da werde ich alles tun, damit wir den THW besiegen. Psychisch stehe ich nicht mehr unter Druck als sonst auch", sagt Wagner. Der Wechsel nach Kiel sei für ihn die ersehnte Weiterentwicklung der Karriere. Beim AMTV hatte der 1,90-m-Mann 1990 seine Karriere begonnen, sechs Jahre später war er zum VfL Bad Schwartau, Vorgängerverein des HSV, gewechselt. "Nach sechs Jahren hier stagniert meine Leistung. Ich war immer der kleine Addi, dem viel verziehen wurde, der ewige Lehrling", zieht er ein Fazit, vergisst jedoch nicht zu erwähnen, "dass ich dem Club viel verdanke. Aber ich muss einen Schritt weitergehen. In Kiel wird ein neues Team aufgebaut, das ist sehr reizvoll." Gemeinsam mit Freundin Nici (25) wird er aus Rahlstedt an die Ostsee ziehen. Dass er, der einzige Hamburger im HSV-Team, dem Club den Rücken kehrt, sieht er nicht als schlechtes Omen. "Der HSV hat eine gute Zukunft vor sich. Die Mannschaft hat Potenzial, mit Bob Hanning wurde die Trainerposition optimal besetzt, mit Torsten Jansen gibt es einen starken Nachfolger für mich." Der Club müsse nur aufpassen, Talente aus Hamburg und dem Umland nicht ziehen zu lassen. "Die Chance ist da, die Kräfte beim HSV zu bündeln." Das nicht miterleben zu können, macht ihn zwar traurig, aber die Lust auf den neuen Lebensabschnitt überwiegt. "Ich freue mich schon auf Kiel." Was er dort am meisten vermissen wird, weiß Adrian Wagner indes ganz genau: "Die Alster!" Im Herzen bleibt ein Hamburger immer ein Hamburger.

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