HAMBURG(ER) GESCHICHTEN

"Flicki"

Dierk Strothmann über die Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt.

Wenn man sich heute an sie erinnert, dann denkt man unweigerlich an eine wehende Gardine, an ihre Stimme, die knarrte wie eine alte Tür, unendlich lange Schals, die kunstvoll um den wie handgeschnitzten Kopf gewickelt waren, und an Edgar Wallace. Dabei war Elisabeth Flickenschildt alles andere als eine unbedeutende Wurze in deutschen Mittelklasse-Krimis. Im Gegenteil. Sie war eine der besten Schauspielerinnen, die je in Hamburg geboren wurden. Das war am 16. März 1905 in Blankenese, und gestorben ist sie in diesen Tagen vor 30 Jahren, genau am 26. Oktober 1977.

Dazwischen lagen Jahre voller Hochs und Tiefs. Zunächst war da die große Theater- und Film-Karriere, gespickt mit Höhepunkten, gefördert vom genialen Gustaf Gründgens, mit dem sie so eng befreundet war, dass der Theater-Magier davon überzeugt war, dass "Flicki", wie er sie nannte, in einem früheren Leben seine Schwester gewesen musste.

Gründgens war die zentrale Figur im Theaterleben der Kapitänstochter Elisabeth Ida Marie Flickenschildt. Als er 1963 in Manila starb, zerbrach auch etwas in ihr. Sie tingelte, spielte im "Gasthaus an der Themse", übernahm aber gelegentlich auch anspruchsvolle Rollen wie die der Volumnia in Shakespeares "Coriolan" im Thalia-Theater unter Boy Gobert. Es sollte ihr letzter Auftritt sein.

Was dann kam, war der reinste Horror

Der erste war auch irgendwie wegweisend, denn sie gab die Armgard, Bäuerin in Schillers "Wilhelm Tell" am Schauspielhaus. Außerhalb des Theaters sollte diese Rolle die zweite große Leidenschaft ihres Lebens werden, die Arbeit als Landwirtin, eine Aufgabe, die sie mit großer Inbrunst übernahm. Zunächst zog es sie nach Oberbayern, in das 600-Seelen-Dorf Hittenkirchen an den Chiemsee, wo sie sich einen Hof mit Namen "Maria Rast" kaufte. Obwohl sie sich in Süddeutschland sehr wohlfühlte, zog es sie aber doch wieder nach Norden.

Was dann kam, war der reinste Horror. Sie verkaufte "Maria Rast" und wollte nach Kleinwörden an der Oste ziehen. Zwei Nachbarn legten Einspruch ein. "Flicki" verzichtete und kaufte sich in Guderhandviertel bei Stade einen anderen Hof. Das war Ostern 1976. Im August räumten Einbrecher das Haus aus und klauten die wertvollen Antiquitäten. Dann baute ihr Nachbar, von dem sie den Hof gekauft hatte, direkt vor ihrer Nase ein sechs Meter hohes Eternitlager. Und sie wurde aus einem Jorker Gasthaus geworfen, weil ihr Hund vom Teller hatte schlecken dürfen.

Am 26. Oktober erlitt sie einen Herzanfall und starb auf dem Weg ins Stader Krankenhaus. Beigesetzt wurde sie in Hittenkirchen am Chiemsee.

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