HAMBURG(ER) GESCHICHTEN

Eva Maria Mariotti: Ein flüchtiges Leben

Dierk Strothmann über einen aufsehenerregenden Mordprozess.

Kaum eine andere Geschichte hat die Menschen in den 60ern so in Atem gehalten wie der Hamburger Prozess gegen Eva Maria Mariotti. Eigentlich ging es um ein immer mal wiederkehrendes Delikt, nämlich Mord aus Habgier, mithin nichts ganz und gar Außergewöhnliches. Also muss es die Frau gewesen sein, die die Menschen faszinierte. Ein Blick auf ihr Leben zeigt, warum.

Anfangs hatte sie Glück. Ihre Familie besaß eine repräsentative Villa in Prag. Man hatte Personal. Eva Marias Jugend in den Goldenen Zwanzigern in der Goldenen Stadt war die eines verwöhnten jungen Mädchens, das sich eigentlich nur in aller Ruhe einen begüterten Gatten suchen musste. Aber es kam anders: 1935 (mit 18) verliebte sie sich in einen Mann, von dem die Nachwelt außer seinem Namen Nemecek nicht viel erfuhr. Nach zehn Monaten ließ sie sich scheiden, hatte aber jetzt eine Tochter, Jeannette. Dann kamen die Deutschen. Sie eröffnete einen Antiquitätenladen und kungelte mit der "Protektoratsregierung", verlobte sich mit einem gewissen Dr. Kunze. Als sich die deutsche Niederlage abzeichnete, half sie, die gehorteten Antiquitäten "zurück ins Reich" zu bringen. Dann kamen die Russen, und Eva Maria floh nach Hamburg. Aber sie wollte weiter, nach Südamerika. Das ging damals nur, wenn man Angehöriger der Alliierten war.

Mordopfer aus dem Loogestieg 8

Sie fand den ehemaligen Hauptmann der französischen Armee, Andre Mariotti. Er war ein Hallodri, der schwunghaften Schwarzhandel trieb. Eine seiner Kundinnen war Maria Moser aus dem Loogestieg 8 in Eppendorf, das spätere Mordopfer. Andre Mariotti hatte im Krieg mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht und lebte in panischer Furcht, dass er erwischt würde - er erhängte sich.

Evas nächster Mann hieß Erich Sterba, ein armes Würstchen, der sie anbetete und, wie er gestand, ihretwegen den Mord beging. Danach trennten sie sich und verließen fluchtartig Hamburg. Eva ging nach Paris, floh über Buenos Aires nach La Paz und schließlich São Paulo. Irgendwie erfuhr die Hamburger Polizei davon. Sie wurde festgenommen.

Es folgten drei Prozesse mit dem sensationellen Freispruch vom 14. Juli 1965. Eva Mariotti zog nach Puerto de la Cruz auf Teneriffa, wo sie erfolgreich als Innendekorateurin arbeitete. Eines Tages stürzte sie von einer Leiter, musste an Krücken gehen und verkaufte schließlich selbsthergestellte Keramik in einem gottverlassenen Kaff zwischen Las Palmas und Maspalomas. Danach verliert sich ihre Spur.

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