HAMBURG(ER) GESCHICHTEN

Nevermann, eine Affäre und die Queen

Dierk Strothmann über das öffentliche Privatleben eines Bürgermeisters.

Der Queen wird es herzlich egal gewesen sein, wer sie da am 28. Mai 1965 an der Seite des Hamburger Bürgermeisters Paul Nevermann auf dem Dammtor-Bahnhof begrüßte. Und protokollarisch war auch gar nichts dagegen einzuwenden, dass es Ilse Engelhard, die Frau seines Vize, war und nicht "First Lady" Grete Nevermann. Und dennoch wuchs daraus ein Skandal, der bis heute als Musterbeispiel herhalten muss, wenn von der Verknüpfung von Politik und Privatleben die Rede ist. Grete Nevermann hatte sich strikt geweigert, ihre Repräsentationspflichten zu erfüllen, womit ruchbar wurde, dass die Ehe des Senatschefs zerbrochen war.

Was steckte wirklich hinter dieser "Affäre Nevermann", die am 1. Juni ihr abruptes Ende fand, als der Bürgermeister zurücktrat? Paul Nevermann und sein Vorgänger, der damals schon legendäre Max Brauer, waren alles andere als Freunde. Der Sieg der Sozialdemokraten bei den Bürgerschaftswahlen von 1957, als sie die Macht vom konservativen Hamburg-Block unter Kurt Sieveking (CDU) zurückeroberten, war auch ein Werk des SPD-Fraktionschefs Paul Nevermann, der daraufhin den versprochenen "Wachwechsel" sehr zum Ärger des "alten Löwen" immer wieder anmahnte. Als es dann am letzten Tag des Jahres 1960 so weit war, übergab Max Brauer die Macht nur zähneknirschend.

Der Anlass, einen Politiker loszuwerden

Zum Zweiten hatte Nevermann zwei ehrgeizige politische Hochkaräter im Senat. Neben dem jungen Helmut Schmidt, der nach spektakulären Erfolgen bei Sturmflut und Spiegel-Affäre 1966 SPD-Chef in Hamburg werden wollte (Nevermann aber unterlag) und sich dann bundespolitisch orientierte, war da auch noch Herbert Weichmann, der nach acht Jahren Kärrnerarbeit als Finanzsenator auch gern mal die Nummer eins werden wollte, was er dann ja auch am 9. Juni 1965 schaffte. Schließlich stand auch Grete Nevermann durchaus nicht nur zu Hause am Herd, sondern sie spielte eine wichtige Rolle im Ortsausschuss Blankenese (nach ihr wurde 1981, acht Jahre nach ihrem Tod, sogar ein Weg in Rissen benannt).

Der Eklat mit der Queen war also eher ein willkommener Anlass, einen erfolgreichen Politiker loszuwerden, als unmittelbare Ursache für Nevermanns Karrierende als Senatschef in Hamburg. Paul Nevermann jedenfalls zerbrach nicht daran. Er leistete noch Beachtliches als Präsident des Deutschen Mieterbundes (eine Arbeit, die seine Tochter Anke Fuchs bis heute fortsetzt), bevor er am 22. März 1979 in Puerto de la Cruz im Alter von 77 Jahren starb.