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Planetarium Hamburg

Planetenstatus auf dem Prüfstand: „Pluto for Planet“

Der Pluto: 70 Jahre lang galt er als neunter Planet unseres Sonnensystems. Foto: © NASA / Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory / Southwest Research Institute

Der Pluto: 70 Jahre lang galt er als neunter Planet unseres Sonnensystems. Foto: © NASA / Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory / Southwest Research Institute

Plutos 90. „Geburtstag“ im Planetarium Hamburg

Vor rund 90 Jahren durch den Astronomen Clyde Tombaugh entdeckt, galt Pluto mehr als 70 Jahre lang als neunter Planet unseres Sonnensystems. Bis ihn der Weltverband der Berufsastronomen, die Internationale Astronomische Union (IAU), 2006 zum Zwergplaneten herabstufte. Planetariumsdirektor Prof. Thomas Kraupe und seine Kollegen vom Sternentheater im Hamburger Stadtpark sehen dies kritisch und rufen mit dem Projekt #PlutoforPlanet Jung und Alt dazu auf, sich vor Ort und auf der Webseite www.PlutoforPlanet.de zu informieren, mitzudiskutieren und an einem Voting zu Plutos Planetenstatus teilzunehmen.

Im Interview verrät uns Prof. Thomas Kraupe mehr über die Beweggründe des Planetarium Hamburg und die Geschichte des Pluto.

Die Entdeckung des Pluto liegt fast ein Jahrhundert zurück. Wie kam es dazu und mit welchen Herausforderungen sahen sich die beteiligten Astronomen seinerzeit konfrontiert?

Prof. Thomas Kraupe: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich die Astronomie hauptsächlich mit unserem Planetensystem und den Sternen unserer Milchstraße. Ferne Galaxien und Raumsonden zum Besuch der Planeten waren höchstens Träume. Fernrohrbeobachtungen hatten aber bereits 1781 und 1846 zur Entdeckung der beiden Planeten Uranus und Neptun geführt. Deren Bewegungen zeigten nun unerklärliche Abweichungen von den vorausberechneten Bahnen. Der US-amerikanische Astronom Percival Lowell vermutete als Ursache einen weiteren Planeten. Nach elfjähriger erfolgloser Suche nach diesem Planet X verstarb er 1916. Die Forschung wurde erst 1930 am nach ihm benannten Lowell Observatorium wieder aufgenommen. Für die akribische Arbeit wurde Clyde Tombaugh eingestellt. Der 24 Jahre alte Sohn eines Farmers aus Kansas. Um einen Planeten zu finden, der sich durch seine Bewegung vor dem fernen Hintergrund der Fixsterne verrät, verglich er hunderte von Fotoplatten. Am 18. Februar 1930 wurde er fündig und am 13. März 1930 wurde die Entdeckung des neunten Planeten und dessen Name „Pluto der Öffentlichkeit bekanntgegeben. Es war ein bewusst gewähltes Datum, nämlich der 75. Geburtstag des verstorbenen Percival Lowell und der Entdeckungstag des Uranus.

Warum gilt Pluto mittlerweile nicht mehr als Planet?

Prof. Thomas Kraupe: Jenseits von Neptun wurden seitdem weitere Himmelskörper entdeckt, die in ihrer Größe an Pluto heranreichten. Deswegen beschäftigte sich die Internationale Astronomische Union (IAU) 2006 auf einer Konferenz in Prag mit der Frage, wieviele Planeten es nun gäbe und was einen Planeten ausmacht. Im Vordergrund standen zunächst zwei unstrittige Kriterien, die ein Planet erfüllen sollte: Erstens muss er einen Stern, also zum Beispiel die Sonne umrunden und darf kein Mond sein. Außerdem muss er massereich genug sein, damit er durch die eigene Schwerkraft annähernd rund ist – aber darf selbst kein Stern sein. Einfach gesagt: Planeten sind „Runde Welten, die einen Stern umkreisen. Doch als am letzten Konferenztag bereits viele Teilnehmer abgereist waren, wurde überraschend ein drittes Kriterium eingebracht. Danach sollte ein Planet „die eigene Umlaufbahn von anderen Objekten bereinigt bzw. freigeräumt haben. Dieses dritte Kriterium führte in einfacher Mehrheitsabstimmung zu Plutos Degradierung.

Welche Argumente sprechen gegen diese 2006 aufgestellte Planetendefinition?

Prof. Thomas Kraupe: Sie basiert nur auf einer Momentaufnahme des Planetensystems, die weder sinnvoll noch wissenschaftlich weiterführend ist. Aktuelle Simulationen zeigen, dass die Entwicklungsgeschichte der Bahnen in unserem Sonnensystem dynamisch, ja sogar chaotisch ist. Das „Freiräumen einer Umlaufbahn kann nie vollständig sein. Es handelt sich lediglich um eine temporäre Phase. Und eine solche bietet kaum Grundlage für eine Definition. Zumal Pluto über eine mit unserer Erde durchaus vergleichbare Vielfalt von Landschaften verfügt und die eigentlich fachkundigen Planetenforscher nur unzureichend in die Entscheidung einbezogen wurden. Nicht ohne Grund findet die Planeten-Definition der IAU in der Fachwelt keine Verwendung. Ganz zu schweigen davon, dass sie nur auf unser Sonnensystem anwendbar ist und nicht für sogenannte Exoplaneten gilt, die um andere Sterne kreisen. Das macht sie im Grunde wissenschaftlich nutzlos.

Plutos Herabstufung zum Zwergplaneten hat viele Menschen persönlich berührt, da sie mit neun Planeten aufgewachsen sind und sich nun wortwörtlich um einen beraubt fühlen. Was hat Sie persönlich und das Planetarium Hamburg dazu gebracht, das Projekt #PlutoforPlanet zu starten?

Prof. Dr. Thomas Kraupe: Natürlich ging es mir genauso, aber man muss auch immer bereit sein, andere Blickwinkel einzunehmen. Doch zeigte sich, dass die neue Planetendefinition gerade auch in der Planetenforschung gar keine Rolle spielt und sich die Abwertung Plutos andererseits in der Bildungsarbeit eher negativ auswirkt. Denn sie dämpft die Neugier und den Forschergeist junger Menschen für diese faszinierenden Welten, die wie Pluto dort draußen auf ihre Entdeckung warten. Und dies betrifft uns direkt, denn gerade die Erforschung dieser Zwergwelten spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung der Grundbedingungen unseres Lebens und Überlebens auf der Erde. Deshalb haben wir das Projekt #PlutoforPlanet gestartet.

Welche Planetendefinition wäre sinnvoller?

Prof. Thomas Kraupe: Eine, die nicht so einengend und daher viel einfacher anwendbar ist. Dies ist leicht zu erreichen, indem man das „Killer-Kriterium vom „Freiräumen der Bahn einfach ersatzlos streicht und damit Zwergplaneten als neue Unterklasse der Planeten gelten lässt. So wie die erdähnlichen Planeten und die Jupiterplaneten. Danach wären Planeten kurz gesagt runde Welten, die einen Stern umkreisen – ohne selbst ein Mond oder Stern zu sein.

Gibt es etwas, was unsere Leser tun können?

Prof. Thomas Kraupe: Das Planetarium Hamburg hat das Projekt #PlutoforPlanet ins Leben gerufen. Interessierte können sich vor Ort im Planetarium, auf unseren Social Media Profilen oder auf der Webseite www.plutoforplanet.de informieren, mitdiskutieren und in einem Voting ihre Stimme für oder gegen den „Zwerg abgeben.

Zur Person: Prof. Thomas Kraupe

Der Astrophysiker Prof. Thomas Kraupe ist seit zwanzig Jahren Direktor des Planetarium Hamburg. Er gilt als einer der weltweit bedeutendsten Akteure der Planetariumsszene – u.a. war er Präsident des Weltverbandes der Planetarien und die Hansestadt Hamburg hat ihm im vergangenen Jahr für seine Verdienste um das wissenschaftliche und kulturelle Leben den Titel „Professor“ verliehen.

Das Planetarium Hamburg

Untergebracht im ehemaligen Winterhuder Wasserturm, ist das 1930 eröffnete Planetarium Hamburg eines der dienstältesten und zugleich modernsten Sternentheater weltweit. 2018 wurde es von dem Magazin Architectural Digest neben denen in Stuttgart, New York und Los Angeles zu einem der schönsten Planetarien der Welt gewählt. Das Planetarium im historischen Wasserturm ist ein besonderer Blickfang im Stadtpark und bietet ein breites Angebot für Jung und Alt – für Laien und Experten. In den Sparten „Unser Kosmos“, „Unsere Stars“ und „Unsere Welt“ sind in diesem Sternentheater mehr als 2.000 Veranstaltungen pro Jahr zu erleben. Darunter spektakuläre audiovisuelle Reisen zu den Planeten unseres Sonnensystems, faszinierende Ausblicke auf unsere Welt, musikalische Highlights und lehrreiche Geschichten für junge Entdecker.

Das Planetarium Hamburg verfügt mit dem Sternenprojektor Zeiss Universarium 9, dem digitalen 3D-Kosmos Simulator E&S Digistar 6 und der Lobo-Fulldome-Showlaser-Anlage, sowie dem 3D-Fraunhofer Spatial Soundwave Klangsystem über eine weltweit einzigartige technische Ausstattung. Seit dem Jahr 2000 steht das Hamburger Planetarium unter der Leitung von Astrophysiker Prof. Thomas Kraupe.

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