Reisebranche

Coronakrise: die Odyssee der Kreuzfahrtschiffe

Lesedauer: 13 Minuten
Georg J. Schulz
Kein Scherz: Die „Aidablu“ hat am 1. April südlich von Kreta den Kurs „wewillbeback“ gefahren – sogar mit einem Kussmund am Schluss.

Kein Scherz: Die „Aidablu“ hat am 1. April südlich von Kreta den Kurs „wewillbeback“ gefahren – sogar mit einem Kussmund am Schluss.

Foto: DPA

Häfen verweigern Einfahrten. Kapitäne suchen Liegeplätze, um beim Neustart in guter Position zu sein. Wann der erfolgt, ist offen.

Hamburg. Manchmal ist es gut, eine Trotzreaktion zu zeigen, auch wenn die Zeiten schwierig sind. Das dachte sich die Crew der „Aidablu“ und produzierte eine Nachricht, die viele anfangs für einen Aprilscherz hielten. Was das Schiffsüberwachungssystem AIS rund um den 1. April aufzeichnete, war aber kein Witz – sondern eine klare Botschaft, die Mitarbeitern und Kunden gleichermaßen Hoffnung geben soll. „We will be back“ („Wir kommen zurück“) konnte jeder lesen, der mit einem passenden Computer oder einer Smartphone-App die offizielle Schiffsposition nachverfolgte.

Schon zuvor hatten Kapitäne anderer Kreuzfahrtschiffe die Möglichkeit genutzt, durch geschickte Manöver eine Botschaft in die zurückgelegten Seemeilen zu schreiben. So, wie man als Privatperson Flugzeuge mit Apps wie Flight­radar verfolgen kann, lässt sich nämlich auch jedes Schiff, das auf den Weltmeeren unterwegs ist, aufspüren. Dabei helfen Websites wie MarineTraffic.com, welche die aktuellen, aber auch zurückliegende AIS-Daten anzeigen. So zeichnete die „Seabourn Encore“ vor dem australischen Fremantle ein Herz in ihren Kurs, die „Discovery 2“ der TUI-Tochter Marella Cruises versuchte sich vor Jamaika am eigenen Firmenlogo.

Viele Schiffe fahren umher oder sind auf Reede geparkt

Mit Aktionen wie diesen macht sich die gebeutelte Kreuzfahrtbranche etwas Mut. Denn zurzeit ist unklar, wann und wie es mit dieser Reiseform weitergeht. Fast alle Schiffe sind irgendwo gestrandet, teilweise nach tagelangen Irrfahrten auf der Suche nach einem Hafen zum Ausborden der gesunden oder manchmal erkrankten Passagiere. Die Crews hingegen blieben in der Regel an Bord, denn für eine geordnete Rückkehr in die Heimatländer war es meistens schon zu spät. Mancher, dessen Vertrag ausgelaufen ist, muss nun ohne Einkommen, aber immerhin bei freier Kost und Logis ausharren und abwarten, wie sich die Lage weiterentwickelt.

„Alle Abteilungen sind aktuell noch so besetzt, dass wir jederzeit wieder loslegen könnten“, sagte am Donnerstag Olaf Hartmann, Kapitän der MS „Europa“. Doch das wird so schnell nicht passieren. Deshalb traf die „Europa“ inzwischen vor Barbados ein, wo sie am Sonntag neben der „Hanseatic nature“ lag. Das kleinere Expeditionsschiff bekommt bei dem Treffen von der großen Luxusschwester nicht nur Proviant, sondern übernimmt auch Crewmitglieder, die nach Hamburg wollen.

Coronakrise legt die Reisebranche weltweit lahm

Man könnte anders ohnehin nicht mehr weit kommen. Durch die Coronakrise ist das Reisen weltweit so gut wie zum Erliegen gekommen. Hotels sind geschlossen, Airlines am Boden, viele Grenzen dürfen nicht mehr ohne wichtigen Grund übertreten werden. Deutschland hat, zunächst bis zum 30. April, eine weltweite Reisewarnung herausgegeben. Für Kunden besteht ein Rechtsanspruch, gebuchte Urlaube in diesem Zeitraum kostenlos zu stornieren.

Das alles stellt die Reisebranche vor immense finanzielle Probleme: Schon der TUI-Konzern allein beantragte 1,8 Milliarden Euro als Überbrückungskredit vom Staat, um die Liquidität zu sichern. Fast alle Reisebüros und Spezialanbieter kämpfen um die Existenz. Sie hoffen dabei auf eine schnelle Lockerung der Reisebeschränkungen. Und, fast noch wichtiger, auf möglichst viele Umbuchungen statt Stornierungen.

Unterstützung kommt dabei nun durch das Vorhaben der Bundesregierung, statt Rückzahlungen künftig Gutscheinlösungen zu erlauben. Doch wer kann heute schon garantieren, dass die geänderten Reisedaten dann wirklich wie geplant funktionieren – und die Anbieter bis dahin nicht pleite sind?

„Ein Schiff wird kommen …“ Was einst Lale Andersen gesungen hat, stimmt so zurzeit also nicht mehr. Hatten Reedereien angesichts ihrer Erfahrung mit anderen Krankheitswellen zunächst noch gehofft, dass sich Sars-CoV2 wie das erste Sars-Virus im Jahr 2003 weitgehend auf Asien begrenzen ließe, weitete sich die Epidemie binnen weniger Wochen zur weltweiten Pandemie aus und machte auch vor der Schifffahrt nicht halt. Buchungen brachen ein, Routen mussten zügig umgeplant werden.

Coronafälle auf Kreuzfahrtriesen und daraus resultierende Todesfälle

Und dann kamen verheerende Schlagzeilen, die der Branche lange schaden dürften. Es geht um die Coronafälle auf Kreuzfahrtriesen und daraus resultierende Todesfälle. Besonders viel falsch gemacht wurde beim Infektionsschutz an Bord der „Diamond Princess“. Nachdem ein bereits am 25. Januar von Bord gegangener Passagier positiv auf Covid-19 getestet worden war, hatten japanische Behörden 3711 Urlauber und die Crew auf dem Schiff am Pier in Yokohama unter Quarantäne gestellt. Doch das half nichts, im Gegenteil: Mehr als 700 Menschen wurden nach und nach infiziert, elf davon starben im Laufe mehrerer Wochen daran.

In großer Sorge waren auch die Passagiere der „Zaandam“, darunter 79 Deutsche. Am 7. März war das Schiff der Holland America Line in Buenos Aires ausgelaufen. Über Chile und den Panamakanal sollte es nach Fort Lauderdale in Florida fahren und dort früher als ursprünglich geplant seine Reise beenden. Unterwegs klagten plötzlich Dutzende über grippeähnliche Symptome, man ersuchte an der Küste um Hilfe. Alle lateinamerikanischen Länder verboten jedoch, ihre Häfen anzulaufen. Selbst Floridas Gouverneur Ron DeSantis weigerte sich zunächst, das Schiff anlegen zu lassen.

Auf der „Artania“ von Phoenix Reisen trat Coronavirus auf

Weil es mittlerweile vier Tote an Bord gab, machte schließlich US-Präsident Donald Trump Druck. Am 4. April gingen die meisten Passagiere endlich von Bord – gesunde flogen auf direktem Weg nach Hause, schwer Erkrankte kamen in Kliniken. Die übrigen Infizierten sollen nun mit der Crew auf dem Schiff in Quarantäne ausharren, bis sie nicht mehr ansteckend sind. Zwischendurch hatten die „Zaandam“ und die „Rotterdam“ auf See sogar Passagiere getauscht.

Eine dramatische Situation erlebte ein paar Tage davor auch die „Artania“ von Phoenix Reisen im australischen Fremantle nahe der Stadt Perth. Grund ist auch hier, dass auf dem Schiff das Coronavirus aufgetreten war. Die meisten der mehr als 800 Passagiere wurden in Sondermaschinen nach Deutschland geflogen. Der Regierungschef des Bundesstaates Westaustralien forderte, dass auch das Schiff schnellstmöglich zurück nach Deutschland zurückkehrt. Er wolle nicht, dass die „Artania“ andere anziehe, nur weil sie im Hafen von Fremantle habe anlegen dürfen.

Nun scheint es so, dass die „Artania“ mit knapp 500 Mann Besatzung unter Quarantäne im Hafen bleiben darf. An Bord befanden sich zunächst noch einige wenige verbliebene Passagiere, die nicht hatten zurückfliegen wollen. Inzwischen mussten sie aber in ein Hotel umziehen. Ein deutscher Gast, der vom Schiff aus in eine Klinik verlegt worden war, ist gestorben.

„MSC Magnifica“ dümpelt tagelang vor Westküste Austrraliens

Im Indischen Ozean befand sich am Sonntag noch die „MSC Magnifica“, unter anderem mit dem Hamburger Uwe Dulias an Bord. Er schrieb auf seinem Xing-Account: „Seit Tagen dümpeln wir vor der Westküste Australiens herum. Seit zwei Wochen haben wir kein Land mehr betreten dürfen. Eine Sicherheitsmaßnahme unseres Kapitäns Roberto Leotta, um das Virus nicht an Bord zu verbreiten. Unsere Odyssee kann jetzt nur noch durch eine Maßnahme beendet werden. Wir treten die lange Reise nach Europa ohne Stopp an.“

Durch den Suezkanal soll es nach Hause gehen, ein MSC-Frachter seinen Slot zur Durchfahrt zur Verfügung stellen. „Wenn alles gut geht, müssten wir in gut zwei Wochen in Europa eintreffen“, so Dulias weiter. „Wo wir anlanden können, wird nicht zuletzt auch von der Coronasituation in den Mittelmeerländern abhängen.“ Die Gäste der „Costa Deliziosa“ berichten Ähnliches. Sie haben seit dem 13. März keinen Fuß an Land gesetzt und bleiben wohl bis Mitte oder gar Ende April an Bord. Beim Lade-Stopp im Oman jedenfalls durfte niemand das Schiff mehr verlassen.

Aida-Passagiere blieben von Coronavirus verschont

Zwar mussten auch Aida-Passagiere im März mehrfach zittern, jedoch erhärtete sich keiner der Verdachtsfälle, sodass die weitweit verstreuten Schiffe der Reederei offiziellen Angaben zufolge ohne Covid-19-Fall blieben. Alle Reisen konnten rechtzeitig, teilweise außerplanmäßig, beendet werden. TUI Cruises meldet ebenfalls, dass niemand an Bord dem Coronavirus ausgesetzt gewesen sei.

Wohin aber mit all den Schiffen, die jetzt nicht mehr fahren sollen oder dürfen? Dieser Frage hat sich der Kreuzfahrtexperte Franz Neumeier auf seinem Blog cruisetricks.de gewidmet. Und dabei diese Beobachtung gemacht: „Längst nicht alle haben Platz in Häfen gefunden. Einige wenige sind noch unterwegs, aber die meisten liegen weltweit verteilt vor Anker.“ Ein Hotspot seien dabei die Bahamas.

Auf einem Foto, das ein Offizier von Royal Caribbean mit der Drohne aufgenommen hat und das Neumeier in seinem Beitrag präsentiert, sind gleich sieben Kreuzfahrtriesen zu sehen, die vor Freeport auf Reede liegen. Derartige „Päckchen“ finden sich weltweit zurzeit einige, wenn man mithilfe des Automatic Identification Systems nach Kreuzfahrtschiffen sucht. So parkten am Dienstag immerhin fünf Kreuzer von Princess Cruises und die „Scarlet Lady“ auf einer Position zwischen Grand Bahama und Bimini. Etwas weiter östlich befanden sich zu diesem Zeitpunkt dicht an dicht vier Schiffe der Holland America Line und die „Celebrity Reflection“.

TUI Cruises verlegt die Flotte komplett nach Europa

Wann und wie der Neustart erfolgt, hängt nun von dem weiteren Verlauf der Coronapandemie und den Entscheidungen der Politik ab. TUI Cruises zum Beispiel verlegt die Flotte momentan komplett nach Europa: „Mein Schiff 1“ und „Mein Schiff 2“ sind laut AIS auf dem Weg von der Karibik zu den Kanaren, wo bereits zwei Schwesterschiffe warten. „Mein Schiff 5“ und „Mein Schiff 6“ steuern vom Indischen Ozean kommend das Mittelmeer an, „Mein Schiff 4“ ist offenbar auf dem Weg nach Bremerhaven.

Phoenix Reisen, die neben der „Artania“ noch weitere Schiffe betreiben, holt gleich die gesamte Flotte zurück nach Deutschland, bald sollen alle Crews in Hamburg oder Bremerhaven sein. Dort lief mit noch 600 Passagieren an Bord am vergangenen Donnerstag die „Amadea“ ein, bekannt als „Traumschiff“ aus dem ZDF. Besondere Sicherheitsvorkehrungen gab es am Terminal laut der Bremer Gesundheitsbehörde nicht. Auch ein Teil der Filmcrew kam so zurück, unter anderem die Schauspielerin Barbara Wussow.

Bei TUI Cruises geht zurzeit keiner mehr ans Telefon

So wie Phoenix die Zeit nutzen will, um seine Flotte in der Werft zu überholen, werden auch andere Reedereien ihre Schiffe auf Vordermann bringen, um am Tag X wieder schnell starten zu können. Doch die Unsicherheit bleibt groß: „Derzeit können wir noch keine Aussage über mögliche Fahrplanänderungen treffen, die in weiterer Zukunft liegen. Selbstverständlich informieren wir Sie bei allen Änderungen immer automatisch. Bitte sehen Sie daher von Rückfragen ab“, schreibt TUI Cruises auf seiner Website. Ans Kundentelefon geht zurzeit lieber keiner mehr.

Bei Aida heißt es: „Alle gebuchten Reisen mit Abfahrt im Zeitraum 1. Mai bis einschließlich 30. Juni können bis drei Tage vor Abreise gebührenfrei umgebucht werden.“ Ausgenommen sind dabei Buchungen, die über einen externen Veranstalter erfolgt sind.

Und was macht eigentlich die „Queen Mary 2“, deren heimlicher Heimathafen ja Hamburg ist? Sie fährt gerade, noch mit einigen restlichen Passagieren an Bord, von Durban nach Southampton­, wo bereits das Schwesterschiff „Queen Victoria“ liegt.

Wohl etwas zu optimistisch gibt man sich – nach außen zumindest – noch bei Hapag-Lloyd. Schon am 9. Mai will man mit der „Europa“ von Hamburg aus wieder in See stechen, vier Tage später soll in der Hansestadt die „Europa 2“ starten. Rund um diese Daten war ursprünglich der große Hafengeburtstag inklusive Schiffsparade geplant. Doch der fällt jetzt aus, wie so vieles.

Deshalb sollte man sich nicht wundern, wenn bald weitere Reedereien dem Beispiel von MSC folgen und auch offiziell bis Ende Mai keinen Neustart vorbereiten. Cunard hat schon jetzt alle Reisen bis 15. Mai abgesagt, Viking sogar bis Ende Juni. Insider wie der „Schiffstester“ Matthias Morr fürchten, dass es bis zu einem halbwegs normalen Betrieb noch sehr viel länger dauern könnte. Klar ist: Das Loch, das die Corona-Zwangspause in die Kassen der Anbieter reißen wird, dürfte gewaltig sein.