Wo St. Moritz noch bezahlbar ist

Ferien in der Schweiz werden teurer. Trotzdem kann der Wintersportler im Engadiner Edel-Ort auch Skiurlaub ohne Luxus-Budget machen

Dort in St. Moritz-Dorf wohnen die Millionäre, in Suvretta residieren die Milliardäre, und dazwischen, in St. Moritz-Bad, gibt es tatsächlich Platz für ganz normale Menschen“, sagt Ski-Guide Mario, der fast sein ganzes Leben hier verbracht hat.

Es gibt viele Punkte auf den Pisten des Hausbergs Corviglia, von denen man einen fantastischen Blick auf das Engadiner Hochtal hat. Mario hat den besten ausgesucht. 4000er-Gipfel wie der Piz Bernina fassen eine weite Seen- und Waldlandschaft ein, in deren Mitte St. Moritz liegt. Mario zeigt auf den Kirchturm vom Dorf, der von den Luxuslegenden Kulm Hotel und Badrutt’s Palace eingerahmt wird. Und auf den Berg namens Suvretta, an dessen Hänge sich Chalets mit riesigen, schneebedeckten Dächern kuscheln. Preis pro Anwesen: bis zu 50 Millionen Franken. „Die meiste Zeit des Jahres sind die Häuser unbewohnt, die Eigentümer kommen nur für zwei bis drei Wochen im Winter vorbei“, sagt Mario.

Die Eigentümer, das sind Reederfamilien wie Onassis und Niarchos, Industrielle wie die Heinekens, Agnellis oder Bogners. Altes Geld, aus heutiger Perspektive. Ich interessiere mich aber viel mehr für St. Moritz-Bad und die besonderen Orte, an denen Zimmermädchen und Snowboarder genauso willkommen sein sollen wie Bankvorstände. Kann man im Schweizer Edel-Ort auch Urlaub mit normalem Budget machen? Und Spaß dabei haben?

Der Ort will keine Showbühne mehr allein für die Reichen sein

Unser nächster Stopp ist die Hütte El Paradiso. Die Pisten, die dorthin führen, heißen Chill-out-Pisten. Breite, gut präparierte Bahnen mit Bänken zum Ausruhen. Vor dem Eingang der Hütte stehen Strandkörbe und ein Rettungsschwimmerhäuschen, denn St. Moritz hat eine Kooperation mit Westerland auf Sylt. Die Idee: das Winterpublikum auf die Nordseeinsel aufmerksam zu machen, wo das Lebensgefühl ähnlich sein soll. Betörende Natur, Liebe zum Luxus, Champagner zu Hausmannskost – ja, da gibt es Gemeinsamkeiten.

Im El Paradiso finde ich eine Dreiklassengesellschaft: eine Bar für kleine Snacks, eine Terrasse für alle, die richtig essen (und Geld ausgeben) wollen, und einen eigenen Bereich für Clubmitglieder. Dazu kann man nur vom Chef eingeladen werden. Jedes der 100 Mitglieder hat eine eigene Schublade mit Besteck, in das der Name eingraviert ist. Boris Becker hat im El Paradiso geheiratet. Roger Federer kommt auch gern vorbei. Und klar sieht man sie, die botoxgespritzten Frauen im Pelzmantel mit Louis-Vuitton-Tasche. Die grauhaarigen Männer im neuesten Bogner-Outfit. Aber das Essen schmeckt auch im einfacheren Barbereich, und der Ausblick von dort ist fast noch besser.

Ich fahre ab nach St. Moritz-Bad. Die Piste endet am Grand Hotel des Bains: ein weißes, elegantes Haus, das noch aus der Zeit des Kurbetriebes stammt. Im 19. Jahrhundert kamen die Gäste nur im Sommer in das Schweizer Tal, um das eisenhaltige Wasser der St. Mauritus–Quelle zu trinken. Ein Winteraufenthalt? Undenkbar! Zu kalt, zu wenig komfortabel. Es soll dem cleveren Wirt Johannes Badrutt zu verdanken sein, dass es anders kam: Badrutt wollte seine englischen Gäste auch im Winter in das kleine Bergdorf locken und bot ihnen deshalb ein Wette an.

Er behauptete, dass ein Aufenthalt bei Schnee genauso zauberhaft, unterhaltsam und vor allem sonnig sei wie im Sommer. Falls nicht, wollte er alle Kosten übernehmen. Wie es ausging, wissen wir. Die Sonne schien dank des trockenen Klimas pausenlos. Die englischen Gäste wurden mit Curling und Cresta-Rennen unterhalten, die Nachfrage nach edleren Herbergen stieg rasant.

Eine Showbühne im Schnee für reiche Russen und die Champagner-Cliquen Europas – das allein will St. Moritz nicht mehr sein, wenn es nach den Strategen im Tourismusverband geht. Sie haben Pakete mit Vergünstigungen geschnürt, die ein preisbewussteres Publikum ansprechen sollen: Familien, junge Leute, Wintersportler. So gibt es den Skipass für 35 Franken am Tag, wenn man mehr als eine Nacht in einem Hotel im Ort verbringt. Eine Ferienwohnung für Familien inklusive Skipass gibt es für 560 Franken pro Woche und Person.

Mit der Entscheidung der Schweizer Nationalbank (SNB), den Frankenkurs freizugeben, haben auch sie nicht gerechnet. Die SNB hat am Donnerstag vergangener Woche völlig überraschend die Wechselkursbindung des Franken an den Euro aufgehoben. Damit verteuert sich der Urlaub für Deutsche in der Schweiz auf einen Schlag um zehn bis 15 Prozent. Will man deswegen die Preise senken? „Erst mal nicht“, sagt Stephanie Elmer von der Tourismusorganisation. Spätere Preisanpassungen sind nicht ausgeschlossen, je nachdem, wo sich der Kurs einpendeln wird. Sie weist auf neue Angebote hin. Ja, die frisch renovierte Jugendherberge sieht mit dem klaren Design aus wie ein cooles Hostel. Es gibt Doppel- und Familienzimmer, Kinderspielzimmer und WLAN. Die Zimmer im neu gestalteten Hotel und Restaurant Muottas Muragl, das von der Bergbahngesellschaft betrieben wird, wirken wie ein krasses Gegenmodell zu den gediegen-pompösen Suiten der Fünf-Sterne-Häuser.

Das Wetter und besondere Ambiente des Ortes im Engadin gibt es gratis

Was als Erstes auffällt in St. Moritz-Bad: kein Fell, kein Pelz. Die Menschen tragen sportliche Kleidung, deren Label man nicht auf den ersten Blick erkennen kann. In den Läden an der Via Tegiatscha werden Ski- und Snowboardausrüstungen angeboten, daneben ein Schuhgeschäft mit reduzierten Preisen. Und eine Secondhand-Boutique. Wer wohl die top gepflegten High Heels von Bally zuvor getragen hat? Die Prada-Jacken oder den Pelzmantel von Fendi, der jetzt „nur“ noch 9000 Franken kosten soll?

Ins Laudinella um die Ecke kommen die Einheimischen aus dem ganzen Tal, um hier zu essen und zu klönen. Das Restaurant mit den verschiedenen Stuben ist bekannt für seine gute Pizza. Das Mathis Food Affairs im Corviglia-Skigebiet mit Trüffelpizzen für 100 Euro ist hier ganz weit weg. Magnet in St. Moritz-Bad aber ist La Baracca. Das Restaurant hinter dem Kurpark war früher tatsächlich eine Baracke für Arbeiter. Das Unfertige, Einfache hat Gastronom Max Schneider erhalten, im früheren Berufsleben war er Marketingmann bei Swatch. Schneiders Gäste sitzen auf Holzbänken, dicht gedrängt. Es gibt keine Speisekarte, viele Gerichte wie Salate, Kartoffelpüree oder Rindercarpaccio werden in großen Schüsseln auf den Tisch gestellt, jeder nimmt sich was.

Die Kellner sehen aus wie Snowboarder: Jeans, T-Shirt, längere Haare, Mütze auf dem Kopf. Wenn Gäste auch so gekleidet sind: kein Problem. Alle sind willkommen – und alle kommen auch. So kann es passieren, dass der Skilehrer neben dem indischen Stahlmagnaten sitzt, das Zimmermädchen am Tisch des Schweizer Verlegers landet. Ab 23 Uhr drängen immer mehr Gäste in das winzige Lokal, stehen zwischen den Tischen, trinken, lachen.

Auch beim White Turf kann man gemeinsam mit Oligarchen, Industriellenclans und Engadinern den Winter feiern. Das Pferderennen auf dem zugefrorenen St. Moritzersee im Februar ist keine Veranstaltung nur für Jetset-Gäste und solche, die sich dafür halten. Einheimische kommen mit Kinderwagen her, manche haben Schlitten und Rucksäcke mit Thermoskannen dabei. Für 21 Franken kann jeder dabei sein beim Glamour-Spaß im Schnee. Einen Platz auf den Tribünen bekommt man für diesen Preis nicht, aber der ist auch nicht notwendig. Denn das Pferderennen ist ehrlich gesagt Nebensache. Nein, spannend ist, was an den Open-Air-Bars los ist, wer mit wem über den Schnee flaniert. Und wie viel Pelz er oder sie dabei am Körper trägt. Denn wo kann man all die Pelzmäntel, -mützen, -stiefel und -taschen besser ausführen als vor der glitzernden Alpenkulisse von St. Moritz-Dorf?

Vielleicht ist das die Magie von St.Moritz: Man kann mal kurz reinschnuppern in diese faszinierende Luxuswelt, sich amüsieren wie beim Blättern in einem People-Magazin, auch ohne viel Geld zu haben. „Ja“, sagt Mario. „Seht euch doch mal um. Dieses Engadiner Blau des Himmels, diesen Pulverschnee, die klare Luft – das bekommt ihr alles gratis.“