Diese Kulturmetropole vibriert

Im kanadischen Toronto lassen sich Theater, Kunst und Film auf herrlich entspannte Weise genießen

Manche sagen, Toronto sei die kleine Schwester von New York, die Brave, Artige. Die sich nicht zu stark an sich selbst berauscht. Nun ist New York eine Stadt, in der Film-, Kunst- und Theaterschaffende für den verbindenden Kitt sorgen, der seine von langer Einwanderungsgeschichte geprägten Bewohner auf einem anhaltenden Level von Euphorie und Erregung hält. Da stellt sich die Frage: Was ist da eigentlich mit der braven kanadischen Schwester?

Toronto ist eine reiche Kulturstadt, der Besuch empfiehlt sich aber nicht nur zur Zeit des jährlichen Filmfestivals, wenn George Clooney hier vorbeischaut, Quentin Tarantino seinen neusten Streifen vorstellt oder Natalie Portman vom roten Teppich lächelt. Viele Weltpremieren sicherten den Ruf des Festivals als Entdecker- und Publikumsfestival, das sowohl kleine feine Independent-Produktionen als auch Hollywoodstreifen für ein breites Publikum im Programm hat. Dabei geht das alles mit viel weniger Aufregung über die Bühne. Die Stars wirken hier weniger unnahbar. Die kanadische Filmszene ist ohnehin stark im internationalen Vergleich und beweist das Jahr für Jahr mit Beiträgen auf Festivals.

Cameron Bailey ist Leiter des Toronto International Film Festivals (TIFF). Sein Leben – Kindheit in England und auf Barbados, nun Jahrzehnte in Toronto, ausgiebiges Reisen – erzählt eine typische Toronto-Biografie. „Ich bin ein Immigrant wie viele hier. Das hat mich geformt und mich die unterschiedlichsten Kulturen der Welt gelehrt: von Koreatown über Chinatown bis Little India.“

Freunde von Film, Theater, Tanz, Performance und Musik kommen einmal im Jahr beim Luminato Festival auf ihre Kosten. 2007 wurde es ins Leben gerufen. Seit 2011 ist ein Hamburger künstlerischer Direktor. Jörn Weisbrodt ist ein lässiger, verbindlicher und ernsthafter Kunstermöglicher mit Hipsterschnurrbart. Der studierte Opernregisseur ist auch hierzulande kein Unbekannter. Die Tatsache, dass er den kanadischen Folksänger Rufus Wainwright mit viel Hollywoodprominenz ehelichte, katapultierte ihn bis in die deutschen Boulevardgazetten. In nur zwei Jahren hat er dem Festivalprogramm eine klare Handschrift verliehen, geprägt vom Willen zur Avantgarde, aber auch genauer Kenntnis seines Publikums. Erworben hat er sich diese als Dramaturg an der Berliner Staatsoper unter den Linden und Direktor des Robert Wilsons Watermill Centers in New York.

Seine künstlerische Freiheit nutzte er in Toronto gleich, um aufsehenerregende Abende zu lancieren, wie „The Life and Death of Marina Abramovic“ in der Regie von Robert Wilson. 2013 brachte er die Folksängerin Joni Mitchell nach 13 Jahren Bühnenabstinenz zu ihrem 70. Geburtstag dazu, ein Konzert zu geben. In diesem Jahr hat er aus der alten Heimat „Kontakthof“ eingeladen, eine 36 Jahre alte Arbeit von Pina Bauschs Tanztheater Wuppertal. Mit einem Budget von elf Millionen spielt das Luminato Festival in der oberen Liga, vergleichbar den Wiener Festwochen, auch wenn Weisbrodt in Kanada vor allem gelernt hat, wie man Sponsoren findet und Fundraising betreibt.

Eine künstlerische Bandbreite ist ihm wichtig, die Torontoer seien nicht so kulturerprobt wie anderswo. „Wenn man es für sich gewinnt, ist das Publikum extrem aufmerksam. Toronto ist eine der multikulturellsten Städte der Welt und mein Zielpublikum eigentlich die U-Bahn“, so Weisbrodt. „Gleichzeitig ist alles hier von einem britischen Calvinismus durchzogen.“ Eine Theatertradition wie in Deutschland gibt es in Kanada nicht. Im Entertainment District, das vom Zentrum bis zu Queen West herausführt, reiht sich ein Unterhaltungstempel an den anderen. Musicals laufen gut, dazwischen findet auch die gute alte deutsche Operette „Der Vetter aus Dingsda“ ihr Publikum. „Die Projekte müssen aus sich heraus sprechen“, erklärt Weisbrodt. „Ich versuche, Disziplinen miteinander zu vermischen, Leute zu verführen. Mir ist eine emotionale Reaktion auf die Kunst wichtiger als eine intellektuelle.“ Weisbrodt hat keine Angst vor Popularität in der Kunst, er unterscheidet nicht zwischen High und Low Art. „Kunst produziert im besten Fall Gemeinschaft. Sie bringt Menschen zusammen und stellt eine andere Verbindung her als über den Austausch von Waren und Geld.“

Weisbrodt kooperiert für sein Festival gerne und häufig mit den Torontoer Museen. Allen voran die Art Gallery of Ontario (AGO), bekannt für ihre umfangreiche Sammlung an kanadischer und europäischer Malerei sowie die weltweit größte Sammlung an Werken des britischen Bildhauers Henry Moore. Die AGO residiert an der Grenze zu Chinatown in einem Gebäude eindrucksvoller moderner Architektur von Frank O. Gehry.

Zur Jahrtausendwende wurden gleich mehrere Museen Torontos einem architektonischen Facelift unterzogen. Gleich neben dem AGO residiert das Ontario College of Art and Design in einer eindrucksvollen gesprenkelten Box auf Stelzen des Architekten Will Alsop. Das neu errichtete Bata Show Museum erinnert in seiner Form an eine Schuhkarton-Design, geschaffen vom japanisch-kanadischen Architekten Raymond Moriyama. Das auffällige Äußere verrät die Exponate – natürlich Schuhe. Der weltberühmte Architekt Daniel Liebeskind schuf 2006/2007 mit schimmernder Glasfassade einen umstrittenen Michael-Lee-Chin-Kristall in der Front des Royal Ontario Museums, das eine beachtliche Völkerkundesammlung beherbergt.

Wer weiter gen Westen an Chinatown vorbeistreift, landet in Kensington Market, einem flippigen alternativen Boheme-Stadtteil, wo schon klischeeartig Bob Marleys „No Woman No Cry“ aus den Boxen der Secondhand-Klamotten- und Plattenläden dröhnt. Bands und Restaurants siedeln sich hier an. Die Mieten sind noch erschwinglich. Hochhäuser sieht man nicht. Toronto vibriert an vielen Orten. Ein neuer kultureller Hotspot hat sich ganz im Osten etabliert im Distillery District. Einst residierte hier ab 1832 die Firma Gooderham and Worts und schuf die größte Bierbrauerei der Welt. Heute bildet das fünf Hektar große Areal aus 44 denkmalgeschützten Backsteingebäuden die schöne Industrie-Kulisse für ein Vergnügungs- und Unterhaltungszentrum mit Restaurants, Bars, kleinen Läden und zahlreichen Galerien.

Wer sich in der breit gefächerten Galerienszene tummeln möchte, ist ansonsten im Queen Street West Gallery District gut aufgehoben. Hier gibt es nicht nur eine charmante Nachbarschaft mit vielen lebendigen Bars und Künstlerateliers. Interessant sind die Neubacher Shor Contemporary (5 Brock Ave.) oder die große Twist Gallery (1100 Queen St. W.) über einem Restaurant oder die Gallery 1313 (1313 Queen St. W.) in einer ehemaligen Polizeistation. Wer hier gerne mittendrin wohnen möchte, zieht ins traditionsreiche Drake Hotel, ein schönes Künstlerhotel mit individuell und sehr geschmackvoll in einem Mix aus Alt und Neu gestalteten Zimmern. Auf jedem Bett liegt eine kleine handgemachte Puppe. Es kann auch mal eine Eule sein. Zum Hotel gehört ein schönes Café-Restaurant mit inspirierenden Sushi-Kreationen. Jeden Montag gibt es Live-Musik.

Natürlich hat Toronto auch eine stattliche Anzahl renommierter Konzerthallen vorzuweisen. Die Roy Thomson Hall, Heimat des Toronto Symphony Orchestra, wurde 2002 akustisch runderneuert. Weitere Häuser wie das Rose Theatre, das Living Arts Centre, Canada’s National Ballet School oder das Four Seasons Centre for the Performing Arts laden zum Kulturgenuss. Toronto gilt seit Jahren als Hort einer beachtlichen Musikszene. Das Kollektiv Broken Social Scene mit rund 25 Mitgliedern tourt von hier aus seit Ende der 1990er-Jahre um die Welt. Aus ihren Reihen löste sich vor einigen Jahren die Sängerin Leslie Feist und stieg zur ungekrönten weltweiten Prinzessin des Indie-Pop auf. Die Band mit Namen Stars feierte Erfolge, Der Pianist und Komponist Chilly Gonzales und die Electroclash-Musikerin Peaches sowie Joel Gibb, Sänger der Queercore-Band The Hidden Cameras, leben oder lebten längere Zeit in Berlin.

Jason Collett, Singer-Songwriter und Mitglied von Broken Social Scene, bestreitet beim Luminato Festival in der Edward Day Gallery beim Museum of Contemporary Canadian Art ein Late-Night-Programm mit dem Titel „Jason Colletts Basement Revue“, bei dem in der kleinen garagenartigen Halle mitunter die Bühne vor Musikern überquillt oder eine Performerin in den besten Jahren, weiß angemalt, nackt, nur mit einem Lichterkranz behängt, durch die Zuschauerreihen schreitet. „Die Stadt vibriert. Jede Woche machen neue Bars auf, und es entwickeln sich mehr Orte für Live-Musik als jemals zuvor“, sagt Collett. „Das gibt der Stadt, die ja doch puritanisch, protestantisch und ziemlich konservativ geprägt ist, einen Kick. Toronto muss sich entscheiden, ob es eine weltgewandte kosmopolitische Metropole sein will.“

Wer einfach mal so durch die Stadt streift oder gar das Glück hat, den Festivalzeitraum im Juni zu erwischen, der kann sich verzaubern lassen von einem Stück Kanada, das sich auf ganz entspannte Weise den Verlockungen der Kunst hingibt. Und dabei vielleicht gar nicht so brav ist, wie es scheint.