Dieser Ski-Lift kommt von oben

Helikopter bringen ambitionierte Alpinsportler in den italienischen Bergen zu Pisten, die anders kaum zu erreichen wären. Ein exklusiver Start ins Vergnügen

Die Welt, die so aussieht, als wäre Wintersport noch gar nicht erfunden worden, beginnt vor der Tür. Dort warten Schnee und Tannen. Was man nicht sieht: einen Lift oder andere Skifahrer. Stattdessen Häuser, wie sie vor sieben Jahrhunderten gebaut wurden. Dunkle Balken, Steine auf den Dächern. Diese Häuser verraten nicht, dass unter ihnen eine Luxusanlage mit Pool in den Berg gebohrt wurde. Man vergisst das wirklich gerne für einen Moment, auf dieser Reise in die Vergangenheit. Der Morgen ist still. Das schafft viel Platz für eine Gewissheit, die sich wohlig ausbreitet: Gleich geht es los.

Mascognaz, ein Dorf im italienischen Aostatal, erreicht man im Winter nur mit dem Schneemobil. Es liegt nah am Matterhorn. Der Ort Zermatt ist mehr als vier Stunden mit dem Auto entfernt. Ein mühsamer Weg wäre das. Pässe, Autobahn, wieder Pässe. 4000 Meter hohe Berge erzwingen Umwege. Umwege? Uns interessiert nur die Luftlinie.

Der Flug beginnt ein paar Hundert Meter unter den steinalten Hütten, an einem Schuppen im Tal Champoluc. Davor lagern Holzbretter, man denkt an Kettensägen und an den (wirklich guten!) ersten Teil des Films „Rambo“. In ähnlicher Umgebung wie hier musste sich Sylvester Stallone verstecken. Das Rotorengeräusch wird lauter. Ich lege mein Snowboard auf den Boden, um ein Foto zu machen. Anfängerfehler. Der Helikopter nähert sich so schnell wie ein Raubtier – als er über uns in der Luft steht, wirbelt das Brett durch die Luft wie Papier. Das wäre Rambo nicht passiert. Wir müssen uns beeilen. Zeit ist Geld. Sekunden später sitzen wir hinter den Piloten und starten. Die Luft zittert. Wenn sich jetzt noch jemand wie ein Anfänger fühlt, ist er am Boden geblieben. Wir sind die Überlegenen. Im Film wären wir die Jäger.

Wer in diese stolzen Berge fliegt, muss aufpassen, dass er nicht auch innerlich abhebt. Kürzlich wurde der Körper eines Bergsteigers am Matterhorn gefunden. Der Engländer war seit 1979 vermisst, der Berg hatte ihn verschluckt. Die Behörden mussten seine DNA abgleichen mit einer Liste von 280vermissten Menschen. 280. Das sind nur die Vermissten.

Der Helikopter fliegt tief, er steigt am Hang hoch, um die Aufwinde des Rotors zu nutzen. Das spart Sprit in der dünnen Luft. Wir überwinden 2000 Höhenmeter in wenigen Minuten. Unten sausen Felsen vorbei. Nah genug dran, um zu staunen. Weit genug weg, um sich sicher zu fühlen. Gut, dass Francesco dabei ist, unser Bergführer. Wir landen auf dem Plateau Rosa, einem Gletscherfeld auf 3480 Metern. Hier steigen auch Skifahrer aus den Liften. Natürlich ist man erst enttäuscht, nur im Skigebiet anzukommen. Was Francesco nicht sagt: Er muss erst sehen, wie wir uns am Berg bewegen. Was wir schaffen können. Menschen, die sich Helikopter leisten, haben oft Selbstvertrauen. Unter 250 Euro pro Person geht da kaum etwas. Aber Geld macht noch keine Sportler. Man erfährt später, dass Bergführer ganz elegante Ausreden haben, wenn sie Gäste lieber nicht ins Gelände mitnehmen. Falsches Wetter, Lawinengefahr, Eis. Oft ist das auch nicht mal gelogen, diese Gefahren sind irgendwie immer Teil der Wahrheit. Oh, ja. Wir werden noch erleben, wie anspruchsvoll Abfahrten auf dieser Höhe sein können. Und wie gut sich das anfühlt.

Hier oben sieht man das Matterhorn aus der italienischen Perspektive. Von dieser Seite taugt es nicht zum Markenzeichen, es ist ein eher gewöhnlicher Gipfel. Sympathisch. Wofür musste die markante Nordseite nicht schon alles herhalten: Werbung für Schokolade und Hustenbonbons, klar, aber sogar die rechtsradikale NPD wirbt mit dem Gipfel. Auf einem Plakat, das die Einwanderungspolitik der Schweiz als Vorbild für Deutschland preist. Der Berg kann nichts dafür, aber umso beruhigender ist, dass er eine Seite hat, die nicht verwertbar ist.

Für Helikopter muss man keine Liftanlagen bauen, keine Pisten walzen

Francesco ist ein ruhiger Bergführer. Keiner, der jene grellen Funktionsjacken trägt, die wieder in Mode sind. Früher hat er als Ingenieur überall auf der Welt Stromanlagen gebaut. Wer so einen Job aufgibt, muss Berge lieben. In seiner Jugend war Francesco kein Fan von Touristen, die mit dem Helikopter auf den Berg fliegen. Diese Ruhestörung. Außerdem gibt es Orte, wo Menschen nicht hingehören, zumindest nicht einfach so. Aber inzwischen sieht Francesco das anders. Nicht nur, weil er nun sein Geld damit verdient. Für Helikopter muss man keine Liftanlagen bauen, sagt er. Man muss keine Pisten walzen. Diese Wintersportler machen weniger Abfahrten, aber erleben sie intensiver. Und ohne Bergführer darf man nicht nach oben. Auch diese Seiten hat die Exklusivität des Heli-Skis: Nachhaltigkeit und Professionalität.

Damit wir auch Respekt haben, erzählt Francesco uns diese Geschichte: Vor einigen Jahren wollte er den Mont Blanc besteigen, ein Gletschergebiet wie hier am Monte Rosa. Frühmorgens begann er den Aufstieg am Basislager, angeseilt an seinen Partner. Es war noch dunkel, als der Boden unter ihm wegbrach, er in eine Gletscherspalte stürzte und kopfüber am Seil baumelte. Um ihn herum: Dunkelheit. Durch das Loch über sich im Schnee sah er die Sterne am Himmel. Sein Partner schaffte es, ihn rauszuziehen. Wieder oben, leuchtete Francesco mit seiner Kopflampe auf einen gelben Fleck neben der Einbruchstelle. Ein anderer Bergsteiger war hier nachts pinkeln gegangen. Keine zwei Meter haben gefehlt.

Wir fahren ersten Tiefschnee abseits der Piste. Weicher Schnee zum Fliegen. Jeder in der Gruppe hält sich an die Regel: an der Spur des Guides orientieren. Da mag der Schnee links und rechts noch so verlockend sein. „Swiss Italian Luxurian Safari“ heißt die Tour. Zeit für Luxus. Das heißt Mittagessen im Chez Vrony, einer der exklusivsten Skihütten der Alpen. Von der Terrasse schaut man auf das Matterhorn, auf die starke Seite, natürlich.

Es gibt Käsefondue, Trockenfleisch und Häppchen, angerichtet wie im Sterne-Restaurant. Rustikal sein, das reicht offenbar nicht mehr. Das Fleisch ist zum Niederknien. Es wird eingelegt in einem Sud aus Salz und Kräutern, dann reift es in der Höhenluft. Hier oben, erzählt der Wirt, wachsen Kräuter, die es ansonsten nur noch in der peruanischen Hochebene gibt. Was nicht passt: Am Tisch nebenan sitzt eine Gruppe, die sich als Schlümpfe verkleidet hat. Blaue Gesichter, blaue Gespräche. Ein bisschen Ballermann an einem Ort, wo seltene Kräuter wachsen.

Wir kehren in die Welt zurück, in der es keine Schlümpfe gibt. Zu der Seite, auf der das Matterhorn nicht für Werbung taugt. Vom Lago die Rollin nach Saint Jacques, abseits der Piste. Eine kräfteraubende Tour. Der Schnee bremst, immer wieder Aufstiege. Das Snowboard ist ein Abfahrtgerät, hier stößt es an Grenzen. Skier sind für Touren wirklich besser geeignet. Und doch ist es richtig, dass Schweiß fließt. Man kommt dem Berg näher als mit dem Helikopter.

Im Tal kehren wir erschöpft in den einzigen Gasthof ein. Neben uns parken zwei Italiener ihren Dreirad-Transporter, so ein Teil wie aus der Pizza-Werbung, direkt zwischen den Plastikstühlen auf der Terrasse. Wir lachen und bestellen Getränke. Hier gibt es weder seltene Kräuter noch Schlümpfe. Aber selten hat ein Bier so gut geschmeckt. Die Einfachheit schafft viel Platz für jene Gewissheit, die sich wieder wohlig ausbreitet: Das Beste kommt morgen.

Es ist steil, man denkt nur an den Berg, jetzt bloß nicht abrutschen

Am Abend freut man sich natürlich auf die Sauna der Hotellerie. Vielleicht bietet diese besondere Anlage nicht den geräuschlosen Service eines internationalen Hauses. Dafür sieht man, wie eine Kellnerin morgens von ihrem Mann zur Arbeit gefahren wird, wie sich die beiden mit einem Kuss verabschieden. Die Mehrheit des Personals ist im Tal hier zu Hause. Das ist gut für die Region, und das ist gut für Gäste, die es herzlich mögen. Bevor Carla, eine andere Kellnerin, abends den Espresso bringt, dringt ihr Lachen gut hörbar aus der Küche.

Nach dem Abendessen wartet der Kamin. Tilman Held, Geschäftsführer der Agentur Away from it all, lehnt sich im Sofa zurück. Er trägt auch drinnen noch seine Jacke. Unempfindlich für Temperaturschwankungen, ein Outdoor-Mensch. Er hat die passende Lebensgeschichte zu seiner Reiseagentur. Früher leitete er ein großes Familienunternehmen – bis zum Burn-out und der Entscheidung, das Leben künftig mit seiner Familie zu genießen. Nun handelt er mit Erlebnissen. Für Menschen, die nicht am Strand liegen wollen, weil dort das Karussell im Kopf nicht aufhören will, sich zu drehen. Für Menschen, die sich sofort entspannen wollen. Dafür muss die Gegenwart intensiv sein. Dafür unternimmt man Flüge, wie wir es am nächsten Morgen tun. Weg von allem.

Wir fliegen auf den Punta Bettolina. 2996 Meter hoch. Als wir aus dem Helikopter gestiegen sind (nein, man muss nicht springen) und sich der aufgewirbelte Schnee wieder gelegt hat, sind wir umgeben von Wolken, 4000ern und großer Stille. Die Frage, ob wir hier eigentlich hingehören, stellt sich nicht. Die Frage ist, wie wir runterkommen.

Wir tragen Harnisch, damit wir uns anseilen können. Nur zur Sicherheit natürlich. Die ersten Meter sind knüppelhart. Auch unberührter Schnee kann vereist sein. Wir setzen vorsichtige Kurven, es ist steil, bloß nicht abrutschen. Was in dieser Situation passiert, geht einem erst später auf: Man denkt nur an den Berg, die eigenen Bewegungen und daran, die anderen im Blick zu behalten. Alles andere ist unwichtig.

Später treffen wir ein Ehepaar. Schweizer. Sie sind schon am Vortag aufgestiegen und haben in einer eiskalten Hütte übernachtet. Wir sind im Schnitt 30 Jahre jünger als die beiden, bei uns gab es Schokocroissant zum Frühstück, dann ging es in den Helikopter. Aber die Herrschaften akzeptieren uns. „Grüezi“, sagen sie. Am Berg, auf so einer Höhe, freut man sich über alle Begegnungen. Gesellschaft ist sicherer für alle.

Außerdem: Muss man sich in Gesellschaft dieser echten Alpinisten schlecht fühlen? Ist das nicht eher etwas für Menschen, die seit Jahrzehnten die Berge herausfordern? Der Helikopter ist für Hobbyalpinisten viel passender, zumindest für solche, die nicht Rambo spielen wollen. Nach einer Stunde Abfahrt finden wir endlich weichen Schnee. Tiefschneefahren, das war noch nie schwer. Wir fliegen, aber diesen Genuss haben wir uns verdient.

Noch lange nach der Abfahrt bleibt dieser Moment in Erinnerung: Der Helikopter verschwindet am Horizont, wir stehen am Berg. Diese Stille. Dafür lohnt sich schon ein einziger Flug. Man erlebt eine Welt, die aussieht, als wäre Wintersport noch nicht erfunden.