Städtereisen

Eine Ode an die Ländlehauptstadt Stuttgart

Unser Berliner Autor verbrachte 48 Stunden in Stuttgart und traf dort auf eine reiche Kultur und lauter glückliche Menschen.

Lange Zeit mussten die Schwaben behaupten, keinen Bier-Unterteller zu haben, um überlaufendes Helles für den Schlummertrunk zu horten. Die Zeit der Geiz-Klischees ist vorbei. Ebenso die Zeit, da Stuttgarter scharenweise nach Berlin emigrierten. Inzwischen gehen viele in ihre Ländlehauptstadt zurück. Es hat sich etwas geändert in Stuttgart, dort lebt die zufriedenste Bevölkerung aller deutschen Großstädte. 81 Prozent bekennen sich dazu. Sie loben den perfekten öffentlichen Nahverkehr, Einkaufsmöglichkeiten, kulturelle Vielfalt und geringe Kriminalität. Auf Schwäbisch: „Herrgottsakrament, do kascht nix saga!“

Allerdings gibt es den Skandal Stuttgart 21, gab es den Bulldozer-Ministerpräsidenten Stefan Mappus, der mit Milliarden zockte, und das Parken in der Stadt ist ein Dauer-Ärgernis. In der flächenmäßig kleinsten deutschen Metropole mit 590.000 Einwohnern sind mehr als 300.000 Autos zugelassen – das heißt Dauerverstopfung. Aber unterm Strich sind die Stuttgarter froh über ihre gut sortierte Stadt. Das Ende des Bieder-Images war 2005, als mitten in der Stadt ein 67 Millionen Euro teurer Glaskubus am Kleinen Schlossplatz, an trüben Tagen mit Kunstlicht von innen erleuchtet, die Passanten verblüffte. Drinnen lauter Hochkaräter, unter anderem die komplette Sammlung der Werke von Otto Dix. 2006 wurde Stuttgarts Staatsoper zum Theater des Jahres gewählt; es verteidigte in den Folgejahren den Titel einige Male. Seit Jahren boomt die Galerieszene – in der Stadt ist ausreichend Geld. Dann kam der futuristische Bau des Mercedes- und des Porsche-Museums; beide locken Automobil-Fans aus aller Welt an. Das Zwischenspiel um den Abriss des historischen Hauptbahnhofs war traurig, aber das Trauma löst sich auf, seitdem das riesige Gleisareal unter die Erde gerutscht ist und oberirdisch neu gebaut wird. Neben Landesministerien, Shoppingmall und Drei-D-Kino entstand ein quadratisches Gebäude, das jeden Besucher nach Eintritt großäugig macht. Es ist die neue Bibliothek für 99Millionen Euro, und innen ist der größte Raum leer. Dort sammeln sich Benutzer vor emporstrebenden Wänden, bevor sie sich in die Räume mit 1,1 Millionen Medien begeben. Wasser plätschert und hilft bei der Konzentration auf das immense Angebot.

Kulinarisch kann Stuttgart mit jeder Stadt hierzulande mithalten. Es gibt alle Küchen, aber Maultaschen, eine Kreation der schwäbischen „Fleischküchle“ – einst als „Herrgottsbescheißerle“ Armenküche –, sind die Attraktion. Und der Wein, der seit 600 Jahren an den Hügeln am Stadtrand gepflegt wird (sehr schön im Weinbaumuseum zu bewundern, inklusive Degustation); es gibt sogar aromatische Rotweine.

Selbst die Subkultur hat in Deutschlands Stadt mit der geringsten Verschuldung ein Zuhause. Das Varieté Friedrichsbau, das vor dem Aus stand, erhielt zu seiner 20-Jahre-Geburtstagsfeier ein neues Quartier. In den Eisenbahnhallen am Nordbahnhof trauen sich Künstler an schräge Ausstellungen. In der Innenstadt gibt es schicke Clubs, und an der Olgastraße, ein jahrelang abgehängtes Gründerzeitviertel, hat sich eine neue kreative Szene etabliert. „Ons kraut vor nix“, lautet dann auch folgerichtig das lokale Motto.