Samaria-Schlucht auf Kreta

Als hätte ein Riese die Erde aufgeschlitzt

Sie ist ein Muss für Kreta-Besucher: eine Wanderung durch die Samaria-Schlucht, die sich von den Weißen Bergen bis zum Meer an der Südküste schlängelt.

Athanasia und Eleni sind sprachlos. Die beiden Griechinnen stehen mit ausgebreiteten Armen nebeneinander am Grund der kretischen Samaria-Schlucht und starren die 300 Meter hohen Felswände hinauf. In der Mitte greifen sie ihre Hände, am Rande tippen ihre Fingerspitzen an den kalten Stein. Wie ein Wolkenkratzer ragt der senkrecht neben ihnen empor. „Kein Wunder, dass sich unsere Vorfahren hier immer wieder vor feindlichen Angreifern verschanzen konnten“, flüstert Eleni. „Die Schlucht ist hier so eng wie ein Tor, noch nicht einmal vier Meter breit“, ergänzt sie und mustert die Erdspalte, deren Wände in allerlei goldenen Farben leuchten. Die Freundinnen aus Athen lachen. An ihren Füßen plätschert der Fluss Tarraios vor sich hin, auf einem Felsvorsprung meckert eine der scheuen Krikri-Ziegen, ab und zu zwitschert ein Vogel. Am frühen Morgen ist es noch ruhig an der Sideroporta, der Eisernen Pforte. Sie ist die engste Stelle und das Highlight von Griechenlands spektakulärster Schlucht.

Die Samaria-Schlucht – nach der Tara in Montenegro und der Verdon in Frankreich die längste Talenge Europas – windet sich im Südwesten der Insel Kreta auf 13 Kilometern Länge, an mancher Stelle 600 Meter tief, von den Weißen Bergen, Lefka Ori, bis hinunter zum Libyschen Meer. Die Einheimischen sagen, ein Riese habe die Erde mit einem Messer aufgeschlitzt und dabei die gewaltige Schlucht geschaffen. Im Sommer machen sich bis zu 3000 Menschen – täglich! – auf den Weg durch die atemberaubende Naturkulisse, vom Xylóskalo, dem Eingang zum knapp 5000 Hektar großen Nationalpark Samaria, bis in den Küstenort Agía Rouméli. Doch wer im Frühjahr kommt und im Morgengrauen aufbricht, weit bevor die Busladungen aus der Provinzhauptstadt Chania und dem Inselosten eintreffen, hat die Schlucht noch fast für sich allein, gemeinsam mit Gänsegeiern, Falken, Kretadachsen, Stachelmäusen und den seltenen kretischen Krikri-Wildziegen.

Schon am Xylóskalo, der sogenannten Holzleiter, prahlen die schneebedeckten Berge Gingilos und Volakias um die Wette; eine kleine Aussichtsplattform im Zypressenwald macht es möglich. „In der Antike soll der griechische Gott Zeus auf den Bergen gesessen und die Nymphen beim Bad im Schluchtenfluss beobachtet haben“, erzählt Alexandros mit einem Augenzwinkern. Der 43-Jährige aus Chania wandert jedes Frühjahr, gleich nach der Öffnung, durch die Samaria-Klamm und genießt das gesunde Klima, eine Mischung aus dem mediterranen Norden und dem nordafrikanischen Süden. „Früher kamen Menschen mit Lungenleiden zur Erholung hierher, auch aus meiner Familie“, sagt er, während er die Holzleiter entlangschreitet. Vor Jahrzehnten rammten die Kreter zahlreiche Stämme in den Boden, bauten eine Art Treppe, um von 1250 Meter Höhe in die Schlucht hinein- und aus ihr herauszugelangen. Heute führen die Holzbohlen einen 600 Meter tiefen Serpentinenweg hinunter, durch Schatten spendenden Bergwald bis zur Kapelle Agios Nikolaos. Der byzantinische Bau aus porösem Stein war lange Zeit eine Gebetsstätte der Schluchtbewohner. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus müssen hier die ersten religiösen Feste stattgefunden haben. Ausgrabungen belegen das: Knochen von Opfertieren, Kupferfiguren, Leuchten aus Ton.

Noch bis vor 50 Jahren war die Samaria-Schlucht bewohnt, ein Quell an Holz für den Schiff- und Hausbau. In der gleichnamigen Holzfällersiedlung im Zentrum der Talenge ging es geschäftig zu. Lasttiere wurden umgesattelt, gefällte Bäume in Sägemühlen bearbeitet, die Stämme auf dem Fluss hinunter ans Meer transportiert. Als das Gebiet 1962 zum Nationalpark erklärt wurde, war Schluss mit der Holzwirtschaft. Die Regierung kaufte sämtlichen Privatgrund auf und siedelte die wenigen verbliebenen Bewohner aus.

Drei Jahre später war die Samaria-Schlucht verwaist. Heute ist die ehemalige Holzfällersiedlung der wichtigste Rastplatz für die Schluchtwanderer. Eine Oase. Weitläufige Wiesen, Felder weiß blühender Wildorchideen und bunte Blumen breiten sich um den Flusslauf aus – ein überraschender Anblick in der sonst so rauen Landschaft. Dahinter wächst endloser Brutiah-Kiefernwald in das 2000 Meter hohe Bergpanorama. Wer ein Restaurant oder einen Kiosk sucht, sucht vergeblich. Dafür gibt es schattige Bänke und Hilfe für Gestrandete: eine Krankenstation, sogar einen Hubschrauberlandeplatz, eine Notunterkunft, Toiletten und Esel, die Verletzte im Notfall über Schleichwege hinausbringen. Im vorletzten Sommer mussten die Schluchtwächter auf ihre Tiere zurückgreifen, nachdem ein Tourist aus Norwegen bei einem Steinschlag am Kopf verletzt worden war. „Seitdem diskutiert man immer mal wieder eine Helmpflicht für die Schluchtwanderer“, sagt Alexandros, füllt seine Trinkflasche an einer der zahlreichen Wasserquellen und macht sich auf den Weg zur Sideroporta.

Über Steine, Felsen und Geröll geht es durch und über den Tarraios. Wie krumme, endlose Treppenstufen stapeln sich die Gesteinsschichten in der ungeschützten Flussebene übereinander. Aus ihren winzigen Ritzen drängen Majoran, Thymian, Salbei und der kretische Bergtee Diktamos, daneben wachsen Johannisbrotbäume – Heilkräuter, die man schon im Altertum zu schätzen wusste. Weitaus bedeutender für die Samaria-Schlucht war jedoch seit jeher die Eiserne Pforte. Immer wieder versuchten ausländische Besatzer sie zu durchbrechen, ohne Erfolg. Denn die Schlucht diente kretischen Rebellen und Widerstandskämpfern als Versteck. Den Höhepunkt gab es im 18. Jahrhundert, als rund 200 Kreter die Sideroporta gegen türkische Truppen verteidigten und damit Tausenden in die Schlucht geflüchteten Inselbewohnern das Leben retteten. 100 Jahre später starteten die Türken einen weiteren Versuch, scheiterten erneut und fackelten am Ende das Dorf Agia Roumeli ab.

Der neue Küstenort Agia Roumeli ist ein erholsamer Fleck zwischen schroffen Bergwänden und blauem Meer, ein verschlafenes Nest am Ende der gewaltigen Schlucht: ein paar Tavernen und Pensionen, ein Kieselstrand, keine Straßen. Wer hierher will, wandert oder kommt per Boot. Kaum vorstellbar, dass hier mal die bedeutende Tempelstadt Tarra lag – mit eigener Münzprägung und ausgiebigem Holzexport nach Altägypten. Im Museum von Chania zeugt eine antike Steinsäule vom damaligen Prunk. Heute erwacht das Dorf erst, wenn im Sommer Touristenscharen aus der Schlucht herauskrabbeln. Für ein paar Stunden werden Liegen auf die Kiesel gestellt, Stühle auf die schattigen Terrassen, bis die Wanderer am Nachmittag wieder verschwinden, mit Fähren nach Paleochora und Hora Sfakion. „Wir übernachten in Agia Roumeli und gehen morgen früh noch mal von hier aus zur Sideroporta“, sagt Eleni mit einem Lächeln im Gesicht. Viele Wandermuffel machen das so. Der vier Kilometer kurze „Lazy Way“ gibt zumindest einen kleinen Einblick in Kretas berühmteste Schlucht.