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Ein König geht vor Gericht

Pünktlich zur Audienz parken wir unseren Mietwagen auf einem palmenbestandenen Vorplatz. Wo ist der Palast? Zum Herrscher über 3500 Bewohner der Osterinsel gehört doch eine angemessene Residenz. Rapa Nui, so der polynesische Inselname, ist ein Stecknadelkopf in der Weite des Pazifiks, die einsamste Insel der Erde, rund 4000 Kilometer von jeder anderen Besiedlung entfernt. 1888 wurde sie von Chile annektiert, die Insulaner haben sich stets gegen die Einverleibung gewehrt. Zuletzt 2010, als 500 Wagemutige das Regierungsgebäude und das einzige Fünf-Sterne-Hotel der Insel monatelang symbolisch besetzt hielten. Die 27 Polizisten auf der Insel verschanzten sich vor Schreck in ihrem Gebäude. Ein Flugzeug brachte eine Spezialeinheit des chilenischen Militärs, die den Aufstand zügig niederknüppelte.

Ein Affront für Valentino Riroroko Tuki, den König von Rapa Nui. Der 62-Jährige, der erst Bauer und Fischer war und später als Tänzer mit einer Folkloregruppe um die Welt reiste, stülpte sich eine Federkrone auf den Kopf, den hölzernen Herrscherstab hat einer seiner Enkel mit polynesischen Rhomben beschnitzt. So verklagte er Anfang 2012 den Staat Chile: auf 250 Millionen Euro Schadenersatz für erlittenes Unrecht der indigenen Bevölkerung und auf Rückgabe der Insel an die Familienclans - einschließlich aller Grundstücke und Ländereien, die einigen der 1500 zugewanderten Chilenen gehören, vor allem Hoteliers. Ein Affront für Investoren und Unternehmer.

Der König tritt aus seinem Holzhaus, das nur etwas größer ist als eine deutsche Schrebergartenlaube. Davor zwei Plastikstühle, herumliegendes Spielzeug seiner 24 Enkel und das aufgebockte Moped eines seiner acht Kinder. Er ist bemüht um die Würde seines Auftritts. Sympathisch, mit offenem Blick, temperamentvoll. "Wir wollen unsere Unabhängigkeit", sagt er. "Wir gehören nicht zum Staat Chile." Die über 30 Vertreter des Inselparlaments hätten ihn in einer Krönungszeremonie auf einem öffentlichen Platz zum König ernannt. Er sei der Urenkel des letzten Königs Simeón Riro Kainga, der 1898 zu Verhandlungen mit den Chilenen nach Valparaiso gereist war und dort vergiftet wurde. So konnte der "Acuerdo de Voluntades", das Abkommen, mit dem die Osterinsel unter den "Schutz" Chiles geriet, nicht aufgelöst werden. "Das ist nun meine Aufgabe", sagt Tuki und strafft sich.

Mit festem Blick auf die Moai, die meterhohen inselbeschützenden Figuren mit den ironischen Gesichtern entlang der Küsten. Sie sollen ihm helfen, wenn er die Klage vor einen internationalen Gerichtshof bringt. "Noch in diesem Jahr", sagt er. Und verabschiedet sich mit festem Händedruck und leuchtenden Augen.

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