New Mexico

Am Tafelberg der Acoma-Indianer - ein besonderer Ort

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Willi Keinhorst

In der Wüste New Mexicos leben nur noch wenige Nachfahren der Ureinwohner. Ihre Pueblos wirken wie Siedlungen aus einer vergangenen Zeit.

Gigantische Sandstein-Formationen ragen in den tiefblauen Himmel über der Hochebene. Die Touristen genießen die Aussicht von einem der hier typischen Tafelberge - 110 Meter über der Wüste. Darauf steht Acoma Pueblo, auch "Sky City" genannt, ein Indianerdorf in der Nähe von Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico.

"Seit 1100 Jahren leben die Acoma-Indianer an dieser Stelle", sagt der Führer mit den pechschwarzen Haaren. "Das ist unser Boden." Der Bus mit den Besuchern ist über eine Straße vom Touristenzentrum aus auf den Gipfel gefahren. Es gibt aber auch einen Fußweg, der sich den Berg hinaufwindet. Und einen ehemaligen Geheimpfad: "Hier beginnt er", sagt der Führer und weist auf die jäh abfallenden Felsen. "Ich rate Ihnen aber, es nicht zu versuchen." Ein Blick in die Tiefe überzeugt die Touristen davon, dass der Mann recht hat.

Acoma Pueblo ist typisch für New Mexico. Hier vermischen sich indianisch-mexikanische Kultur und christlich-abendländische Einflüsse. So steht an einem Platz im Dorf zwischen den terrassenförmig gebauten Häusern eine riesige Kirche. 1640 wurde San Esteban del Rey nach elfjähriger Bauzeit fertiggestellt. Die Kirche wirkt überdimensioniert - so, als wollten die spanischen Missionare durch das Gebäude dokumentieren, wer hier das Sagen hat. Doch die indianische Kultur ist nach wie vor lebendig. Für die Acoma ist es kein Widerspruch, an einen Gott und an viele Götter gleichzeitig zu glauben.

In diesem Land ist viel Blut geflossen. Nicht nur, weil kriegerische Stämme wie die Apachen den ansässigen Indianern das Leben schwer machten. Bei der Eroberung durch die Spanier kam es zu Massakern. 1680 erhoben sich die vereinigten Indianerstämme und verjagten die Unterdrücker, die jedoch einige Jahre später wiederkehrten.

Gab es vor der europäischen Eroberung noch mehr als 100 Siedlungen wie Acoma Pueblo, sind heute nur noch 19 bewohnt. Lange Zeit waren Indianer in den Vereinigten Staaten Menschen zweiter Klasse. Bis 1924 besaßen sie in New Mexico nicht einmal eine US-amerikanische Staatsbürgerschaft, erst seit 1948 dürfen sie im Bundesstaat wählen. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es eine starke Rückbesinnung der Indianer auf ihre eigene Kultur gegeben. Die Erhaltung der Pueblos und eine Reihe hervorragender Museen zur indianischen Geschichte wie zum Beispiel in Albuquerque zeugen davon. Inzwischen verdienen die Indianer aber ordentlich Geld. Der Grund: Sie sind nicht an das Glücksspiel-Verbot gebunden. So hält sich fast jeder Stamm ein eigenes Kasino, an das meistens noch ein Hotel sowie Geschäfte angegliedert sind. Die Einnahmen sind wichtig für die Stämme. Es kostet viel Geld, die Traditionen wie Tänze oder die Sprache weiterzugeben. Und es gibt ein Problem, über das allerdings nicht gerne in der Öffentlichkeit gesprochen wird: Alkoholismus.

Die Pueblo-Völker in New Mexico gelten als Nachkommen der Ureinwohner Nordamerikas, der Anasazi. Die verließen um 1500 ihr Siedlungsgebiet und verschwanden. Warum, ist immer noch nicht geklärt: War es eine Dürre, war es Krieg? Ihre Spuren finden sich noch immer in New Mexico, so im Chaco Culture National Historical Park oder im Bandelier National Monument. In die Canyon-Steilwände hinein bauten die Anasazi ihre Höhlen-Siedlungen, die heute noch besichtigt werden können. Über Holzleitern gelangt man hinein. Hier, in luftiger Höhe, wurde gewohnt, im Tal wurden Bohnen, Kürbisse und Mais angebaut. Eine etwas einseitige Speisekarte, deren Zutaten aber auch noch aktuell sind. Ergänzt werden sie heutzutage vor allem durch Chilis, den grünen und den roten. Die Küche New Mexicos ist sehr deftig und sehr würzig. New Mexico ist nicht nur wegen der Indianer, ihrer Kultur und Sitten, geschichtsträchtiger Boden. Nach der Entdeckung von Öl und anderen Bodenschätzen zogen in der Pionierzeit viele Menschen von der amerikanischen Ostküste hierher. Die Städte, die sie nach Aufgabe des Abbaus verließen, locken heute als "Ghost Towns" eine Menge Besucher an. 17 dieser Geisterstädte können besichtigt werden. Besonders empfehlenswert sind Los Cerillos in der Nähe von Santa Fe und Alma, an der äußersten Grenze zu Arizona gelegen. Dort war einst das Zuhause der "Wild Bunch Gang", einer elfköpfigen Banditenbande unter der Führerschaft der Gesetzlosen Butch Cassidy und Sundance Kid. In Privatbesitz befindet sich die Geisterstadt Shakespeare. Dank der Bemühungen der Besitzerfamilie ist Shakespeare heute in einem Zustand, der dem Original sehr nahe kommt.

Was sich bei einem Aufenthalt im Südwesten der USA dem Besucher jedoch am nachdrücklichsten einbrennt, ist das großartige Zusammenspiel von Natur und Klima. Die amerikanische Schriftstellerin Willa Cather hat es so unnachahmlich in ihrem Buch "Der Tod kommt zum Erzbischof" (1927) beschrieben: "In Neu-Mexiko erwachte er immer als junger Mann. Erst wenn er aufstand und sich rasierte, wurde ihm klar, dass er älter wurde. Als Erstes kam ihm aber der leichte, trockene Wind zu Bewusstsein, der durchs Fenster hineinblies, beladen mit dem Duft von heißer Sonne, Salbeibüschen und Klee - ein Wind, der einem das Gefühl körperlicher Leichtigkeit gab und das Herz - wie das eines Kindes - ausrufen ließ: ,Heute - heute.'"

Ein solches Gefühl überkommt einen auch, wenn man auf dem Tafelberg steht, in "Sky City", der Himmelsstadt, und auf die majestätische Landschaft schaut. Dann weiß man, warum New Mexico auch "Land of Enchantment" genannt wird, das verzauberte Land.

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