Portugal: In die fast vergessenen Schieferdörfer des Pinhal kehrt der Tourismus zurück

Erwacht aus einem tiefen Dornröschenschlaf

Eingebettet in eine gebirgige Landschaft zwischen Porto und Lissabon, entfalten diese Orte einen eigenen Charme.

Himmlisch, dieser Duft von frischem Brot und Braten, der aus dem Backhäuschen zieht. Antonio rückt die Stirnlampe zurecht und beleuchtet im Steinofen ein Stillleben zum Anbeißen: Hinter der Glut köchelt im Keramiktopf Schwein in Rotwein auf Kastanien gebettet, daneben backen dicke Brote mit herrlich röscher Kruste. Den Gästen im winzigen Weiler Casal de São Simão läuft das Wasser im Mund zusammen, haben sie doch nach einer knackigen Wanderung durch Korkeichenhaine, Lorbeerwälder und über blühende Heidehügel einen Bärenhunger. Und für diese würzig-deftige Hausmannskost nach alten Rezepten geht man auch gerne meilenweit.

Wir sind in einem der 23 Schieferdörfer des Pinhal, eines gebirgigen Landstrichs zwischen Porto und Lissabon. Obwohl nur eine Stunde von der Universitätsstadt Coimbra entfernt, lag die ganze Region lange Zeit verlassen und fast vergessen in einer Art Tiefschlaf. Die Jungen wollten nicht mehr an felsigen Hängen Ziegen hüten, Kraut und Rüben pflanzen und im Winter in einer kalten Steinkate frieren. Sie suchten ihr Glück in den Städten und im Ausland. Zurück blieben die Alten in zerfallenden Dörfern, wo bald wild wucherndes Dornengestrüpp die Häuserruinen umschlang. Zum Glück kamen hier und dort ein Prinz des Weges, der sich in eine schlafende Schöne verliebte und sie zärtlich wachküsste.

Anibal Quinta ist so einer, der dem Charme dieser stillen Orte verfiel. Als er vor rund 20 Jahren Casal de São Simão entdeckte, waren gerade noch vier Häuser bewohnt. "Man muss schon etwas verrückt sein, um so viel Geld, Zeit und Schweiß in einen Haufen Steine zu investieren", lacht Anibal. Aber er konnte Freunde und Freunde von Freunden überzeugen, dass es sich lohnt, das Dorf wieder originalgetreu als Feriendomizil aufzubauen. Auch Antonio Fael - der begnadete Koch am Steinofen - hat in fast zehn Jahren eines der mächtigen Steinhäuser vorbildlich rekonstruiert und nun für Gäste geöffnet. Die dicken Stein- und Schiefermauern, die wuchtigen Deckenbalken und Kamine - alles wirkt, als sei hier seit Jahrhunderten nichts verändert worden. Insgesamt 20 Gäste können zurzeit im Dorf beherbergt und bewirtet werden. Mit den Urlaubern soll neues Leben einziehen, und zudem will man junge Menschen ermutigen, sich eine Existenz aufzubauen.

So freuen sich die bisher nur noch drei ständigen Bewohner von São Cimão, die 94-jährige "Tante Lucilie" und ein Rentnerehepaar in den Siebzigern mächtig über frisches Blut. Die 24-jährige Ana Sofia und der 27-jährige Fernando Pinto wagen hier mit ihrem kleinen Unternehmen "Go outdoor" den Schritt in die Selbstständigkeit. Die beiden studierten Umweltingenieure bieten geführte Wander- und Trekkingtouren, Mountainbike-Trails und Kajaktouren auf dem Rio Zezere. Auch für botanische und ornithologische Führungen haben sie genügend Wissen, versichert Fernando. Mit Hilfe einer Naturschutzorganisation hat er viele Kilometer alter Bauernwege und Ziegenpfade freigelegt, mit Steinmännchen markiert und so zu attraktiven Wanderwegen gemacht. Und seit auch die EU in das Projekt der "Aldeias do Xisto", der Schieferdörfer, eingestiegen ist, fließen munter die Euros. Investiert wird in "behutsame Infrastruktur" für sanften Tourismus, der aktive Naturfreunde ebenso herlocken soll wie stille Genießer und Feinschmecker mit Hang zum Rustikalen.

Davon profitieren auch die Dörfer in der Serra Lousa. In Bergnestern wie Gondramaz, Cinqueiro oder Talasnal wurden Gassen gepflastert, wo nötig Strom und Abwasser verlegt, hat man an Gebäuden gehämmert und gesägt. So werden aus alten Hütten schmucke Domizile, urig anzuschauen, aber mit modernem Komfort ausgestattet. Doch lange bevor die EU sich für das Pinhal Centro interessierte, hat die Deutsche Kerstin Thomas bereits das Dorf Cerdeira vor dem endgültigen Verfall bewahrt. Das Studium brachte sie in die Universitätsstadt Coimbra, bei einem Ausflug entdeckte sie den winzigen, abgelegenen Schieferweiler und wusste sofort: Hier will ich leben. Mit viel Idealismus schufen sich Kerstin und ihr Partner ein einfaches Heim mit Werkstatt mitten in ursprünglich wilder Natur. Nun verdient die studierte Holzkünstlerin ihren Lebensunterhalt mit Krippenfiguren, Holzkalendern und Puppen. Ab und zu organisiert sie auch Kunstausstellungen in den Dorfgassen. Und als die Stromversorgung vor wenigen Jahren auch Cerdeira erreichte, hat Kerstin ein Schieferhäuschen für Feriengäste hergerichtet. Sie und andere Kunsthandwerker und Erzeuger regionaler Produkte wie Kräuter, Honig oder Likör bieten ihre Waren auf Märkten und in den neuen Spezialläden der "Aldeios do Xisto" an.

Auch die Serra Lousa ist Wanderland für Entdeckernaturen. Auf gerade eben freigeschlagenen Bergpfaden wandern wir durch eine steinige Heide- und Ginsterlandschaft von Aigra Velha nach Aigra Nova. Stolz zeigt die alte Bäuerin Louisa ihre 24 Ziegen im Stall, und auf den Feldern steht Kohl und Mais. Seit die Organisation der Schieferdörfer hier einen Laden eröffnet hat und Gäste bewirtet, kommt Louisas Kohl und auch mal ein Zicklein auf den Tisch, das vorher in Rotwein eingelegt und zu köstlicher "Chanfana" verkocht wird.

Nicht minder reizvoll ist das Tal des teils aufgestauten Rio Zezere. Wer ein paar Tage in Janeiro de Cima in Manuela Margalhas "neuen alten" Steinhäusern mitten im Dorf verweilt, hat die Ehre, vom Bürgermeister höchstpersönlich mit einem alten Nachen über den Fluss gestakt zu werden. Die Fährmannstradition soll erhalten bleiben - zudem beginnt am jenseitigen Ufer ein schöner Wanderweg. Mit 200 Seelen zählt Janeiro de Cima zu den belebtesten Schieferdörfern. Ein hervorragendes Restaurant und Amerigos gut bestückte Bar locken zusätzlich Ausflügler in den Flecken. Und im restaurierten "Haus der Weber" sitzen an neuen Webstühlen wieder Frauen aus dem Dorf, damit die Tradition in der Region nicht ausstirbt.

Der Charme der Schieferdörfer liegt in ihrer Ursprünglichkeit und der natürlichen Herzlichkeit ihrer Bewohner. In Alvaro zum Beispiel, einem schneeweißen Nest auf einem Bergsattel über dem Fluss, wird jeder Fremde noch freundlich bestaunt. Frauen unterbrechen ihren Schwatz am Dorfbrunnen, scherzen mit den Besuchern und rufen den Küster herbei, damit er die Kirche aufschließt.

Herzerfrischend wirkt auch Teresa Almeida, die sich ein Stück flussabwärts beim Weiler Madeira ihren Traum verwirklicht hat. "Ich liebe diese Gegend, wo ich als Kind beim Großvater die Ferien verbrachte." Durch Zufall entdeckte sie das Landgut Vilar dos Condes, ein ehemals stattliches Anwesen. "Alle hielten mich für "louca", etwas plemplem, als ich vor zehn Jahren diese Steinhaufen im grünen Nirgendwo kaufte."

Seitdem hat Teresa jeden Cent ihres in Lissabon verdienten Geldes in ihre Vision von einem besonderem Ort der Gastlichkeit gesteckt. Aus Ruinen wurde ein Schmuckstück, wie es nur mit viel Liebe und Geduld entstehen kann: Sechs Ferienhäuser, verspielt und unkonventionell in jedem Detail - wie die Besitzerin. Viele der alten Möbel haben Freunde ihr überlassen, viele stammen vom Sperrmüll aus Lissabon. Doch was Teresa daraus gemacht hat, könnte einem Hochglanzmagazin "Kreativer Landhausstil" entstammen. Die ehemalige Bodega, das Weinlagerhaus, wurde zum Gastraum, in dem sich locker 20 Gäste um den Tisch scharen können. In der Küche regiert Fernanda aus dem nahen Dorf und bekocht die Gäste. Dann stapeln sich Köstlichkeiten auf dem Tisch, dass sich die dicken Balken biegen: Grüne Suppe, Würste und Käse, Bacalao, verschiedene Stockfisch-Variationen und Cozida, ein würziger Rindfleischeintopf. Und süße Tigeladas, jene Eierschaum-Küchlein, denen sowieso niemand widerstehen kann.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.