GRIECHENLAND

Zwei Perlen in der Ägäis

Nur ein paar Stunden mit der Fähre von Kos oder Rhodos - dann liegen Tilos und Nissiros voraus. Sie zählen zu den stillsten Inseln des Dodekanes.

Nikia. Der kleine Touristendampfer, auf dem wir am Morgen von der Insel Kos abgefahren sind, passiert gerade die Insel Gili mit den weißen Bimssteinufern, als der Meltimi über uns herfällt. Er hebt das Schiff auf weiße Schaumkronen und lässt es von einem Wellental ins nächste taumeln. Die Urlauber, meist Tagesausflüger von Kos, klammern sich kreidebleich an den Sitzbänken und der Reling fest. Zum Glück ist Nissiros schon in Sichtweite, ein buchtenloses, kreisrundes Inselchen im südlichen Dodekanes zwischen Kos und Rhodos, auf dem eines der größten Naturwunder der Ägäis bestaunt werden kann: der einzige noch aktive Vulkan Griechenlands. "Kos und Rhodos sind wie zwei riesige Mutterschiffe, die ständig ihre Boote zu uns herüberschicken", wettert Pavlos, ein kleiner graubärtiger Grieche, den wir in dem Inseldörfchen Nikia treffen. In das Fenster seines Hauses hat er ein Schild gehängt: "No television, no phone, no money - no worries!" Zwanzig Jahre lang, so erzählt er, habe er in Boston (USA) gelebt, vor zwei Jahren nun sei er zurückgekehrt nach Nissiros, wo er geboren wurde. Für den Trubel, der sich jeden Morgen am winzigen Inselhafen Mandraki abspielt, hat er nur ein Achselzucken. Da ist auf Nissiros alles unterwegs, was Räder hat: Beinahe in Kolonne karren die drei Taxis und fünf Inselbusse die Ausflügler von Kos und Rhodos an den Kraterrand der dreieinhalb Kilometer breiten Caldera, die sich über die ganze Insel erstreckt. Unten, auf dem 400 Meter breiten Grund des Vulkans, ein Hauch von dantischem Inferno: Heißer Dampf zischt aus Fumarolen, Schwefelbrei brodelt in giftig-gelben Schlammtümpeln. 1873 ist der Vulkan zum letzten Mal ausgebrochen. Doch wer weiß: Schließlich liegt, so die griechische Mythologie, unter der Insel der Titan Polyvotes begraben - eingeklemmt unter einem riesigen Felsbrocken, den Poseidon im Zorn von Kos abbrach und auf ihn schleuderte. "Manchmal versucht er, den Stein von sich abzuwälzen", erzählt Ingrid, eine Deutsche, die vor einigen Jahren den griechischen Lehrer der Insel geheiratet hat. "Das spüren wir dann als Erdbeben." Ist es die Angst vor dem Vulkan, die das Inseldorf Nikia entvölkert hat? Der Ort, auf 600 Meter Höhe direkt am Kraterrand, ist eine Geisterstadt. Nur noch zwanzig Einwohner leben hier. Dennoch wirkt Nikia so, als seien die Menschen nur mal kurz zum Einkaufen gefahren: Blumenkübel schmücken die Hauseingänge in den Treppengassen, alle Häuser leuchten so weiß, als seien sie gerade frisch getüncht worden. Wir sitzen vor dem Cafe von Nikia unter einem grünen Blätterdach von Tamarisken. Hin und wieder wehen die Schwefelschwaden zu uns herüber. Doch was machts? Wir essen frischen Ziegenkäse und genießen den trockenen Inselwein, den uns die Wirtin auf den Tisch gestellt hat. Nur selten verirrt sich ein Tourist hier hinauf. Wir lauschen in die Stille und können Pavlos nur zustimmen, der glücklich darüber ist, dass die Topografie der Insel und der ständige Wassermangel den Bau größerer Ferienanlagen nicht zulässt - abgesehen von der Thermalanlage im Fischerdörfchen Pali, erbaut noch von den Italienern, die den Dodekanes zwischen 1912 und 1947 besetzt hielten. Am nächsten Morgen: Schon früh um vier Uhr soll die Fähre ablegen, die uns weiter nach Tilos bringt. Griechische Fähren sind selten pünktlich, das wissen wir. Dennoch sind wir rechtzeitig am Hafen. Ein paar Rucksacktouristen liegen, in Schlafsäcke gerollt, auf der Mole. Der Hafenpolizist schläft auf einem Stuhl vor dem Hafenamt, und aus dem Lautsprecher des kleinen Cafes, das so früh schon geöffnet hat, klingt der Uralt-Schlager "Ein Schiff wird kommen . . . " Und es kommt tatsächlich - aber mit anderthalb Stunden Verspätung, der "Poseidon-Express", der die Dodeskanes-Inseln mehrmals in der Woche mit Piräus und Rhodos verbindet. Ein Lastwagen, beladen mit Ziegen und Schafen, rollt in den Bauch der Fähre, dann legt sie schon wieder ab. Die Sonne ist gerade aufgegangen, als wir Tilos erreichen. Felsig, zerklüftet, ausgedörrt von regenlosen Sommern taucht die Insel aus der Morgendämmerung auf, ein grauer, überdimensionaler Saurierrücken. Vom Inselhafen Livadia zum Hotel "Irini", unserer Pension, sind es nur wenige Schritte. Übermüdet fallen wir in den Schlaf, erwachen zwei Stunden später durch ein ohrenbetäubendes Spektakel: Tausende von Zikaden zirpen um die Wette, der Lärm übertönt den Gesang der Vögel, die kräftig dagegenhalten. Das kleine Hotel ist von einer Blütenpracht umgeben wie ein Dornröschenschloss. Stolz führt uns Ilias Christofis, der Wirt, durch seinen Garten voller Jasmin, Hibiskus, Oleander und Bougainvillea, zeigt uns den winzigen Kieselstrand. Das Wasser ist klar und kühl - bester Muntermacher nach einer schlaflosen Nacht. Am Nachmittag mieten wir uns an der Platia von Livadia zwei Motorbikes. Wir wollen zum Agios Panteleimon, einem unbewohnten Festungskloster aus dem 18. Jahrhundert, ganz im Nordwesten dieses bergigen Eilandes, das noch völlig unberührt ist vom Massentourismus und auf dem nur vierhundert Menschen leben. In steilen Serpentinen windet sich der Weg hinauf, vorbei an verödeten Ruinen des Geisterdorfes Mikro Chorio, das von seinen Einwohnern vor fünfzig Jahren verlassen wurde, vorbei auch an der Höhle von Charkadio, in der Paläologen erst 1972 die Überreste einer ganz ungewöhnlichen Spezies entdeckten - die Skelette eines schon vor Jahrtausenden ausgestorbenen Zwergelefanten. Macchia wuchert in den weiten Tälern, silbern glänzt das Meer in der warmen Sonne dieses Nachmittags. Zwei Stunden Fahrt, dann erscheinen plötzlich byzantinische Kuppeln im Grün eines kleinen, alten Klostergartens. Frisches Quellwasser sprudelt aus einem Brunnen zwischen Platanen und Feigenbäumen an der Klostermauer. Achtzehn Mönche lebten früher in Agios Panteleimon, heute sind Katzen in die Zellen eingezogen; sie schlafen auf den Matratzen der zwölf Gästebetten - auf jedem eine. Es gibt keinen, der sie von hier vertreiben könnte, auch nicht die zwei Arbeiter, die den Weg zum Kloster gerade mit frischen Rosenstöcken bepflanzen. Im Gegenteil: Sie füttern sie mit Fischköpfen, Wurstzipfeln und Weißbrot, in Olivenöl getunkt. Einer bringt uns zwei Plastikbecher mit frischem Frappe und schließt die Tür zur Klosterkapelle auf. Dann sind wir wieder allein mit den Katzen zu unseren Füßen - und dem Gefühl, dass der Rest der Welt Tilos übersehen hat.